CeBit Was darf Technik?

Eine Online-Umfrage der ZEIT fand große Resonanz. Eines wollen fast alle: Die Kontrolle behalten

Ein kaputtes Auto, das eigenständig die Werkstatt alarmiert. Ein Motor, der automatisch bremst, wenn der Fahrer zu viel Gas gibt. Ein PC, der das Verhalten seines Nutzers analysiert, um Einstellungen in der Software zu ändern. Und ein Kühlschrank, der neues Bier bestellt – vier Szenarien, die ein kleines bisschen Zukunft verheißen. Aber wie nützlich ist das alles? Und was darf die Technik überhaupt? Soll sie uns nur das Leben erleichtern oder auch Vorschriften machen? Ist es akzeptabel, wenn neue Technologien zur Ausgrenzung von Menschen führen? Ist die Privatsphäre noch zu retten?

Um diese und weitere Aspekte ging es in einer Online-Befragung der ZEIT im November vergangenen Jahres. Sie ist Teil einer Studie namens Taucis *, die – im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung – von Wissenschaftlern des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der Berliner Humboldt-Universität erstellt wird. Auch das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein macht dabei mit. Das Ministerium möchte wissen, wie Technik gebaut werden muss, damit sie menschenfreundlich ist – und Zuspruch gewinnt. Fast 5000 Internet-Nutzer klickten sich durch die Szenarien und standen Rede und Antwort. Generell kam dabei heraus: Je informierter jemand ist, umso vorsichtiger wird er.

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Die Technik, um die es dabei hauptsächlich geht, heißt RFID (Radiofrequenzidentifikation) . Weil sie aus einer Kombination von Computerchip und Antenne besteht, firmiert sie auch unter dem Begriff Funkchips. Die können sich, wie der Name schon sagt, selbst mitteilen, wenn sie angefunkt werden. In der Regel übertragen sie jene Informationen, die auf ihnen gespeichert wurden. Die Chips können aber auch mit Datenbanken in Verbindung treten. Das macht sie besonders auskunftsfreudig.

Funkchips kommen auf alle Tickets zur Fußballweltmeisterschaft

Sie sind heute bereits auf Produktpaletten in Warenlagern zu finden. Manchmal stecken sie auch schon auf Skipässen oder Arzneimitteln wie Viagra. Auch in die neuen deutschen Reisepässe werden sie inzwischen eingeschweißt. Dort enthalten sie biometrische Daten ihrer Besitzer. Allerdings wird es noch dauern, bis alle Grenzen mit den erforderlichen Lesegeräten ausgestattet sind. Der große Praxistest steht den Funkchips in Deutschland deshalb während der kommenden Fußballweltmeisterschaft bevor. Dann stecken sie nämlich auf allen Tickets – und regeln den Zugang der vielen Millionen Fans zu den Stadien.

Funkchips können nicht nur Menschen-, sondern auch Warenströme lenken, Diebstähle verhindern, Fälschern das Handwerk legen oder als Geldbörse oder Türöffner dienen. Sie sind Teil einer Technologie, die man Ubiquitäres Computing nennt, kurz UbiComp . Übersetzt heißt das etwa: allgegenwärtiges Rechnen. Dabei können die Systeme nicht nur speichern und rechnen. Ausgestattet mit winzigen Sensoren, bekommen sie auch noch Augen und Ohren. Dann sind sie in der Lage, Informationen aus der Umwelt aufzunehmen. In diesem Fall wandeln sie sich zu gut informierten Kommunikatoren, die Daten blitzschnell erheben, speichern, analysieren und weitergeben können.

Wie also begegnen die Befragten dieser Technologie, die den vier Szenarien zugrunde lag? Insgesamt stehen sie ihr »passiv und unentschlossen gegenüber; jedoch mit einer eher positiven als negativen Tendenz«, fanden die Wissenschaftler heraus. Fast alle Teilnehmer der Umfrage glauben, dass die Technik einfach zu handhaben ist. Insbesondere nehmen junge Leute bis 29 Jahre und Senioren über 60 Jahre die beschriebenen Dienste (Kühlschrank, Auto, PC) als nützlich wahr. Aber: Diese Beurteilung hängt zu einem großen Teil vom Grad der Kontrolle ab, die einem Nutzer über die Technik verbleibt. Kontrollverluste führten bei den untersuchten Verbrauchern zu einer Reduzierung der Kaufintention, so ein Resultat. Ferner spielte das Vertrauen in das System und dessen Betreiber eine Rolle. Die Verletzung der Privatsphäre wird weniger gefürchtet als zum Beispiel das Risiko, die Kontrolle über die Technik zu verlieren, oder dass ein Dienst nicht in den Alltag passt. Gleichzeitig mangelt es in vielen Fällen an Kenntnissen darüber, was etwa mit gespeicherten Kundendaten geschieht. Dabei ist das Vertrauen in Datenschutz-Gesetze relativ hoch: Jeder Zweite fühlt sich gut geschützt. Allerdings ergab die Umfrage auch einen wichtigen Hinweis darauf, wann Menschen skeptisch werden: Wenn ihnen bewusst wird, dass Gesetzesverstöße von Unternehmen in Deutschland nur mit geringen Sanktionen verbunden sind, nimmt das Vertrauen stark ab.

Generell fanden die Wissenschaftler heraus: Personen, die weniger über die elektronische Verarbeitung von Kundendaten wissen, sind eher bereit, von Services zu profitieren, die ihre Privatsphäre potenziell beeinträchtigen könnten. Umgekehrt lässt sich daraus schließen: Wer sich auskennt mit den Möglichkeiten der Informationstechnik, der ist vorsichtig mit der Preisgabe persönlicher Daten.

Ganz klar war eine Mehrheit dagegen, neue Technik zur Diskriminierung von Personen zu nutzen. So wurden die Teilnehmer befragt, ob sie es in Ordnung finden, dass ein Freund in der Warteschlange eines Mobilfunkbetreibers länger warten muss als andere Kunden, weil er ein schlechter Kunde ist. Selbst die besser Verdienenden sagen mit fast 90 Prozent: »Nein!« Noch kritischer ist die Einschätzung, wenn jemand möglicherweise nicht mehr per Kreditkarte im Internet zahlen kann, da er in einem Stadtviertel wohnt, in dem viele Leute Schulden haben und die Kreditwürdigkeit an der Nachbarschaft festgemacht wird. 96 Prozent lehnen eine solche Praxis ab.

Sollten die RFID-Chips demnächst nicht nur auf Produktpaletten oder Eintrittskarten, sondern auf Schnapsflaschen, Zigarettenschachteln, in Kleidungsstücken oder Schuhen stecken, dann wünschen sich die Teilnehmer der Studie mehrheitlich, dass die Chips am Ladenausgang vernichtet werden. Gefragt wurde auch nach alternativen Verfahren. So könnten die Chips zum Beispiel nur deaktiviert und mit einem Passwortschutz versehen werden, um sie später wieder funktionstüchtig zu machen; etwa um einen Umtausch zu erleichtern. Doch solche Verfahren lehnen die meisten ab; bei den Teilnehmern mit Abitur waren es sogar 78 Prozent – eine ungewöhnlich kritische Haltung. Das eindeutige Votum überrascht vor allem, weil die Mehrheit der Befragten die Vorteile von RFID durchaus zu schätzen weiß.

* Taucis steht für Technikfolgenabschätzung Ubiquitäres Computing und Informationelle Selbstbestimmung. Der vollständige Bericht mit Hintergründen zu Technik, Wirtschaft, Zukunftsszenarien und juristischen Implikationen wird für den Sommer erwartet

Wer an der Studie teilgenommen hat, hatte die Chance, als Danketwas zu gewinnen. Hier die Lieste der Registriernummern, die gewonnen haben:

Paris-Reise: 15343497

Apple iPod: 88483070 und 50167377

ZEIT-Abo: 21687588; 172447353; 111984925; 459236232; 144511900

Die gewinner wenden sich bitte an das Berliner Forschungszentrum Internetökonomie der Humboldt-Universität unter sspiek@wiwi.hu-berlin.de

 
Leser-Kommentare
  1. Der Haken an der Gewschichte ist, dass eben wie immer alles mindestens zwei Seiten hat. Nur einige wenige Beispiele:

    Wie praktisch für Verbrecher mit einem Lesegerät, wenn die damit kontaktlos auslesen können, wieviel Bargeld die vorbeilaufenden Menschen bei sich tragen und sich somit auf lohnende "Geldträger" konzentrieren können.
    Das gleiche gilt für Geschäftsinhaber.

    Wie praktisch, wenn damit über grössere Entfernungen Identitäten festgestellt werden können und darasu mit Leichtigkeit auch Bewegungsprofile usw. Ebenso leicht wird dann auch der Identitätsdiebstahl. Die neuen niederländischen Pässe wurden aus einer Entfernung von 8 Metern ausgelesen und innerhalb von 2 Stunden dechiffriert - Alter, Bild und Fingerabdruck standen danach zur freien und mißbräuchlichen Verfügung (das gilt prinzipiell auch für die deutschen Personalpapiere).

    Schade, dass der Verfasser des Artikels auf die vielen anderen bekannten Risiken und Nebenwirkungen allenfalls andeutungsweise eingeht. Jedes Teil mit RFID-Chip ist weltweit identifizierbar und über andere Datenbanken auch Personen konkret zuordenbar.

    Schöne neue Welt ...

  2. Dass Diebe im vorbeilaufen ablesen können, wer wie viel Geld bei sich trägt, ist frei erfundene Hypothese. Dass es ihnen sonderlich nützen würde, auch. Man kann eigentlich schon jetzt am Aussehen, Kleidung, Auto… ganz gut erkennen, wer wohlhabend ist. Dito für Geschäftsinhaber.

    Aus größeren Entfernungen werden Identitäten eher mit Hilfe von Kameras, als von RFID festgestellt. Die amerikanischen Pässe kann man nur Auslesen, wenn man sie öffnet _UND_ sich mit passendem Geheimschlüssel gegenüber dem RFID-Chip identifiziert (bei den niederländischen Pässen ist es, meines Wissens, auch so, nur dass der Schlüssel dort schwach gewählt wurde. Aber dafür sind die Pässe noch in der Entwicklung). Also, lesen von zugeklappten Pässen, dazu noch aus Entfernung, geht gar nicht.

    Vorteile von RFID? Na ja, man kann auch ohne leben, so wie man ohne Mobiltelefone oder WLAN leben kann. Aber sie können das Leben bequemer machen. Ich fände es z.B. ganz praktisch, wenn ich mich im Supermarkt nicht mit dem Einkaufswagen erstmal in die Schlange vor der Kasse anstellen müsste, an der Kasse erstmal die ganze Ware aufs Band legen müsste und dann wieder in den Wagen rein, sondern einfach direkt zum Auto rollen könnte

    • Numen
    • 09.03.2006 um 12:14 Uhr

    Zitat:
    "Doch solche Verfahren lehnen die meisten ab; bei den Teilnehmern mit Abitur waren es sogar 78 Prozent – eine ungewöhnlich kritische Haltung. Das eindeutige Votum überrascht vor allem, weil die Mehrheit der Befragten die Vorteile von RFID durchaus zu schätzen weiß."
    Hey, was ist das? Die koennen ja... DIFFERENZIEREN! Na sowas aber auch... wer haette das denn bloss gedacht!

    (Sag mal, halten uns eigentlich alle fuer doof?)

    Numen
    (P.S.: Hmm... Ist das eigentlich schon kennzeichnungspflichtig satirisch?)

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