HirnforschungFänger der Träume

Mit bildgebenden Verfahren erforscht er das Traumgeschehen. Der südafrikanische Hirnforscher Mark Solms sucht die Verbindung von Psychoanalyse und Neurobiologie von Claudia Ruby

Wer von Kapstadt aus in Richtung Nordosten fährt, passiert nach einer knappen Autostunde ein Schild mit der Aufschrift »Solms-Delta«. In dieser parkähnlichen Landschaft, die im Hintergrund von bizarr geformten Bergen begrenzt wird, ist der Hirnforscher Mark Solms zuhause. Fünfzehn Jahre hat der Südafrikaner in London gearbeitet und geforscht. Jetzt ist er in seine Heimat zurückgekehrt, zu seinen Wurzeln. Und zum Wein.

»Meine Vorfahren im 15. Jahrhundert waren Weinbauern. Sie lebten im rheinhessischen Nackenheim«, sagt der Forscher. Heute betreibt er selbst ein Weingut. Nur ein paar Meter vom alten Herrenhaus entfernt, das im Schatten von Kampferbäumen liegt, wachsen die ersten Reben. Und wenn der Hirnforscher über Wein spricht, mag man kaum glauben, dass er sich jemals mit etwas anderem beschäftigt hat. »Sie müssen meinen Lekkerwijn probieren«, sagt er, »der einzige Rosé, der vier Sterne im Weinführer Platter bekommen hat.«

Man könnte Mark Solms einen Traditionalisten nennen. Nicht nur im Weinbau, auch in der Wissenschaft knüpft er an Vergangenes an. Denn der »Enkel Freuds«, wie ihn manche nennen, versucht das fortzuführen, woran Sigmund Freud einst scheiterte: die psychoanalytische Deutungskunst mit der empirischen Neurobiologie zu verbinden. Jahrzehntelang waren sich diese Disziplinen spinnefeind. »Dabei geht es ihnen letztlich um dasselbe«, sagt Solms. »Beide wollen verstehen, wie der Mensch funktioniert.«

Dieser Wunsch treibt auch Mark Solms um. Geprägt ist er von einer frühen Erfahrung. Als Dreijähriger erlebte er 1964, wie sein älterer Bruder beim Spielen vom Dach eines Bootshauses fiel. Mit einer schweren Hirnverletzung kam er ins Krankenhaus. Als der Bruder schließlich wieder nach Hause kam, war er ein anderer Mensch, mit veränderter Persönlichkeit. Der kleine Mark war schockiert. Irgendwie muss sich damals die Frage in ihm festgesetzt haben: Wie hängt das Gehirn mit unserem innersten Wesen zusammen?

Das Thema lässt ihn nicht mehr los. Der Sohn weißer, wohlhabender Eltern, der in Namibia und Südafrika aufwächst, beginnt sich für Wissenschaft zu interessieren und geht in den achtziger Jahren nach London, um Neurobiologie zu studieren. Hirnforschung ist en vogue. Auch Solms ist fasziniert von den neuen Verfahren. Die Kernspintomografie ermöglicht ungeahnte Einblicke ins Gehirn. Doch bald werden die bunten Hirnbilder dem Studenten aus Südafrika langweilig. Denn Solms sucht das Seelische, »den Menschen an sich«, in der Wissenschaft. In der Psychoanalyse findet er, wonach er gesucht hat. Er studiert Freuds Schriften und beginnt selbst eine psychoanalytische Therapie. »In dieser Zeit habe ich mich intensiv mit meinen Träumen beschäftigt«, erzählt er. »Ganz persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, wie viel man über sich selbst lernen kann, wenn man seine Träume ernst nimmt.«

Die Erfahrungen, die der junge Mark Solms auf der Couch des Analytikers macht, findet er in den Werken Sigmund Freuds wieder. Doch Freud gilt längst als passé in der Wissenschaft: Als neurologisches Synonym für Träume gilt der so genannte REM-Schlaf, benannt nach den wilden Augenbewegungen (Rapid Eye Movements), die mit diesem nächtlichen Erregungszustand verbunden sind. Wer aus ihm geweckt wird, berichtet fast immer von intensiven Träumen. Statt die nächtlichen Bilder im Kopf als »Königsweg zum Unbewussten« zu begreifen, sehen Hirnforscher sie als rein physiologisches Phänomen, eine Art Nervengewitter im Gehirn, ohne Sinn und tiefere Bedeutung.

Vor allem die Befunde des Harvard-Forschers Allan Hobson haben die Zunft überzeugt. Er konnte im Tierversuch zeigen, dass der REM-Schlaf von bestimmten Neurotransmittern alle 90 Minuten an- und wieder ausgeschaltet wird, wie von einem Lichtschalter. Und der Ursprung dieses Mechanismus liegt im Stammhirn, das nichts mit höheren geistigen oder emotionalen Funktionen zu tun hat. Für Sigmund Freud und seine Traumdeutung ist in Hobsons Modell kein Platz mehr.

»Auch ich habe die Theorie von Hobson nicht infrage gestellt«, sagt Solms mit schuldbewusstem Blick. Doch dann läuft ihm ein Patient über den Weg, ein 34-Jähriger, der wegen eines Hirntumors keinen REM-Schlaf mehr hat. Und dennoch erzählt er von Träumen! »Ich war schockiert«, sagt Solms, der Befund passte absolut nicht zu der gängigen Theorie. Von nun an fragt Mark Solms jeden Patienten auf der neurologischen Station nach seinen Träumen. In kurzer Zeit begegnen ihm 26 ähnliche Fälle. Er ist elektrisiert, schreibt Kollegen in aller Welt an und durchforstet die Fachliteratur. Schließlich findet er auch gegenteilige Beispiele: Patienten, die zwar einen ganz normalen REM-Schlaf haben – aber aufgrund einer Hirnverletzung nicht mehr träumen. Damit steht für ihn fest: »Die Theorie von Hobson ist falsch.«

Die traumlosen Patienten zeichnet eine Gemeinsamkeit aus: Ihre Verletzung betrifft jenen Teil des Frontalhirns, den Neurologen als Belohnungszentrum bezeichnen. Es wird immer dann aktiv, wenn wir etwas wollen – essen zum Beispiel, trinken, rauchen oder Sex. An der Entstehung der Träume ist also nicht allein das Stammhirn beteiligt, sondern auch eine hoch entwickelte Hirnregion, die durchaus etwas mit unserer Persönlichkeit zu tun hat. Die Parallelen zur Traumtheorie von Sigmund Freud sind für Solms offensichtlich. Lag der Vater der Psychoanalyse gar nicht so falsch? Haben Wünsche und Träume tatsächlich etwas miteinander zu tun?

»Ich habe nicht bewiesen, dass Freud Recht hatte«, betont Solms. »Ich habe bewiesen, dass Hobsons Argumente falsch waren.« Denn natürlich weiß auch Solms um die Skepsis seiner Kollegen. »Die Psychoanalyse ist für viele Hirnforscher etwas Ähnliches wie Kaffeesatzlesen.« Dennoch versucht er den Spagat zwischen den Disziplinen. So strebt er eine Synthese aus Neurologie und Psychoanalyse an und hat dafür die Zeitschrift Neuro-Psychoanalysis mitgegründet, in deren Beirat Hirnforscher wie Antonio Damasio oder Wolf Singer sitzen.

Persönlich ist Solms – dessen Frau Karen Kaplan-Solms selbst Psychoanalytikerin ist – vom Wert der Freudschen Analyse zwar überzeugt. In der Wissenschaft jedoch gilt nur das, was sich zweifelsfrei belegen lässt. Und da hat die Freudsche Theorie, das weiß auch Solms, nicht viel zu bieten. In der Traumforschung stünden wir heute wieder da, wo wir vor 40 Jahren, vor Hobsons Theorie, waren, glaubt der Hirnforscher. Das soll sich nun ändern. Solms will den Träumen mit modernen Untersuchungsmethoden auf die Schliche kommen.

In Kapstadt geht dies allerdings nicht. Zwar hat das Groote-Schuur-Hospital, an dem der Neurologe heute arbeitet, einen großen Namen. 1967 führte Christiaan Barnard hier die erste Herztransplantation durch. Doch mit der Ausstattung moderner Forschungszentren kann die Klinik, die in einer ärmlichen Gegend liegt, nicht mithalten. Einen Kernspintomografen etwa sucht man hier vergeblich. Auch deshalb ist Solms fast unentwegt auf Achse. Eine Woche im Monat verbringt er in London, auch in New York hat er einen Lehrauftrag. Und seine Traumforschung will er gemeinsam mit dem Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt durchführen.

Der Versuch, mithilfe des Kernspintomografen die Traumbilder zu entschlüsseln, ist allerdings alles andere als einfach. In der lauten Röhre können die Versuchspersonen nur schlecht einschlafen. Vor jedem Versuch müssen die Probanden deshalb zwei Nächte wach bleiben. Einige Male hat es bereits geklappt. Auf dem Computermonitor konnten die Wissenschaftler beobachten, wie ein träumendes Gehirn aussieht. Als Nächstes wollen die Forscher die einzelnen Schlafphasen identifizieren und versuchen, Albträume von normalen Träumen zu unterscheiden. Dabei weiß auch Solms: »Die entscheidende Frage ist noch immer nicht beantwortet: Warum träumen wir überhaupt?«

Nebenbei arbeitet der Forscher noch an einer Neuübersetzung von Freuds Schriften ins Englische. Ende des Jahres soll das Mammutwerk erscheinen – damit die Arbeit seines »wissenschaftlichen Großvaters« nicht in Vergessenheit gerät. Und noch etwas will er dem Vergessen entreißen: Auf seinem Weingut hat er eine Ausstellung zur Sklavengeschichte der Region aufbauen lassen. »Wer als Weißer im Apartheidsystem aufgewachsen ist, schuldet diesem Land etwas«, sagt Solms. Deshalb hat er auch die Hälfte seines Landes in eine Stiftung umgewandelt und den Angestellten seiner Farm überschrieben. Zu 50 Prozent sind sie am Gewinn von Solms-Delta beteiligt. Damit hat er sich einen langen Traum erfüllt. Nur das Unbewusste kommt bei so viel Realität zu kurz. »Leider achte ich heute wieder genauso wenig auf meine Träume wie jeder andere Mensch auch.«

Der Mensch...
Mark Solms kommt 1961 während der Apartheid in einem Dorf in Namibia zur Welt. Der Sohn deutschstämmiger Eltern hat von Anfang an das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Er lässt sich in London zum Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker ausbilden, doch seine Wurzeln vergisst er nicht. Nun lebt er in Südafrika und hat auf seinem Weingut ein Museum zur Sklavengeschichte eingerichtet

...und seine Idee
Was Sigmund Freud vergeblich suchte, will Mark Solms finden: den wissenschaftlichen Beleg für Freuds Theorien. Auf der berühmten Couch des Psychoanalytikers waren Träume – und ihre Deutung – noch der »Königsweg zum Unbewussten«. Die Hirnforscher degradierten sie zu bedeutungslosen Zuckungen der Nerven. Solms rehabilitiert die Träume. Er zeigt, dass an ihnen auch höhere Hirnzentren beteiligt sind

Eine Sammlung von Texten, Tests und Bildern zu Freuds Werk und zur aktuellen Forschung im Bereich Psychologie finden Sie unter www.zeit.de/freud

Buchtipps
Das Gehirn und die innere Welt - von Mark Solms / Oliver Turnbull
Walter Verlag 2004; € 24,90

Neuro-Psychoanalyse - Eine Einführung mit Fallstudien
von Karen Kaplan-Solms & Mark Solms
Klett-Cotta-Verlag, 2.Auflage 2005; € 34,00

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