Allmächtiger! Jetzt muss Wagner ins CD-Fach. Aber schnell. Der Ritt der Walküren. Jede andere Musik kann nur versagen in dieser Landschaft. Gerade noch waberten Nebelschwaden wie Hexenwerk vor dem Autofenster, und schwarzbraune Moorseen schimmerten geheimnisvoll zwischen Waldstücken. Doch plötzlich zerreißt die Morgensonne den Dunstschleier und gießt ihr Licht über die Voralpenhügel des Ostallgäus. Ein paar Kilometer rollen ihre sattgrünen Wellen in Richtung Süden, dann brechen sie sich jäh an der 2000 Meter hoch aufragenden Phalanx der Allgäuer und Tiroler Berge. Wie eine erstarrte Brandung aus Stein glühen ihre schneebestäubten Zacken im Sonnenglast. Das ist keine Landschaft mehr, das ist ein befahrbares Bühnenbild. Eine Kulisse, die nach nichts mehr verlangt als dem aufbrausenden Gedröhn von Richard Wagners Ouvertüren. Und gerade wenn man glaubt, eine Steigerung sei nicht möglich, taucht diese Gralsburg auf. Puderzuckerweiß erhebt sie sich wie eine Fieberfantasie über einem Felssockel. Doch der Palast ist keine Halluzination. Er ist die vielleicht berühmteste Architekturschnulze der Welt: König Ludwigs Schloss Neuschwanstein.

Hinter Füssen gerät das Pathos ins Stocken. Ein Autokorso stottert den vier rollfeldgroßen Parkplätzen von Hohenschwangau entgegen. Der Ort unter dem Schloss ist dem Namen nach ein Dorf. Doch in Wahrheit handelt es sich bei dem Flecken um einen auf urbayerisch getrimmten, von einem babylonischen Völkergewusel beseelten Kini-Basar. Eine Welt aus cuckoo clocks , German dolls und teddy bärs . Die lebensgroße Ludwig-Büste aus Alabaster ist für 290 Euro zu haben, der prachtvollste Bierhumpen mit seinem Konterfei kostet 45 Euro. Und natürlich verfügt jedes Souvenirgeschäft, das auf sich hält, auch über ganzjährig geöffnete X-mas shops . Der dämlichste Versuch, den Besuchern das Geld aus der Tasche zu ziehen, ist ein zwei Daumennagel großes Kupferstück. Es steckt in einem Sockel aus Imitatsamt unter einer spitzen Plastikhaube. Das Ding ist ein Teil des alten Schlossdachs, das in den achtziger Jahren ersetzt wurde. 69 Euro kostet der Nippes. Er liegt wie Blei in den Regalen.

Tourismus fand hier schon vor mehr als hundert Jahren statt. Damals war es die Sommerresidenz des bayerischen Hofes auf dem Neuschwanstein gegenüberliegenden Schloss Hohenschwangau, die Adels- und Industriellenfamilien, Professoren und Generäle anlockte. Man wanderte mit Zeichenblock, picknickte im Gras und schaute seufzend in die Berge. Vorbei. Seit die nationalsozialistische Reiseorganisation Kraft durch Freude Hohenschwangau als Erholungsort auserkoren hatte, regiert hier der Massentourismus. Heute pilgern die Urlauber auf einer 800 Meter langen Asphaltstraße durch einen Mischwald hinauf zu Schloss Neuschwanstein. Sie ist der Leidensweg übergewichtiger Amerikaner, die keinen Platz mehr in einer der Kutschen ergattern, die von Haflingern in erbärmlicher Sisyphusarbeit über 150 Höhenmeter gezerrt werden. 1,3 Millionen Neuschwanstein-Besucher überwinden diese Anfahrt pro Jahr. Im Tumult der Sommermonate steigt die Zahl der Tagesgäste auf bis zu 10000.

Nie sollten Besucherblicke Ludwigs Schloss besudeln

Dabei sollten Menschen im Schloss nie eine Rolle spielen. Das Refugium war allein für den schwermütigen König bestimmt. Und für Richard Wagner, den Ludwig II. verehrte wie niemanden sonst. Ein "würdiger Tempel für den göttlichen Freund" schwebte dem Monarchen vor, eine Reminiszenz aus Lohengrin und Tannhäuser, die von Besucherblicken keinesfalls "besudelt" werden dürfe. Zwischen 1869 und 1886 ließ er Neuschwanstein nach Entwürfen eines Bühnenmalers "im echten Styl der alten deutschen Ritterburgen" für 6,2 Millionen Goldmark errichten.

Das Wolkenkuckucksheim war der Versuch, sich loszukaufen von einer Welt, deren "Ovationsgebrüll" er hasste. Hier verwirklichte der Wittelsbacher seinen Traum von der Einheit mystischen Gralsritter- und absolutistischen Gottesgnadentums, das ihm die politische Wirklichkeit des bourgeoisen 19. Jahrhunderts verwehrte. Parzival und Frankreichs Sonnenkönig, Ludwig der XIV., sollten sich auf Neuschwanstein die Hände reichen. Mehr als mit seinen anderen Prunkbauten inszenierte Ludwig hier eine Scheinwelt, in der er Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in einem war. Und in der er sich mehr und mehr verirrte. Er unterzeichnete Briefe mit "Parzifal", unterhielt sich mit historischen Persönlichkeiten, verkleidete sich als Lohengrin und steckte seine Lakaien in orientalische Gewänder. Seine Fluchtburg verließ er nurmehr nachts. Dann eilte er mit Schlitten oder Kutschen wie ein Gespenst im zuckenden Licht der Fackelreiter durch sein Königreich.