Café an der Rheinstraße Rüdesheim, die Stadt im Reim
Sechs Oden an einen Weinort im Winter
Cafe an der Weinstraße
Rüdesheim friert winterleer,
Dichter suchen warme Worte.
Kommt ein Güterzug daher,
Rattert durch die Tiefkühltorte.
Wie zum Greifen nah das Gleis,
Dichter schweigen leicht verdattert.
Und erneut, kaum ist es leis,
Kommt ein Güterzug gerattert.
Zweie sind sich nie genug,
wissen Dichter, grinsen Züge,
als ein dritter Güterzug
Reim wie Heim versöhnt, dies rüde –
Und ein viertes Zuggedröhn
Zwingt sie flugs auf kühne Schwingen:
»Ei, wie still ist’s hier! Wie schön!
Rüdesheim, lass dich besingen!«
Weinprobe in der Vinothek B.
Graue Luft kommt kühl geflossen –
weh, wie grimm kann Winter sein!
Wir also mit kalten Flossen
in die Vinothek hinein:
»Lieben Sie des Weines Wunder?«
»Na, ich liebe meine Frau!«
»Ähm, dies ist ein Grauburgunder…«
»Guck ma, Gärtner, schmeckt genau
wie Soave aussem Penny.«
»Öhm, Sie meinen: erdig-fein.«
»Gärtner, hasse ma ’n Rennie? –
Sie ham Recht, Jahrhundertwein!«
»Dann vielleicht jetzt: Spätauslese…?«
»Spät wird dat bei uns heut auch,
hahaha! Gibt’s keinen Käse?
Mensch, ich brauch getz wat im Bauch,
à biengtoh, und bis die Tage!«
Hui, wie frisch die Fahne weht!
Wanderer, Aurora frage
wohin diese Reise geht.
Drosselgasse
Durch diese Gasse werden sie bald kommen
zu Ostern spätestens (das heißt: April)
und werden lärmen, weinhalber benommen
und erst am frühen Morgen ist es still
so still wie jetzt im januarkühlen Regen;
grau gähnt der Kopfstein. Und du bleibst zurück.
Und durch den milde mützenwarmen Bregen
schwippschwappt von letzter Nacht das Gegenglück
aus ferner Pinte. Hier hat keine offen:
Es herrscht off-season, stillen Wandrern wohl.
Wer lärmen will, der muss auf Ostern hoffen;
dann ist auch diese Gasse wieder hohl.
Der Souvenirladen
Still schweigend lebt der Alte
In lang vergangner Zeit.
In seinem Blicke waltet
Die tiefste Traurigkeit.
Er mag nicht mehr hienieden
und macht sein Lädchen zu.
Die Frau ist ihm verschieden.
Er sinnt auf Grabesruh.
Er will nicht mehr gedenken
(französisch: souvenir.
Mir diesen Dreh zu schenken,
Gut hätt’s gestanden mir).
Eine Führung durch das Weinmuseum Brömserturm
Aus kalten Nebeln fallen wir verfroren
In Mauern, die sind tausend Jahre alt.
Wer Wärme sucht, der ist hier ganz verloren.
Die Frau doziert in puterrote Ohren,
Und unsre Füße werden schrecklich kalt.
Wir fühln uns alt, doch unvergleichlich älter
Sind Becher, Kalebasse, Glas und Krug.
Welch Alter, welche Vielfalt der Behälter!
Welch Einfalt unsrer Füße: immer kälter!
Und Zehen flehen: Frau, es ist genug.
Es endet nie. Es ist zum Haareraufen.
Ei, wär’ es warm, wie wär’ man intressiert:
Antikes Glas in ungeheuren Haufen!
Doch auch auf toten Füßen lässt sich’s laufen.
Und vor dem Turm wird preiswert amputiert.
Hotel Zur Krone, Assmannshausen; Freiligrath-Zimmer
Der Dichter H. F. Freiligrath
der wohnte mal in dieser »Stadt«
(nasagnwer: Städtchen), mopsfidel
logierte er im Grandhotel
bestellte hier, fettlebte da
Champagnerfrühstück, Kaviar
zehn Fässer Riesling, Doppelkorn
am nächsten Tag das Lied von vorn –
der Direx war vor Sorge krank
(und weil er selber ständig trank)
denn Freiligrath war, bitte sehr
ein echter Revolutionär
und soff sich durch und zahlte nie
da sprach der Chef von »Infamie« –
und Freiligrath vom »Kapital«
und das sei ihm halt schnurzegal.
Er sagte: »Höre, guter Wirt
sei du des Revoluzzers Hirt!
Gib du ihm Wein, gib du ihm Kraft!
Und Geld wird eh bald abgeschafft.«
Der Hotelier sah plötzlich klar
(weil er halt selbst besoffen war)
und ließ die Rechnung Rechnung sein;
und vor dem Fenster floss der Rhein.
Und die Moral von diesem Mist?
Auch wenn’s am Ende teuer ist:
Rebellen stütze, uns zum Lohne
und hab’ stets einen in der Krone!
Stefan Gärtner , 32, ist Redakteur des Satiremagazins »Titanic« und lebt in Frankfurt am Main. Demnächst erscheint sein Beitrag zur Lyrik- und Sprachkritik »Man schreibt deutsch. Hausputz für genervte Leser« im Rowohlt-Taschenbuchverlag
Thomas Gsella, 48, ist Chefredakteur von »Titanic« und lebt in Aschaffenburg. Zuletzt erschien sein Gedichtband »Ins Alphorn gepustet« bei Reclam Leipzig
- Datum 09.03.2006 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 09.03.2006 Nr.11
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Heinrich Heine lebt! Danke Titanic!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren