Wenn einer Kämpfe durchzustehen hatte, dann kann er was erzählen. Das gilt sogar für Minderjährige aus schwer erziehbaren Milieus. Immerhin bedeuten ihnen die Keilereien, mit denen sie versuchen, einen Fuß in die Türen des Lebens zu kriegen, nichts Geringeres als die Welt. Danie, Mark, Pitbull, Rico und Paul müssen sich immer wieder tüchtig prügeln, und zwar auf die ganz widerliche Art, kaputtmachen inklusive. Auch ihre sonstigen Beschäftigungen wie Saufen, Autoknacken und alten Frauen die Handtasche nach Hause bringen (unter Zurücklassung der Besitzerin) können keine Sympathien wecken. Und trotzdem gelingt es Clemens Meyer, einen Ton anzuschlagen, der seine Helden mitsamt ihren hirnverbrannten, brutalen Umtrieben in ein wärmeres Licht rückt. Und dieser Ton nimmt von Anfang an gefangen, weil er ganz auf erzählerische, dem Stoff eigene Impulse setzt. Weder betütert er seine Problemkinder sozialfürsorgerisch, noch bläst er sie auf zur Überlebensgröße von Rinnsteinhelden oder Opferfiguren. Hier gilt sie nicht mehr, die Standesklausel des sozialstaatlich orientierten Literaturwesens: dass "Minderheiten" einer besonderen literarischen Pflegschaft zu unterstellen sind.

Mark, Pitbull, Rico, Paul und Danie – Holsten Pilsener und Jägermeister

Als wir träumten ist das Debüt von Clemens Meyer, der, 1977 in Halle geboren, in Leipzig lebt und dort fünf Jahre lang am Deutschen Literaturinstitut studierte. Offenbar hat er das Richtige, ihm Zuträgliche gelernt, nämlich glänzend Dialoge zu schreiben und packend zu erzählen. Darüber hinaus gelingt ihm einiges von dem, was die Imponderabilien der Stilistik ausmacht. Er kann Stimmungswerte schaffen, perspektivische, atmosphärische, existenzielle. Anstatt flott-lahmer Zeitgeistattitüden dominieren bei ihm die Druckverhältnisse einer rauen Wirklichkeit.

Das allein wäre noch kein hinreichender Grund zur Begeisterung. Aber der junge Autor hat etwas, wovon unsere junge Literatur nur noch erschreckend wenig wissen will: einen von Posen unverstellten Blick auf menschliche Befindlichkeiten. Und außerdem verfügt Meyer über etwas, was nicht jeder Schreibschulabsolvent mitbringt: einen Stoff, mit dem er sich auskennt, der was hergibt und mit dem der Autor, wie jede Romanzeile beweist, in Leidenschaft verbunden ist.

Mark, Pitbull, Rico und Paul also – und Danie, der als Ich-Erzähler des Romans das Wort hat. Er hebt träumerisch an mit dem Gedanken an einen Kinderreim, den er manchmal summe: "…und merke es nicht mal, weil die Erinnerungen in meinem Kopf tanzen, nein, nicht irgendwelche, die an die Zeit nach der großen Wende, die Jahre, in denen wir – Kontakt aufnahmen? Kontakt zu den bunten Autos und zu Holsten Pilsener und Jägermeister. Wir waren um die fünfzehn damals …"

Soll damit der Anspruch auf das Etikett "Wenderoman" erhoben werden? Sicher ist, dass Meyer auf der Wendethematik nicht herumreitet. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig, der Heimatstadt der Freunde, kommen in einem späten Kapitel vor, doch eher en passant. Das Vorstadtvölkchen vernimmt mit Staunen, dass da mit den Donnerworten "Wir sind das Volk!" Geschichte gemacht wird. Im Übrigen jedoch lässt Meyer keinen Zweifel daran, dass seine Helden einer Welt angehören, in der das Gleichmaß des kleinen, gemeinen Lebenskampfes größer und ewiger ist als alle sensationellen historischen Umbrüche. Gerade deshalb ist es interessant, diesen Roman neben die Versionen der bereits approbierten "Wende-Autoren" zu stellen: neben den panisch-kritischen Schwarzmaler Jirgl, den superlockeren Possenreißer Brussig, den anekdotenreichen, mittelständischen Schulze.