pop Songreiter, die wir sind

Die Berliner Band NMFarner verarbeitet das Stimmengewirr der Großstadt zu einem einzigartigen Sound

»Berliner Supergroup«, das hören sie nicht so gern, weil: Was soll das schon heißen? Berlin: nicht schon wieder, nach all dem beschwörenden Gerede über den Sound der Hauptstadt. Super: auch nichts, was man sich außerhalb von Comics an die Brust heften möchte. Group trifft zu, aber Gruppen gibt es viele in Berlin, sie werkeln in Kellern und Wohnzimmern vor sich hin, ohne sich vorher über eine gemeinsame Haltung verständigt zu haben. Nein, als »Supergroup« lässt man sich allenfalls von Freunden ankündigen, was von außen drangepappt wird, sind »im Endeffekt Etiketten«. Sagt Norman Nitzsche und schaut sich um, was die anderen dazu sagen. Kein Einspruch, einverständiges Nicken: Nichts hasst diese Band so sehr wie Etiketten. Womit bereits ihr Alleinstellungsmerkmal benannt wäre.

Andere gehen mit der Strömung, hungern sich auf Idealmaße, sie suchen das Griffige und Hit-förmige, um mit an Bord zu sein auf dem großen Vergnügungsdampfer Unterhaltung. Bei der Band, die sich NMFarner nennt, ist alles andersrum. Keiner, der sich als Star isolieren ließe oder in Interviews das große Wort führte – auch wenn meistens Bassist Nitzsche redet. Auf Fotos präsentieren sie sich mit ausgekratzen Gesichtern oder als Silhouetten from outer space, deren Röntgenblick durch alles hindurchgeht, der Name – er steht für die drei Mitglieder Norman Nitzsche, Masha Qrella und Christian »Chriegel« Farner – ist ein Zungenbrecher, und handelsübliche Lebenshilfe darf man sich von ihrer Musik auch nicht erwarten. Dass ihre neue Platte Das Gesicht plötzlich im Rundfunk gespielt wird, und das landesweit, scheint niemanden mehr zu überraschen als ihre Erfinder. Schließlich stiftet sie bei maximaler Lautstärke bloß einen minimalen Konsens.

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»Wir sind hier«, schreien sie gleich im ersten Stück zu brachialer Gitarrenbegleitung, als gelte es, einen Standort mit aller gebotenen Lautstärke öffentlich zu machen. Einen Nichtstandort, genauer gesagt, denn was soll das für ein »Wir« sein, das bloß von einem Endreim zusammengehalten wird und sich in einer einzigen Zeile schon fast erschöpft? Manche haben sich an die »Du bist Deutschland«-Kampagne erinnert gefühlt, wahlweise auch an eine Absage daran, die Gruppe selbst verhält sich solchen Vereindeutigungen gegenüber reserviert. »Wir sind keine Konzeptband, vieles passiert einfach so«, sagt Nitzsche. »Wir sind keine Songwriter-Band, die sich zu Hause was ausdenkt und dann nur noch in Musik umsetzt«, sagt Qrella. »Wir sind eher eine Songreiter-Band«, sagt Farner. »Wir reiten auf Themen herum, bis es ein Song wird«. Wenn »Wir sind hier« eine Bedeutung hat, dann liegt sie im Eigensinn: die Popband als eigene Gesellschaft mit eigener Moral.

Traditionen gibt es natürlich trotzdem. Schon Gruppen wie die amerikanischen Residents arbeiteten mit Identitätsverfremdungen, junge deutsche Bands erweiterten in den Achtzigern und Neunzigern auch hierzulande die Vorstellung dessen, wovon ein Popsong handeln soll und darf. Die Musik von NMFarner hat viele Wurzeln: im internationalen Antipop, im seltsam autistischen Lärm Berliner Lokalgrößen wie Mutter, im Diskurspop der Hamburger Schule, wo Alltagsgespräche zu Slogans wurden und Kommunikationskürzel vom Rand der Gespräche in die Mitte der Stücke wanderten. Um die Macht von Parolen ging es, der Debattierzirkel, den eine funktionierende Popgruppe immer auch darstellt, generierte eine Stilistik, die Nitzsche aufgreift, wenn er mit dieser gewissen Großstadthysterie in der Stimme von einem Mädchen singt, das »neu hier« ist, oder die Geschichte vom Mann erzählt, der aus dem zehnten Stock eines Hochhauses springt, aber nie unten ankommt.

Wobei »erzählen« schon zu viel gesagt ist. Auch NMFarner-Songs kommen nie bei dem an, was sie an Thematik vor sich herwälzen. Statt irgendwann ein Zentralmotiv anzusteuern oder in den sicheren Hafen eines Refrains einzumünden, zelebrieren sie den Spaß am Unklaren und Zweideutigen. Schraffuren und Skizzen überall. Das Schlagzeug peitscht das Geschehen voran, die Gitarre treibt metallische Splitter in die Melodien, der Gesang wechselt von einer Sprecherposition zur anderen und von einem Bandmitglied zum nächsten. Ich, du, er, sie, es, wir, ihr, was an Perspektiven möglich ist, wird ausprobiert, alle zwei Minuten wechselt der Rhythmus, und wenn gar nichts mehr geht, bleibt immer noch eine Silbe zum Zerdehnen: »Wiiiier, wir sind hiiiiier.« Song-Schreiben, das ist hier tatsächlich ein Ritt auf dem Thema, ein Projekt mit ungewissem Ausgang.

Doch so wenig es Botschaften gibt, so konkret bezieht der Sound sich auf ein Milieu: die Künstlerboheme in ihren improvisierten Galerien, Clubs und Ladenlokalen, eine Szene im Dauerexperiment. Gerade in ihrer Weigerung, sich mit dem Mainstream verrechnen zu lassen, sind die drei von NMFarner nicht untypische Exemplare einer Berliner Renitenz, die schon immer anziehend auf Kräfte von außerhalb gewirkt hat. Wie alle Kreativberliner stammen sie mehrheitlich aus anderen Städten, Nitzsche aus Essen und Farner aus Zürich, wie alle sind sie in mindestens zwei Projekte involviert, Qrella als Solokünstlerin und Farner als Comiczeichner sowie Schlagzeuger in diversen Kontexten, und mit den üblichen hauptstädtischen Widersprüchen zu kämpfen haben sie auch. Für hohen persönlichen Einsatz wenig Geld zu bekommen, zum Beispiel. Oder als antiglamouröses Trio im glamourösen Stadtteil Mitte zu wohnen.

»Da, wo wir sind, ist die Miete eben noch billig«, sagt Nitzsche fast schon entschuldigend. Außerdem findet sich nirgends besseres Rohmaterial für die Stücke. Es ist der Klang der Wohnküchen und Ateliers, der den NMFarner-Sound grundiert, Gesprächsfetzen, wie sie durch offene Fenster dringen oder abends in der Bar vom Nachbartisch herübergeweht kommen. »Du sagst, du hast die Nase voll…«, »ich frag mich, kennst du schon…«, »ganz überraschend fühl ich mich ziemlich gut…« Diesen Songs zuzuhören ist, als würde man fremde Leute in ihrem Alltag belauschen. Sie geben sich Mühe, sie machen Pläne, doch alles bleibt unfertig und skizzenhaft: das Leben, eine Bastelarbeit. Oft findet sie auch noch unter erschwerten Bedingungen statt. »Wir hatten Kürzungen, ihr kennt das«, heißt es dann, oder »in der Nietenhose keine Penunze…« Wenn der Abend kommt, ist aus hochfliegenden Vorhaben oft »schon wieder nur eine Phrase geworden«.

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    • Quelle DIE ZEIT 09.03.2006 Nr.11
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    • Schlagworte Pop | Musik | Zürich | München
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