Chuck, der 52-jährige Lebenskünstler aus Cancún, Mexiko, hat lange nachgedacht, womit man die Wucht eines Hurrikans vergleichen könnte. Dann fiel es ihm ein, er lud sein Kleinkalibergewehr und schoss auf die neuen Fenster seines Hauses. Die Kugeln prallten ab. Panzerglas, sagt Chuck, es hat gehalten, »da war ich beruhigt. Ich wusste, der Sturm kann kommen.« In dieser Woche geht es von den USA nach Brasilien. BILD

Der Sturm kam, und Chuck Jahl, von Beruf Geschäftsmann, behielt Recht. Im vergangenen Oktober wütete Wilma, der stärkste jemals gemessene Hurrikan, zwei Tage über der mexikanischen Ferienburg Cancún. Einige Tote, Tausende zerstörte Häuser, den Gesamtschaden schätzen Versicherungen auf ein paar Milliarden Dollar. In den deutschen Abendnachrichten jedoch blieben Wilma und die Folgen nur eine kurze Sequenz. Man war noch zu sehr schockiert vom Hurrikanvorgänger Katrina, der New Orleans in einen Albtraum verwandelt hatte. Auch die Ressourcen Mitgefühl und Erschütterung haben Grenzen.

Chucks Haus liegt ein paar Kilometer von Cancún entfernt direkt am langen weißen Strand. Ein Häuschen neben dem anderen, kilometerlang, so war es einmal. Jetzt steht nur noch Chucks Haus, auch beschädigt, der Steg ins Meer hinaus ist weg, die Palmen sowieso, eine Mauer brach, modriges Salzwasser drang durch eine Tür. Aus den meisten Nachbarhäusern sind unbewohnbare Ruinen geworden. Manche sehen aus, als hätte ein ungehobelter Riese mit ihnen gespielt. Ein Haus riss Wilma in der Mitte durch, das Schlafzimmer hängt jetzt schief und nackt über dem Strand, als wäre es eine Theaterkulisse. Dieses Haus hatte der hiesige Bauminister gebaut. Es hatte nicht mal ein richtiges Fundament. Der Minister wollte sparen. Ein Fressen für Wilma.

Vor dem Einschlafen schnell noch ein Blick auf die Sturmwarnungen

Chuck sagt, in den letzten Jahren, aber vor allem 2005, sei sein wichtigster Begleiter die Website des Sturmwarnungszentrums in Florida gewesen. Alle zwei Stunden würden dort die Nachrichten aktualisiert, und man sehe, wo sich ein neuer Sturm aufbaut, wo genau er erwartet wird und wie kräftig er sein wird. »Vor dem Einschlafen schaue ich noch mal drauf, und es ist der erste Blick nach dem Aufwachen. Es geht nicht anders.«

Cancún ist die dritte Station einer Reise, die den Spuren des Klimawandels folgt und in den USA begann. In Phoenix an der amerikanischen Westküste fahren wir mit Charles Redman durch die Stadt, einem Universitätsprofessor, der mit vielen Gedanken und noch mehr Geld einen besonderen Kampf führt für das, was er ein »menschenwürdiges Weiterleben von uns Menschen« nennt. Er sagt, es seien die Wünsche, die alles entscheiden. »Wir haben uns unendlich daran gewöhnt, einen Wunsch zu haben und dann vieles daranzusetzen, dass sich dieser Wunsch möglichst rasch erfüllt. Darauf ist zum großen Teil unsere westliche Zivilisation aufgebaut. Jetzt muss allen klar werden: Wir müssen uns verabschieden von diesem Prinzip. Wenn nicht, werden es unsere Wünsche sein, die uns umbringen.« Viele dieser Wünsche haben das Klima verändert. Sechs Milliarden Menschen leben auf der Erde, immer mehr wollen Autos, Kühlschränke, Klimaanlagen, Kraftwerke. Durch die zunehmende Erderwärmung, mitverursacht durch den Milliarden Tonnen schweren Ausstoß der CO2-Gase, werden immer extremere Wetterereignisse gezüchtet, Stürme, Überflutung, Erdrutsche, Dürre.