Karriere Mama macht Karriere
Wie Frauen in Deutschland Kinder und Job schaffen, ohne den Verstand zu verlieren - drei Beispiele
Das Wort unmöglich begegnet diesen Frauen häufig. Schon als sie anfingen, laut über ein solches Leben nachzudenken. Später, als sie sich so entschieden hatten, oft hinter ihrem Rücken: »Unmöglich, die armen Kinder.« Die Frauen hatten die Wahl zwischen Kindern und Karriere – und sie haben sich für beides entschieden. Sie sind deshalb keine Heldinnen. Sie zweifeln und verzweifeln manchmal, und ihr Tag hat auch nur 24 Stunden.
Auch wenn er Ariane Krampe manchmal noch viel kürzer vorkommt. Es ist halb neun Uhr morgens. Wenn dies ein Film wäre, dann würde die Kamera jetzt die beiden Kinder auf dem Weg zum Spielplatz zeigen, die fünfjährige Paula mit ihren roten Haaren und dem neuen glitzer-rosa Lillifee-Ranzen und den dreijährigen Vincent auf seinem grünen Plastiktraktor. »Tschüs, Mama«, rufen sie fröhlich und winken noch mal, ohne sich umzudrehen. Neben den beiden Kindern geht Siegrun, eine junge, bayerische Kinderfrau. Schnitt. Die Mutter ist vor der Garage stehen geblieben, lächelt, winkt, sie sieht ein bisschen müde, aber zufrieden aus. Die Kamera schwenkt hoch, zeigt die Straße von oben, viele Bäume, große, weiße Einfamilienhäuser, drei parkende Autos, Morgensonne, der Tag wirkt wie frisch gewaschen. Man sieht die Mutter in ihr Auto steigen.
»Die beiden werden mich bis zum Abend kaum vermissen, und das ist wunderbar so«, sagt Ariane Krampe und startet den Wagen.
Manchmal schwebt das Leben, und das hier ist einer dieser Momente. Alles ist in perfekter Balance, die Kinder sind unbeschwert, und die Fernsehfilmproduzentin Ariane Krampe freut sich auf ihre Arbeit. Einen Moment lang ist da dieses Glücksgefühl, das Gefühl: Es gelingt.
Ich kriege es hin, eine gute Mutter zu sein und eine gute Filmproduzentin. Alle Mütter, die arbeiten und die das nicht nur des Geldes wegen tun, sondern weil sie ihren Job mögen, weil ihnen die Anerkennung wichtig ist, weil sie sich in die Welt außerhalb ihres Haushalts einmischen wollen, kennen dieses Gefühl. Es ist wie ein kleiner Rausch: die Hoffnung, dass der eigene Lebensentwurf aufgehen könnte. Kinder und Karriere. Am Abend zuvor saß Ariane Krampe zum Interview in einem bayerischen Gasthaus, es war spät, an den Nachbartischen waren schon die Stühle hochgestellt, sie gähnte versteckt, nein, nein, müde sei sie nicht, wir könnten gern noch weiterreden. Ob sie schon von ihrer Zweidrittelthese erzählt habe? »Als Frau in Deutschland kann man nur zu zwei Dritteln glücklich werden, das volle Glück ist in diesem Land fast nicht machbar. Entweder Job und Partnerschaft oder Partnerschaft und Kinder oder Kinder und Job, aber alle drei Aspekte zusammen, das gibt es nur selten, das sind die ganz großen Ausnahmen«, sagt sie. Womöglich gibt es Argumente und Beispiele gegen diese These, aber an diesem späten, verregneten Abend fallen ihr nur Frauen ein, die sich entschieden haben, auf eines zu verzichten, oder die sich in ihrem Alltag zwischen Job, Kindern und Partnerschaft aufreiben.
Auf der Fahrt ins Gasthaus hatte Ariane Krampe erzählt, dass sie sich früher immer drei Jungs gewünscht habe, sie lachte dabei ihr tiefes, ansteckendes Lachen. Drei Jungs! Das war, bevor sie ihr erstes Kind, Paula, bekam, bevor sie Filmproduzentin und Geschäftsführerin der sehr erfolgreichen Produktionsfirma teamWorx wurde, das war, bevor sie begriff, dass der Vater von Paula und Vincent nicht der Partner ist, den sie sich an ihrer Seite gewünscht hatte. Sie haben es einige Jahre lang miteinander probiert, bis sie endgültig feststellten, es funktioniert einfach nicht mit ihnen beiden. Der Mann zieht nun bald aus. Das ist traurig, aber manches wird dadurch auch leichter werden. Zwei Drittel halt.
Als Ariane Krampe den schwarzen A-Klasse-Mercedes vor dem Gasthaus parkt und die Autotür öffnet, ist da eine tiefe Pfütze unter ihren Füßen, über die sie hinwegspringt. Sie trägt flache Schuhe und Jeans, ein rosa Poloshirt, eine graue Strickjacke. Man kann sie sich nur schwer in einem Kleid oder einem Rock vorstellen. Ariane Krampe ist 43 Jahre alt, zweimal erhielt sie den Deutschen Fernsehpreis. Eine hässliche Plexiglasskulptur, die in der Branche viel bedeutet. Einmal für den Fernsehfilm Der Tunnel, da war sie mit Paula schwanger; einmal für Tanz mit dem Teufel über die Entführung von Richard Oetker, da war sie mit Vincent schwanger.
Obwohl die Fernsehproduzentin Ariane Krampe gerade zwanzig Filme (in verschiedenen Planungsstufen) betreut, ist sie auch eine Übermutter. »Jede freie Minute verbringe ich mit den Kindern.« Sie möchte Paula und Vincent das gleiche sehr warme Nest bereiten, das sie als Kind genossen hat, und trotzdem noch einen Filmpreis gewinnen. Nur: Geht das? Oder besser: Wie kann das gehen? Fragen, auf die Ariane Krampe jeden Tag wieder passende Antworten zu finden versucht.
Eine ihrer Antworten heißt Siegrun. Die rotwangige Dreiundzwanzigjährige ist mehr als nur ein Kindermädchen, sie ist wie eine sehr große Schwester für Paula und Vincent. Sie kocht das Mittagessen, sie legt Vincent schlafen und bastelt mit Paula eine Puppenstube, sie schafft dieses warme Zuhausegefühl, wenn Ariane Krampe nicht da ist. Siegruns Arbeitsplatz kostet Ariane Krampe gut zweitausend Euro im Monat. Und es ärgert sie wie die Pest, dass sie das Geld nicht von der Steuer absetzen kann.
Als gut verdienende, unverheiratete und neuerdings alleinerziehende Mutter von zwei Kindern wird sie von der Politik bisher benachteiligt. Sie zahlt den höchsten Steuersatz und kann das Gehalt für ihre Kinderfrau nicht absetzen. Und dann noch das Ehegattensplitting: »Das ist ja nicht mal ans Kinderkriegen gebunden. Warum wird eine verheiratete Frau ohne Kinder vom Staat besser behandelt als ich?« Hinter diesem Ärger steht das Gefühl, der eigene Lebensentwurf werde über die Politik noch immer gesellschaftlich sanktioniert.
Manchmal nimmt sie Paula und Vincent und Siegrun mit auf Dienstreisen, um nicht zu lange von ihnen getrennt zu sein. Diesen Luxus rechnet sie sich erst gar nicht in Zahlen aus. Alles zusammen ist so teuer, dass in diesem Jahr kein Geld für den geliebten Tauchurlaub übrig ist. »Gehen wir halt im Starnberger See baden«, sagt sie, und es klingt sehr vergnügt.
An jenem filmreifen Morgen in Grünwald, als Paula und Vincent und Siegrun mit Traktor und Fahrrad zufrieden zum Spielplatz ziehen, scheint es, als wäre das Geld wirklich richtig investiert. Es ermöglicht vier Menschen, ein gutes Leben zu führen.
Ein Rotklinkerhaus in Hamburg-Wandsbek, einer alten Arbeitergegend. Die Sonne scheint, es ist halb sieben an einem Mittwochabend. Die elf-jährige Tessa schlägt mit ihrem jüngeren Bruder Henry Tennisbälle an die Hauswand. Jetzt tritt die Mutter aus dem Haus. Sie trägt eine kurze rote Hose und keine Schuhe, die lockigen blonden Haare sind hochgesteckt. Man könnte sie sich gut mit einem Hockeyschläger unter dem Arm vorstellen.
Sohn: »Mama, kann ich ’ne Banane?«
Mutter: »Kannst auch einen Jogurt haben.«
Sohn: »Auch ’nen Pudding?«
Mutter: »Nein.«
Die Tochter schlägt unbeirrt weiter Tennisbälle an die Hauswand.
Sybille Hartmann kontrolliert 530 Millionen Euro. Das ist der Umsatz, den die Geschäftssparten Langnese und Iglo bei dem Großkonzern Unilever mit Eis, Fischstäbchen und allem Gefrorenen jedes Jahr machen. Sybille Hartmann ist eine Art Finanzministerin bei Langnese/Iglo, sie ist im mittleren Führungsbereich beschäftigt, eine Stufe unterhalb der Geschäftsleitung. In diesem Jahr ist sie einundvierzig Jahre alt geworden. Mit fünfundzwanzig hat sie bei Unilever, dem weltweit zweitgrößten Nahrungsmittelkonzern, angefangen. Mit siebenundzwanzig hat sie geheiratet, mit achtundzwanzig ihre erste Abteilung übernommen, mit dreißig ist sie zum ersten Mal Mutter geworden, und fünf Monate später ist sie wieder berufstätig gewesen. Mit zweiunddreißig hat sie dann das zweite Kind bekommen – dieses Mal erschien sie vier Monate später wieder im Job.
Es geht heute nicht mehr so sehr um die Frage, ob Frauen in Zukunft arbeiten werden. Oder wie weit sie in ihrem Beruf kommen. Die Frage ist, ob sie dabei noch Kinder haben. Wenn sie sich freiwillig dafür entscheiden, ihre Zeit zwischen Kindern und Karriere aufzuteilen, gelten sie schnell als Rabenmütter. Vor zehn, fünfzehn Jahren war das Thema mit diesem Schmähwort meist erledigt. Aber in der letzten Zeit hat sich etwas verändert. Es gibt Frauen in Deutschland, die wirklich Karriere machen und gleichzeitig eine Familie haben – und sich offensiv dazu bekennen.
Sechs Frauen und vierzehn Männer waren sie damals in ihrer Abteilung, als Sybille Hartmann 1989 bei Unilever anfing. Heute, sechzehn Jahre später, arbeiten jene Männer, die bei dem Unternehmen geblieben sind, alle eine Stufe über den Frauen. »Die sagen immer: Ach komm, du wärst doch auch so weit wie wir, wenn du keine Kinder gekriegt hättest«, erzählt Hartmann.
Stimmt das wirklich? Ist sie ihrer Kinder wegen im mittleren Management stecken geblieben? Sie selbst sagt, sie habe einen Kompromiss gemacht, zwischen Leben und Arbeiten.
Sohn: »Mama, darf ich schon fernsehen?«
Mutter: »Nein, ihr schaltet erst um fünf vor halb acht ein, und übrigens, ich unterhalte mich jetzt.«
Dass sie drei Jahre nach ihrem Einstieg bei Unilever heiratete, war ihrem Chef nicht recht. Wer in dem Konzern richtig Karriere machen will, der muss ins Ausland, oft für längere Zeit, der muss rund um die Uhr verfügbar sein, der muss sein wie Wasser, das immer dorthin fließt, wo sich ein Loch auftut. Für einen Aufstieg bis in die Geschäftsführung ist das eine der wichtigsten Voraussetzungen. Sybille Hartmann aber wusste, dass sie eine Familie wollte. Dass sie ein Baumstamm sein würde, über den das Wasser hinwegfließen müsste. »Dann sind Sie jetzt also nicht mehr so flexibel?«, hat ihr Chef sie nach der Hochzeit gefragt. Und es klang, als hätte sie ein Bein verloren. »Ja«, war die Antwort von Sybille Hartmann. »Ich bin jetzt wohl nicht mehr so flexibel.«
Aber geärgert hat es sie doch. Dass ihr Vorgesetzter sie schon mit einem dicken Bauch da stehen sah. Auch wenn es zwei Jahre später tatsächlich so war. Diese übliche Logik – Heirat, Kinderkriegen, Hausfrau –, die hat sie wütend gemacht. Und dass ihr Boss sie offensichtlich nur ohne Familie als vollwertige Arbeitskraft ansah. Gerade er. Manager der alten Generation.
Der sie vor einigen Geschäftsführern einmal mit der Begrüßung vorgestellt hat: »Guten Tag, das ist Frau Hartmann, mein bestes Pferd im Stall.« Ihr lief es damals kalt den Rücken runter. Kurz danach wechselte sie zu Elida Gibbs, der Kosmetikpflegesparte von Unilever.
Als sie zwei Jahre später wieder schwanger war, hatte sie schon einen Plan für die Zeit danach. Sie ging zu ihrem neuen Chef und schlug ihm Folgendes vor: Fünf Monate nach der Geburt sei sie wieder da, und dann wolle sie nur noch eine Zweidrittelbezahlung. Sie werde zwar weiterhin voll arbeiten, aber mit dem reduzierten Gehalt wolle sie sich die Flexibilität erkaufen, Nein sagen zu können, sollte er sie kurzfristig zu einem späten Meeting rufen. Der Chef gab seine Einwilligung.
Der elfte Stock des Unilever-Gebäudes in Hamburg. Trennwände werden herumgeschleppt, Farbe ist am Trocknen. Es wird wieder einmal von Einzelbüro auf Großraum umgestellt. An der Pinnwand hinter Sybille Hartmanns Schreibtisch hängt eine Postkarte mit dem Spruch: »Das Leben ist auch schon ohne Männer schwer genug.« Gegenüber steht der Schreibtisch ihrer Kollegin, mit der sie sich den Job teilt. Sybille Hartmann ist am Telefon. Ihr Gesicht und die Beine sind vom Wochenende im Garten gebräunt. Seit November 2004 ist sie eine von zwei Managerinnen, die sich zum ersten Mal bei Unilever einen Posten so weit oben in der Hierarchie teilen. Ein Job, zwei Frauen, vier Kinder. Viele der deutschen Kollegen waren damals skeptisch, ob das funktionieren könne. Nur der niederländische Chef sagte sofort: »Das machen wir. Das ist eine großartige Idee.«
Als Managerin in Teilzeit verdient sie jetzt netto 2500 Euro, das sind 55 Prozent ihres bisherigen Gehalts. Dennoch: Laut Statistischem Bundesamt steigt die Zahl der Teilzeitstellen. 1997 gab es davon 4,7 Millionen, 2002 waren es 7,2 Millionen. Dass ein niederländischer Chef sie ermutigte, die Deutschen dagegen eher skeptisch an die Sache herangingen, ist für Sybille Hartmann symptomatisch. Aber es tut sich was. In den vergangenen zehn Jahren ist bei Unilever der Anteil von weiblichen Mitarbeitern im mittleren Management von 11 auf 29 Prozent angestiegen, im oberen Führungsbereich von 2 auf 16 Prozent. Und in Hamburg sind im Oktober 2005 zwei Mütter in die Geschäftsführung aufgerückt, Mütter, die im Ausland tätig waren und immer Vollzeit gearbeitet haben.
In ihrem Doppelleben ist Margot Käßmann schon ein bisschen weiter. Ihre älteste Tochter ist 23, die jüngste 14 – und mit Margot Käßmanns Karriere ging es in all den Jahren immer noch weiter. Im Zweifrontenkampf ist die 47-Jährige eine Veteranin, sie hat ihre Kinder sehr früh bekommen und kann fast schon Bilanz ziehen.
Eben ist sie noch mit dem Hund eine halbe Stunde lang am Hannoveraner Maschsee gejoggt, jetzt steht draußen der Dienstwagen bereit, ein schwerer grauer BMW. Es ist acht Uhr morgens. Die Bischöfin lässt sich schwungvoll in den Fonds des Wagens fallen, streift die schwarzen Lederpumps ab und zieht ein Manuskript aus der Handtasche. Gute eineinhalb Stunden dauert die Fahrt, Zeit genug, um eine Rede für den kommenden Tag zu überarbeiten. Über zwölf Stunden lang wird die Bischöfin Käßmann heute im Dienst der Kirche unterwegs sein. In der Tasche des Fahrersitzes klemmen eine Flasche Mineralwasser, eine Bibel und ein Paar dicke Wollsocken für die Rückfahrt in der Nacht.
Als Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers steht die Siebenundvierzigjährige in der Hierarchie auf der höchsten Stufe. Sie ist eine Frau mit Haltung und Standpunkt und hat den Ruf einer Kämpferin. Noch nie saß eine kirchliche Würdenträgerin so häufig in Talkshows. Den Weg von der Vikarin an die Spitze ihrer Kirche hat die Bischöfin in nur sechzehn Jahren zurückgelegt. Der Zorn darüber, als Mutter bevormundet zu werden, hat ihren Aufstieg ganz schön beschleunigt.
Zum Beispiel damals in Spieskappel. So heißt das hessische Dorf, wo 1985 Eckhard Käßmann und seine Frau Margot – die beiden waren seit vier Jahren verheiratet – mit ihrer kleinen Tochter Sarah ins Pfarrhaus einzogen. Zu der Zeit ist Margot Käßmann wieder schwanger, mit Zwillingen. Eigentlich will sie sich die Stelle mit ihrem Mann teilen, denn beide sind gleich qualifiziert, doch die hessische Landeskirche zweifelt, dass eine junge Mutter mit drei kleinen Kindern das meistern könne.
Da bin ich in die Knie gegangen, sagt die Bischöfin im Rückblick, zum ersten und einzigen Mal. Sie widmet sich hauptsächlich Haushalt und Töchtern, ihr Mann arbeitet voll. 1990, die Kinder sind jetzt acht und vier Jahre alt, erhält Margot Käßmann eine halbe Stelle im Kirchlichen Entwicklungsdienst in Kassel, sechzig Kilometer von Spieskappel entfernt. Sie pendelt, er kocht Mittagessen. Die Gemeinde reagiert mit Argwohn, viele bedauern den »armen« Pastor, der sich so viel um seine Kinder kümmern muss. »Damals«, sagt Margot Käßmann, »habe ich gelernt, zwischen dem eigenen schlechten Gewissen und dem, welches die Umwelt einem aufzwingt, zu unterscheiden.«
Im September 1991 kommt die jüngste Tochter Esther zur Welt. Nach einem halben Jahr Stillzeit tritt die Vierunddreißigjährige Anfang 1992 ihren ersten Vollzeitjob an, eine Leitungsfunktion an der Evangelischen Akademie Hofgeismar. Eckhard Käßmann wird vorübergehend Hausmann. Sieben Jahre lang hat sie zurückgesteckt, jetzt ist er dran, da sind sich beide einig.
Die Bischöfin Käßmann ist sehr beliebt. Wenn sie eine Predigt hält, ist die Kirche voll. Vielleicht liegt es an ihrer klaren Sprache und den vielen irdischen Beispielen, mit denen sie die diffusen Dinge des Glaubens zu erklären versucht. Diese zierliche, burschikose Frau mit ihren vom regelmäßigen Joggen stahlharten Waden und den festen Schritten entspricht so erfrischend wenig dem Klischee der verhärmten und verhuschten Geistlichen, das sich hartnäckig in den Köpfen gerade jener hält, die zur Kirche auf Distanz gehen.
Nur eine Treppe trennt das Büro der Bischöfin von ihrer Wohnung. Um Punkt ein Uhr klingelt das Telefon auf dem Schreibtisch im Erdgeschoss – das Signal zum Mittagessen. »Jetzt gehen wir hoch, sonst wird mein Mann sauer.«
Eckhard Käßmann hat gekocht.
Im Treppenhaus hängt ein schiefes Bild, es hat sich innen im Rahmen gelöst und müsste neu fixiert werden. Könnte ja auch mein Mann machen, sagt die Bischöfin im Vorübergehen, aber so was fällt ihm nicht auf. Vor der Wohnungstür türmen sich schmutzige Sportschuhe und Reitstiefel. Am großen Esstisch sitzen Lea, Hanna und Esther, drei hübsche Mädchen in Spaghettiträgertops und Hüfthosen, aus denen hinten die Unterwäsche blitzt.
Sind die Mädchen stolz auf ihre Mutter? Heftiges Nicken. Hat der anspruchsvolle Beruf nie gestört? »Wir haben ja keinen Vergleich«, sagt Lea. »Aber es war gut so, wie es war.« Es gibt Gemüsepfanne mit Vollwertreis und Salat, vor dem Essen wird gebetet, später der Urlaub organisiert. Autan fehlt und Duschzeug, auch ein Foto für den Pass.
Eckhard Käßmann ist ein Mann von zarter Statur, das kurzärmelige Hemd schlackert lose über einer kurzen Hose, die Füße sind bloß und die Haare grau. Er wirkt scheu und etwas gehemmt, kein Mensch für große Auftritte, das Gegenteil von seiner Frau. Er fährt gern Rad, geht häufig zelten und ist ein leidenschaftlicher Koch.
Seit einem Jahr arbeitet er wieder voll, organisiert beim Landeskirchenamt Kassel den regionalen Kirchentag. Die Arbeit zu Hause wird jetzt wieder geteilt. »Ich mache den Sauberkeitsbereich. Sie macht klassisch Blumen und Wäsche«, sagt Eckhard Käßmann. Auch rechnerisch wurde gerecht geteilt: Jeder arbeitete sieben Jahre lang voll und sieben Jahre lang eingeschränkt. Aber nur sie machte Karriere. In dem Moment, als Margot Käßmanns Berufung zur Generalsekretärin des Kirchentags – einem viel Zeit, Mobilität und Kraft fordernden Job – anstand, wurden die klassischen Rollen getauscht. Sie drehte am großen Rad, er hielt ihr den Rücken frei und trieb sie an: »Das schaffst du! Jetzt kandidierst du erst recht! Natürlich stellst du dich zur Wahl!« Seine Frau anfeuern – das konnte Eckhard Käßmann immer gut.
Tochter Sarah sagt über ihren Vater: »Ohne ihn könnte meine Mutter den Job nicht machen, nicht mit vier Kindern. Er hat sich immer sehr um uns gekümmert, hat gekocht, war stets für uns da. Aber meine Mutter war dabei nicht weniger präsent. Sie war es nur auf andere Weise. Dieses gängige Klischee, meine Mutter macht Karriere, und nur mein Vater kümmert sich um uns – das stimmt nicht.« Margot Käßmann sagt über ihren Mann: »Er ist nicht der Typ armer, unterdrückter Ehemann.« Und Eckhard Käßmann sagt über sich selbst: »Ich habe so viel Schönes ganz intensiv erlebt, was andere Männer, wenn überhaupt, erst als alte Väter in zweiter Ehe kennen lernen.«
Draußen beginnt es zu regnen, Minuten später setzt ein Gewittersturm ein. Margot Käßmann stürzt auf den Balkon und schleppt Stoffpolster in die Wohnung, am Ende ist sie nass bis auf die Haut. Eckhard Käßmann räumt den Mittagstisch ab.
»Schauen Sie mal.« Margot Käßmann bläst den Staub von einem Fotorahmen, den sie von der Wand genommen hat. Das Hochzeitsfoto, fast fünfundzwanzig Jahre ist es jetzt her. Die zarte Braut trägt flache Schuhe und hat sich wenig verändert, aber der Bräutigam scheint heute ein anderer zu sein. Auf dem Foto trägt Eckhard Käßmann einen schwarzen Anzug aus Cord und wilde Locken auf dem Kopf, er wirkt wie ein Hippie, der die Welt einreißen will.
Die Zweisamkeit mit ihrem Mann, hatte Margot Käßmann beim Gespräch unten im Büro erzählt, sei über die Jahre auf der Strecke geblieben. Dafür blieb keine Zeit, immer standen die Kinder obenan. »Junge Paare achten heute mehr darauf, etwas zu zweit zu machen, das ist sicher richtig«, sagte die Bischöfin, und es klang, als habe sie etwas versäumt. Vielleicht ist das der Preis, der gezahlt werden muss, denn alles haben zu können ist für Frauen heute offenbar noch immer eine Illusion.
Von den Autorinnen dieses Artikels erscheint dieser Tage das Buch »Die Unmöglichen. Mütter, die Karriere machen« im Diana-Verlag
- Datum 12.05.2007 - 03:24 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 09.03.2006 Nr.11
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Schade, dass in ihren Arikeln immer nur Beispiele gegeben werden, in denen die Frau und Mutter ihre Familie, Karriere und Partnerschaft alleine regeln muss. In unserem Freundeskreis (uns eingeschlossen) gibt es auch einige Beispiele, in denen Vater und Mutter gemeinsam ihre Familie, ihre Partnerschaft und ihre Karrieren regeln. In diesen Fällen ist zwar auch nicht alles einfach, aber manches leichter. Es wäre schön, wenn sie auch mal positive Beispiele geben würden, anstatt immer nur den Frauen zu erklären, was eben gerade so geht oder wie die Frau ihre Familie, ihre Karriere (Das war in der letzten Ausgabe auch so ein wunderbarer Vorschlag, die Karriere auf die Schulzeit zu verlegen, da es ja eine flächendeckende Ganztagsschulversorgung in Deutschland gibt.) und ihre Partnerschaft regeln soll.
Sabine & Timur Imamoglu
ach nee, und was ist mit den ganzen Frauen, die auch Kinder haben, aber trotz Arbeitsstelle nicht die finanziellen oder entsprechenden familiären Möglichkeiten haben, um Karriere zu machen - mit der entsprechenden Ausbildung und der entsprechenden Kohle ist das ja wohl nicht so schwer.
alle diese beschriebenen frauen schaffen es doch ganz prima, wenn auch unter mühen, sie haben zumindest modelle, die funktionieren mit ächzen und stöhnen sicherlich. aber alle sind karrierefrauen, die fast schon klischeehaft beschrieben sind, so nach dem titelbild von "madame" frau, schlank attraktiv, jung, erfolgreich, hinter schreibtisch, auf dem schreibtisch das kind. wollen wir das nicht alle?! aber sind wir das auch alle? scheint mir ein artikel zu sein, der von privilegierten frauen für privilegierte frauen geschrieben ist. alle stehen gut in lohn und brot. existentielle/ finanzielle probleme gibt es nicht. Warum so pseudo -flott und einseitig?
Jener generöse Ton, wie er auch in diesem Artikel angeschlagen wird, ärgert mich immer wieder. Ich frage mich, was diese Mitleidstour soll, die sich nur sehr dürftig als Hochachtung tarnt?
Männer sind, wenn sie denn Karriere machen, meistens schon mit einem Drittel des Lebens zufrieden. Sie wollen nicht einmal zwei, von dreien ganz zu schweigen. Hat der eine oder andere von ihnen mit Fünfzig das dumpfe Gefühl, etwas zu vermissen, sucht er sich eine junge Geliebte und damit ist der Fall erledigt. Niemand bedauert ihn dafür. Wenn Frauen verkünden, "alles haben" zu wollen und dann auch nur den aller kleinsten Abstrich davon machen, dann wird das seltsamer Weise sofort zum gesellschaftlichen Problem stilisiert. Von den Männern. Und von Frauen, die sich an Männern orientieren.
Die Muster, nach denen berufliche Erfolge gehäkelt werden, sind offenbar noch immer die gleichen, wie vor hundert Jahren. Dabei scheint es völlig egal zu sein, ob der Karrierist nun ein Mann oder eine Frau ist. Immer muss jemand da sein, der die "weniger anspruchsvollen" Dinge des Lebens für die Damen und Herren Chefs erledigt. Schließlich kommt weder ein Spitzenmanager noch eine Bischöfin ohne warme Mahlzeiten, saubere Klamotten oder ein gemachtes Bett aus. Jedenfalls nicht, wenn er oder sie sich für Kinder entschieden hat. Wenn also die Frau und Mutter nicht bereit ist das Aschenputtel zu geben, bleibt diese Rolle dem Mann. Und wenn der sich ebenfalls weigert, muss das gute alte Dienstmädchen ran. Und kein Mensch fragt, ob sich das Dienstmädchen womöglich auch "alles" wünscht für sein Leben - schon, weil die Zeitungen immer so lobend darüber berichten, wenn eine Andere es tut.
Die Mär von der selbst organisierten Karrierefrau mit glücklicher Kinderschaar, stolzem, berufstätigem Ehemann und selbstorganisierendem Haushalt basiert auf der uralten Arbeitsteilung zwischen Oben und Unten, arm und reich, gebildet und ungebildet, egoistisch und altruistisch, selbst- und fremdbestimmt, frei und unfrei. So lange sich an dieser Tatsache nichts ändert, wird keine "neue Zeit" anbrechen, egal, wie viele Superfrauen die Medien am Horizont ausmachen. Schon deswegen nicht, weil die Männer keine Sekunde lang zweifeln müssen an sich, ihren Prämissen oder an der albernen 12-Stunden-Job-, Statussymbol- und Reisezwang-Welt, die sie sich eingerichtet haben.
Toll, wie es diese Frauen bislang geschafft haben. Gerade Ihr Vergleich mit der Fernsehwerbung im ersten Absatz zeigt jedoch, welche außergewöhnlichen Bilder hier erzeugt werden. Zwischen der zunehmenden Berichterstattung über Top-Managerinnen mit Kindern und der Darstellung überforderter und von Sozialhilfe abhängiger Alleinerziehender fehlt mir ein Blick auf die zahlreichen Zwischenräume, die von Frauen mit Kindern besetzt werden. Was nützen die Fähigkeiten, Kinderbetreuung optimal organisieren und sich vom sozialisationsbedingten Rabenmutter-Gewissen befreien zu können, wenn Mütter erst gar nicht die Chance haben, einen Arbeitsplatz zu ergattern. Wie weit werden Mütter tatsächlich auf einem knappen Arbeitsmarkt benachteiligt? Wie schaffen es Akademikerinnen, die schon Kinder haben, in den Beruf einzusteigen? Wo gibt es einige der raren Männer, die Gleichberechtigung kapiert haben, wie ihn Frau Käßmann abbekommen hat? Wann, vor allem, ist mal die Rede davon, dass die Vereinbarung von Kindern und Beruf ein Weg mit Höhen und Tiefen ist, dass frau es nicht nur einmal "geschafft hat", sondern dass es immer wieder Durststrecken, Abhänger, Überforderungen gibt, natürlich (hoffentlich) auch Erfolg, aber meistens nicht sehr viel Anerkennung.
Wann, so mein Fazit, müssen wir Mütter mit Berufen uns weder von den gerne medial zitierten "Superfrauen" unter Druck setzen lasssen noch einer skeptischen Gesellschaft beweisen, dass wir beidem gerecht werden können? Wann sind wir endlich einfach nur normal, gut oder schlecht in unserem Beruf, gut oder schlecht in der Erziehung unserer Kinder - so wie berufstätige Väter halt auch?
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