Studentenbewegung 200 Jahre 68
Axel Kuhn und Jörg Schweigard rekonstruieren die erste deutsche Studentenbewegung zur Zeit der Französischen Revolution – Schelling, Tieck und Beethoven waren auch dabei
Der lange Weg nach Westen nannte der Berliner Historiker Heinrich August Winkler sein Buch über Deutschlands neuere Geschichte. Tatsächlich würde dieser John-Wayne-Titel gut passen, um den mörderischen hundertjährigen Treck zu beschreiben, den die Deutschen seit 1849 zurücklegen mussten, bevor 1949 wenigstens Rheinkilometer 653 erreicht war, der Bundestag in Bonn und das Grundgesetz. Ja, er würde gut passen, aber leider fehlt ein Wörtchen: das Wörtchen zurück – der lange Weg zurück nach Westen. Denn Deutschlands dunkle hundert Jahre sollten den Blick nicht darauf verstellen, dass es viele Deutsche gab, die schon zu einer Zeit, als der Westen gerade erst »der Westen« wurde, ganz dort waren.
Dazu gehören nicht nur Größen der europäischen Aufklärung wie Leibniz, Thomasius, Kant, Lessing, Forster, Mendelssohn, Knigge, Lichtenberg, sondern auch manch schlichter Bürger in Hamburg oder Leipzig. Vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als sich die neue Philosophie politisierte, als es im Juli 1789 in Paris zu den bekannten Vorfällen kam, waren viele unserer lieben Landsleute mit Kopf und Herz dabei: Kaufleute, Beamte, Bauern, Geistliche. Und die Studenten?
Ja, auch die Studenten. Der Stuttgarter Historiker Axel Kuhn und sein Schüler Jörg Schweigard haben deren Treiben und Umtriebe in jener Zeit jetzt erstmals umfassend untersucht. Mit einem verblüffenden Fazit: Der politisch bewegte Student trat hierzulande mitnichten, wie es das historische Handbuch will, erst als Burschenschaftler während der »Befreiungskriege« gegen Napoleon auf den Plan, sondern schon eine Generation zuvor, in den neunziger Jahren des 18.Jahrhunderts. Und da schwärmte er nicht für das teutsche Vaterland, sondern für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Klein waren die Universitäten damals, kein Vergleich mit heute. Um 1789 zählte Halle gerade mal 1042 Studenten, Göttingen 816, und das waren die beiden größten. In Erlangen studierten 196, in Duisburg gar nur 60 junge Männer; Frauen war der Zutritt zur akademischen Welt noch verwehrt.
Lärm hatte es immer gegeben. Mal waren die Herren Studiosi mit den Handwerkern aneinander geraten, mal mit den Soldaten; darin lag nun wahrlich nichts Politisches. Doch zur Zeit der Französischen Revolution änderte sich der Ton.
Die Autoren haben Akten und Briefe ausgewertet. Vor allem aber eine wunderbare, bisher vernachlässigte Quelle: die Stammbücher. Das war seinerzeit ein beliebtes Kommunikationsmittel (in Gestalt der Poesiealben lebt es bis heute fort). Da schrieb man gereimte Grüße hinein, Vergiss mein nicht – und jetzt eben auch politische Parolen.
- Datum 09.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 09.03.2006 Nr.11
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