Franzosen beschreiben sie gern als Mischung aus La Gioconda und Greta Garbo, Deutsche mögen bei ihrem Anblick eher an Pocahontas oder Anne Will denken. Ja, Ségolène Royal ist tatsächlich so zart und schön wie auf den gestellten Fotos der Illustrierten und kleidet sich mit der gleichen nachlässigen Eleganz. Wenn sie beim Reden die Arme vor der Brust verschränkt und energisch den Kopf zurückwirft, strahlt die 52 Jahre alte Politikerin und vierfache Mutter bis heute den Charme eines aufmüpfigen Mädchens aus, das gerade aus dem Internat geflohen ist. Segolene Royal ist sozialistische Abgeordnete und Regionalpräsidentin von Poitou-Charentes BILD

Ségolène Royal könnte erreichen, was keine Frau vor ihr in Frankreich geschafft hat: Präsidentin der Republik zu werden. Vorausgesetzt, ihre Partei, die Sozialisten, nominieren sie für die Wahl 2007. Mehr als alle anderen Anwärter beschäftigt sie derzeit die Fantasie der Franzosen. Das Einzige, was sich bislang in ihrem Arbeitsalltag geändert hat, ist das Gefolge. Fast 20 Jahre lang hat sich kaum jemand dafür interessiert, wenn die Abgeordnete des Atlantik-Départements Deux-Sèvres mit Fischern, Käsebauern und Bürgermeistern zusammentraf. Doch nun ist es mit der Beschaulichkeit vorbei.

Schon morgens beim Besuch einer Radiostation im Küstenstädtchen Rochefort befindet sich eine Menschentraube im Schlepptau der Politikerin, beim Mittagessen mit Landräten im Hafen von La Rochelle müssen bereits mehrere Besuchertische reserviert werden, und abends bei der Verleihung des regionalen Literaturpreises ist der Festsaal von Villeneuve les Salines bis auf den letzten Platz besetzt.

Obwohl Royal die Kaderschmieden Sciences Po und ENA absolviert hat und bereits dreimal Ministerin war, stand sie noch nie so sehr im Rampenlicht. Nun laufen nach jedem Auftritt bei professionellen Beobachtern die Mobiltelefone heiß. Parteizentralen und Redaktionen erkundigen sich: Wie war sie, was hat sie gesagt? Amateure begnügen sich damit, die Politikerin wie ein Fabelwesen zu mustern: Was hat sie an, wie sieht sie aus?

Vor allem jene Leute können sich an ihr nicht satt sehen, die jahrelang die rustikale Boxernatur von Jean-Paul Raffarin als Präsident der Region Poitou-Charentes gewöhnt waren. Dagegen hielt sich im übrigen Land das Aufsehen in Grenzen, als die Sozialistin 2004 neben ihrem Abgeordnetenmandat überraschend auch die Stammregion des französischen Expremiers eroberte. In der dünn besiedelten Vendée, wo einst Königstreue und Bauern gegen den Pariser Revolutionsterror rebellierten, kündigt sich nun eine unerwartete Entscheidungsschlacht an.

Ein Satz in einem Interview löste eine Lawine aus: "Ich bin bereit, wenn die Partei es will." Zuerst galt der Rummel als Presseblase und Demoskopenhysterie. Doch mit jeder neuen Umfrage und jedem Leitartikel über das "Phänomen Ségolène" zieht die Wirklichkeit mit dem Mediengeschehen gleich.

Nun kommen die Journalisten nach Poitou-Charentes, um nachzuschauen, ob die Präsidentin einer der kleinsten französischen Regionen mit 1,64 Millionen Einwohnern und einem bescheidenen Haushalt von 522 Millionen Euro fähig ist, ein ganzes Land zu führen. Freilich ist eine Regionalregierung kaum das Labor für nationale Erneuerungsprogramme. Zwar hat Paris den Provinzen neue Zuständigkeiten gegeben, aber kein zusätzliches Geld. Auch Ségolène Royal muss sparen. Statt mit dem Präsidentenwagen der Marke Renault Vel Satis fährt sie mit einem bescheidenen Laguna durchs Land. Auch andere Prestigeobjekte wie die Länderrepräsentanz von Poitou-Charentes in Paris hat sie abgestoßen.

Die Frau, die sich vor Jahren nicht zu schade war, in Bäuerinnen-Tracht beim Sommerfest im Elysée aufzutreten, um für den Ziegenkäse von La Motte Saint-Heray zu werben, lässt sich auch heute nicht lange bitten, wenn jemand Zuspruch sucht. Als sie an einem eiskalten Februarmorgen ein etwas baufälliges Reihenhaus in Rochefort betritt, warten bereits die Mitarbeiter des freien Regionalradios Franc CP, denen sie ein kleines Förderbudget mitgebracht hat. Der Vereinsvorsitzende verliest mit zitternder Stimme eine lange Dankadresse. Doch Madame Royal hat es nicht eilig, verschränkt die Arme vor der Brust und lobt die Initiative als Element der "partizipativen Demokratie", in der "Geld nicht immer zum Geld" fließen soll. Schließlich fragt sie aufmunternd in die Runde, ob noch jemand etwas sagen möchte. Alles in allem hat sie sich für die Amateurfunker, deren regionale Einschaltquote bei vier Prozent liegt, anderthalb Stunden Zeit genommen.

Anschließend sitzt sie wie eine aufmerksame Klassenlehrerin zwei Stunden lang am Mittagstisch mit 30 Landräten und Bürgermeistern, deren Gespräch über Nahverkehr, altengerechte Badestrände und Regenwasser-Rückgewinnung sie überhaupt nicht zu langweilen scheint. Genauso wenig wie das Treffen mit Fischern im Meeresmuseum von La Rochelle, wo die rotwangigen Männer über Fangquoten und Flottenabbau klagen. Doch sie nicken verblüfft, als die ehemalige Umweltministerin an den Stolz der Fischer appelliert: "Wenn ihr nicht subventioniert werden wollt, müsst ihr euch stärker auf den Tourismus verlegen."

In der Tat zeigt die Regionalpräsidentin wenig Ehrgeiz, Anschauungsmaterial für die große Politik zu liefern. Zwei Themen dominieren ihre bisherige Bilanz: Umweltschutz und partizipative Demokratie. Ihr wichtigstes Vorzeigeprojekt ist ein Mitbestimmungsprogramm, mit dem sie den Bürgern die Entscheidung über zehn Prozent des Regionalbudgets einräumen will.

Doch hinter dem unspektakulären Wirken steckt Taktik. Weil Ségòlene Royal in ihrer Region nicht über das stabile Netz der Konservativen verfügt, ist ihr Demokratie-Projekt auch der Versuch, die Würdenträger zu umgehen und die Bürger direkt anzusprechen. Und für die Widerstände, die ihr in Paris blühen, ist der Starrsinn der konservativen Notabeln ein ideales Erprobungsfeld. "Sie ist eine hervorragende Kriegerin, eine richtige Walküre – aber auch eine begabte Blenderin", schimpft Regionalrat Dominique Clément. Besonders verwirrt zeigen sich die Honoratioren von der Vielzahl der neuen Foren und Konferenzen: "Je mehr man alle Welt befragt, desto mehr kann man letztlich beschließen, was man will", argwöhnt Pierre Guenan vom regionalen Wirtschaftsrat.

Als Ségòlene Royal 1981 in den Beraterstab von Präsident Mitterrand eintrat, galt sie als Streberin mit Brille, Faltenrock und Blümchenbluse ohne jede Basiserfahrung. Erst 1988 gab ihr die Parti Socialiste (PS) in letzter Minute einen übrig gebliebenen Wahlkreis in Deux-Sèvres, den sie knapp eroberte. Doch ihr Abgeordnetenbüro im 4500-Seelen-Dorf Melle wurde schnell zum Kummerkasten. "Beim kleinsten Problem kamen die Leute lieber zu ihr als ins Rathaus", erinnert sich Ortsbürgermeister Jean Bellot. "Ich musste ihr oft sagen: Ein Abgeordneter ist ein Gesetzgeber, kein Sozialarbeiter."

Solche Vorwürfe kehren heute wieder. Mit Vorliebe kritisieren Spitzenpolitiker ihr fehlendes Programm. "Ségolène? Kein Problem", höhnten bislang vor allem die sozialistischen Elefanten, die sich selbst für die Präsidentschaftskandidatur rüsten. Doch weil Elefanten sensible Tiere sind, ist ihr Gelächter verstummt. Denn mit "Madame la Présidente" erlebt die schwächelnde PS einen Sympathiezuwachs, der allen Richtungsstreit der Rivalen vergessen lässt. Die Parteizentrale, wo die Fanpost für Ségolène Royal körbeweise eingeht, rechnet bereits fest mit einem Mitgliederzuwachs von heute 110000 auf 150000 im Sommer.

Derweil rätselt der Nouvel Observateur über Royals Erfolg: "Ihre Methode: nichts ändern, auf der Erfolgswelle reiten und alle Forderungen nach einem Programm ignorieren." Solche Kritik kontert Royal mit dem Hinweis auf die Chilenin Michelle Bachelet, die sie unlängst besuchte: "So was haben die Gegner der neuen chilenischen Präsidentin auch gesagt." Und sie weiß, wie sehr auch Angela Merkel in Deutschland unterschätzt wurde.

Im krassen Gegensatz zu ihrer starken Stellung in der Wirtschaft sind Frauen in Frankreich in der Politik seltsam unterrepräsentiert. Dies liegt weniger an gesellschaftlichen Widerständen als an der Blockade der Parteigranden. So gerät der Überschwang der Öffentlichkeit im Fall Royal auch zu einer Kampferklärung gegen verzopfte politische Männerbünde.

Royals Äußerungen sind wohlkalkuliert. Mal kritisiert sie die "französische Arroganz" nach der fehlgeschlagenen Bewerbung von Paris für die Olympischen Spiele 2012, mal lobt sie Tony Blairs Jobprogramm für Jugendliche – und schaut dann zu, welche Kreise das zieht. "Ich kenne die Leier: Wenn ich etwas sage, ist es Unsinn, und wenn ich schweige, habe ich angeblich nichts zu sagen", sagt Ségolène Royal. "Das ist eben die ständige Prüfung für eine illegitime Kandidatin."

Trotz ihrer Karriere in Paris gilt sie als anti-elitär. "Sie ist eine moderne Frau, die ihr Leben als Mutter und ihre politische Karriere erfolgreich vereint", sagt Meinungsforscher Brice Teinturier. "Das macht sie mit einer Natürlichkeit und Schlichtheit, die aufräumt mit den Legenden von den Killerfrauen und Erfolgshuren." Und ihren größten Vorzug hält sie auch an der Seite ihres Lebenspartners François Hollande aufrecht, der zugleich PS-Chef ist: die Ferne von Parteischarmützeln. Die Pro-Europäerin verkörpert keine Strömung und keinen Konflikt, das macht sie kompatibel mit allem und zur idealen Projektionsfläche.

Ihre Themen sind weniger Wirtschaft und Weltlage, sondern Alltag und Soziales. Als Familienministerin kämpfte sie gegen Fernsehgewalt und Prostitution, aber auch gegen die Homo-Ehe. Sie führte den Vaterschaftsurlaub ein und verbot brutale Mutproben (bizutages) in Schulen. Die im rechtskatholischen Milieu aufgewachsene Offizierstochter steht für Emanzipation ohne Libertinage und könnte als Neopuritanerin durchgehen. Doch ihre Werte gründen nicht auf Keuschheit und Kirchenmoral, sondern auf der Autorität der Familie, der Würde der Frauen und dem Schutz der Kinder.

So leiht Royal sich ihre sittlichen Werte bei den Konservativen und ihre ökonomische Auffassung von Staatsaufgaben und öffentlichem Dienst bei der gemäßigten Linken. Ihre Anziehungskraft auf Jüngere ist groß, weil sie mit der Ideologie des Klassenkampfes bricht, die kaum einer mehr versteht. Vor allem verspricht sie ein Ende jener Vernichtungslogik, mit der die Parteien nach jeder Wahl einander die Legitimität absprechen: "Ich werde nicht bloß aus Vergnügen das zurücknehmen, was die Vorgängerregierung gemacht hat."

Damit steht Royal quer zum Mainstream der nach links gerückten PS. Aber ihre Aura von Respekt und Autorität ist ebenso frei von jenem Kältehauch der Konservativen, deren Liberalisierungsappelle als Angriff auf Arbeitsrecht und Sozialstaat gelten. Bei Ségolène Royal können die Franzosen offenbar erstmals Marktkonkurrenz und Gemeinschaft zusammendenken.

Dabei kommt ihr zugute, dass angesichts der Bulldozernatur des starken Mannes der Konservativen, Innenminister Sarkozy, die Bürger auf Politiker mit extremem Durchsetzungswillen längst allergisch reagieren. "Sie ist ein neuer Typus", lobt Le Monde, "weil sie ihre Macht begrenzt und Gegengewichte zulässt."

Seit 50 Jahren wählen die Franzosen einen Präsidenten und bekommen stets einen Monarchen. Jetzt könnte es sein, dass sie es mit einer Königin versuchen wollen.