»Genossinnen und Genossen, ein Gedicht:
Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euren Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein.
Wir wollen freie Wirtschafter sein!« Der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei Oskar Lafontaine (l) besucht in Berlin die Streikenden des CNH-Werkes. BILD

Der Redner hält inne und blickt von seinem Zettel auf. »Das hat Tucholsky geschrieben, und zwar im Jahr 1930, Genossinnen und Genossen. Es könnte von heute sein, nicht wahr!« Das Publikum in Taubenblau, Cremegelb und Kittgrau nickt mit den weißhaarigen Köpfen. Sachsen-Anhalt, Ortsgruppe Wolfen der Linkspartei.PDS. Im weiteren Verlauf des Abends nimmt der Saal mit einiger Befriedigung zur Kenntnis, dass der Kapitalismus endlich so funktioniert, wie Marx es vorausgesagt hat. Das Rechthaben kommt hier aber zu einem hohen Preis: Wolfen stirbt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 30Prozent; der Altersdurchschnitt bei über vierzig; die Einwohnerzahl hat sich in zehn Jahren halbiert; ein Drittel der Wohnungen steht vor dem Abriss. Hier wurde mal der Farbfilm erfunden, hier schlug das Herz der chemischen Industrie. Das ist vorbei. Das Industriezeitalter ist in Wolfen beendet. Anderswo klingt es aus. AEG in Nürnberg, Continental in Hannover, Stiebel-Eltron in Berlin – Schließung, Abbau, Verlagerung.

Das Ende der deutschen Arbeiterklasse steht bevor – und ausgerechnet jetzt sind die Aussichten für die Linke besser denn je: Im vergangenen September erreichte die Linkspartei bei der Bundestagswahl 8,7 Prozent der Stimmen und schickte 54Abgeordnete ins Parlament. Für Sachsen-Anhalt lag das Ergebnis damals mit 26,6 Prozent höher als je zuvor, und wenn Ende März Landtagswahlen sind, hat die Linkspartei hier sogar einen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten parat. Als eine von drei Volksparteien. Im Westen befindet sich die Linke, den Folgen der deutschen Teilung und Vereinigung entsprechend, noch am Anfang. Aber in Baden-Württemberg tritt sie nun zum ersten Mal zu einer Landtagswahl an und hat passable Aussichten, über die Fünf-Prozent-Hürde zu gelangen. Und in Rheinland-Pfalz baut sie flächendeckende Strukturen auf. Wenn die deutschen Linken im Augenblick ein Problem haben, sind sie es selbst.

Die junge Generation findet das Sprechblasengeblubber zum Kotzen

Die geplante Vereinigung der PDS mit der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit ist ins Stocken geraten. Ausgerechnet vor den Wahlen. »Der Ärger mit der WASG schadet uns«, sagt Jan Korte. Er redet nicht lange drum herum. Er ist 29 Jahre alt und gehört damit zu einer Generation, die das Sprechblasengeblubber der Politiker zum Kotzen findet. Diese lähmenden Leersätze, in denen sich zu oft die Angst verkleidet, oder die Taktik oder die Dummheit, oder alles zusammen. Korte hat mit der Politik in einem Stadtrat südlich von Osnabrück angefangen, für die Grünen. Er hat dann Hochschulpolitik an der Universität Hannover gemacht, für die PDS, damals noch auf verlorenem Posten. Sein Vater war bei den Jusos, dann in der SPD. Der Vater ist ausgetreten, als seine Partei dem Großen Lauschangriff zugestimmt hat. Korte wäre Nachwuchs für die SPD, Nachwuchs für die Grünen. »Aber die sind keine linken Parteien mehr«, sagt Korte. Dass einer wie er zur PDS geht, ist ein Zeichen dafür, dass etwas geschehen ist in der politischen Landschaft der Bundesrepublik. Etwas Grundlegendes.

Korte ist jetzt Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis 72, Bernburg – Bitterfeld – Saalekreis, und ist nach Wolfen gekommen, »um euch mal Rechenschaft abzulegen«. Dazu gehört auch das Thema WASG. Also ehrlich sein. »Wir sind genervt! Das kostet uns Zeit, das kostet uns Kraft, und vor allem im Westen haben wir Mühe, unsere Themen im Wahlkampf nach vorne zu bringen«, sagt Korte. In der Wahlalternative brodelt es. Die Landesverbände in Berlin und Sachsen-Anhalt sperren sich gegen eine rasche Verschmelzung mit der PDS. Wie weiland die Grünen vertreibt sich die WASG ihre Gründerzeit mit einem aufreibenden Spiel: Tat oder Wahrheit? Regierung oder Opposition? Das System von innen verändern oder es von außen bekämpfen? Die Berliner haben unlängst gar angekündigt, bei den Wahlen im Herbst gegen die PDS anzutreten. Und in Sachsen-Anhalt herrscht ein regelrechtes Schisma, seit zwei rivalisierende Gruppen behaupten, den Landesvorstand zu stellen. Vielleicht sind das nur die Geburtswehen einer neuen sozialen Bewegung. Vielleicht enthüllt dieser Streit aber auch eine innere Unaufrichtigkeit dieser neuen Linken.