Wetter Schnee von gestern
Historische Wetterdaten bringen künftig mehr Geld ein als Vorhersagen für Fernsehen und Radio
Keine Konkurrenzsituation? Dass ich nicht lache«, sagt Jörg Kachelmann und lacht doch. Der DWD versuche »systematisch, alle private Konkurrenz platt zu machen«, klagt er. Trotz staatlicher Finanzierung sei der Deutsche Wetterdienst am Markt tätig, drücke dadurch die Preise und liefere zudem noch schlechte Produkte. Kachelmann schießt scharf gegen einen Kontrahenten, der in hoheitlichem Auftrag arbeitet und sogar per Gesetz zum Geldverdienen verpflichtet ist.
»Regulierter Markt? Vielleicht vor 25 Jahren«, sagt Hans-Gerd Nitz, und auch er lacht, wenngleich etwas leiser. Das DWD-Vorstandsmitglied beteuert jedoch, in Bezug auf Kachelmann gebe es kein Problem. Schließlich verkaufe seine Behörde schon seit 2003 keine Vorhersagen mehr an die Medien, sondern bloß noch Rohdaten. An die Attacken des eloquenten Schweizers habe er sich gewöhnt. Das Netz der amtlichen Messstationen sei löchrig und schlecht? Jene von Kachelmanns Meteomedia AG, die »ich persönlich sah, würden bei der Meteorologischen Weltorganisation durchfallen«.
Kachelmann und DWD verachten einander aus ganzem Herzen und zelebrieren nun schon seit 15 Jahren ihre Feindschaft – und dennoch sind beide gute Geschäftspartner. Für einen »mittleren sechsstelligen Betrag« pro Jahr (Kachelmann) bezieht Meteomedia mit Sitz im Appenzeller Land die vermeintlich schlechten Basisdaten der Staatsmeteorologen und ihres weltumspannenden Erhebungsrasters. Der Streit der beiden verdeckt, wie sehr sich das Wettergeschäft ändert. Zwar nicht so schnell wie das Wetter selbst, aber dennoch spürbar: Der Rückblick wird wichtiger als die Vorhersage.
Das alte Geschäft war das mit den Medien. Man erklärte Fernsehzuschauern und Radiohörern, ob es morgen regnet oder schneit; die klassische Wettervorhersage. »Heute kann man vor allem mit dem Nichtmediengeschäft Geld verdienen«, sagt Frank Werner. Er muss es wissen, schließlich ist er nicht nur bei Meteomedia für die Finanzen zuständig, sondern gleichzeitig Chefredakteur der Zeitschrift Euro am Sonntag. Noch mache Meteomedia zwar 60 Prozent des Umsatzes mit klassischen Vorhersagen, sagt Werner. Doch noch in diesem Jahr würden die Nichtmedien gleichziehen und bis Ende des Jahrzehnts vier Fünftel einbringen. »Ohne dass der Vorhersagebereich schrumpft«, sagt er.
Es sind Kunden aus der Wirtschaft, die sich zunehmend für historische Wetterdaten interessieren. Denn wo Strommasten errichtet werden, wann die Ortszufahrt gepflastert, wie eine Police tarifiert wird, das hängt auch von klimatischen Durchschnittswerten ab. Zu den guten Kunden von Meteomedia zählen folglich neben der ARD auch Versicherer wie die drittgrößte deutsche Assekuranz Talanx, Agrarunternehmen oder fast alle wichtigen Energieversorger. »Letztlich würfelt sich das Wetter zwar aus«, sagt Manuel Prechtl vom Verband Öffentlicher Versicherer in Düsseldorf, »aber Klimawandel ist der Ereignisraum, in dem die Würfel rollen.« Genaue örtliche Erkenntnisse seien da für seinen Verband – zu dem auch die Deutsche Rück gehört – von wachsender Bedeutung. Um Risiken einschätzen zu können, ordert Diplom-Meteorologe Prechtl das Wetter sowohl vom DWD als auch von Meteomedia. Beide würden sich gut ergänzen: Die Dichte des Stationsnetzes, sagt Prechtl, »nimmt erfreulicherweise zu«.
Mehr als 450 Stationen Jörg Kachelmanns messen zurzeit Sonne, Regen, Wind und Wärme in Deutschland. Monat für Monat kommen ein bis zwei neue hinzu, und jede wird im Kachelmann-Wetter-TV, sieben Minuten vor der Tagesschau, werbewirksam eingeweiht. Mindestens 10000 Euro kostet jede – der Eidgenosse lässt sie sich gern von Kommunen oder örtlichen Firmen sponsern. Rund 400000 Euro jährlich kostet Kachelmann der Unterhalt des eigenen Messnetzes. »Den Spaß leisten wir uns«, sagt er. Der DWD indes hocke auf »seinen immer gleichen 190 Stationen«, schimpft Kachelmann, das sei ein »einfacher, billiger, langweiliger Weg«. Freilich ist es nur ein Teil der Wahrheit, denn die Behörde mit ihren 2700 Mitarbeitern – 27-mal mehr als beim Konkurrenten – verfügt anerkanntermaßen über eines der besten Systeme der Welt, es ist radar-, satelliten-, seegestützt und international vernetzt. Da bringt es wenig, nur die Zahl der deutschen Stationen zu vergleichen.
Der deutsche Wettermarkt ist sehr überschaubar. Bundesweit existieren kaum 25 meteorologische Dienstleister. Selbst Meteomedia setzte im abgelaufenen Geschäftsjahr bloß zehn Millionen Euro um. Beim Gewinn, sagt Kachelmann, »steht eine schwarze Null«, aber sein Unternehmen wachse jährlich um zehn bis 15 Prozent. Dennoch ist der DWD vom Umsatz her etwa achtmal größer. Dass Kachelmann trotzdem bekannter ist, liegt an seiner Begabung zur Selbstvermarktung. Er ist fernseherprobt und ein gern gebuchter Werbestar (Actimel).
Die Reibereien mit dem DWD sind seit jeher Bestandteil des Kachelmann-Repertoires. Im Ton hat sich nur wenig geändert. Vor einigen Jahren forderte er noch die »vollständige Privatisierung«, etwa »wegen Wettbewerbsverzerrung, Steuergeldverschwendung und Gefährdung von Arbeitsplätzen«. Nun solle der Deutsche Wetterdienst als »normaler Wettbewerber am Markt« agieren – ohne die jährlich knapp 160 Millionen Euro Steuergelder. Aber dann, sagt Kachelmann wieder mit sarkastischer Stimme, »wären die sofort insolvent«. Dass man darüber beim DWD lacht, steht außer Frage.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 09.03.2006 Nr.11
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Es ist doch von seiten Kachelmann eine reine Abzocke. Wenn Sie sich die Homepage von Meteomedia ansehen, wissen Sie, wer die Hauptzahler sein könnten:die Rundfunkanstalten in Deutschland! Fragen Sie dort nach - was ich schon vor Monaten mal gemacht habe - wie hoch der finanzielle Aufwand für die Kachelmann-Wetterberichte sind, erhalten Sie keine Zahlen. Sie werden u.a. auch an den Rechnungshof verwiesen. Man mauert. Genau so Herr Kachelmann bzw. seine AG. Dort könnte man durch den genannten Umsatz (ist der echt?)in etwa den Aufwand der Radioanstalten vermuten, aber nicht Genaues weiß keiner!Will keiner sagen. Dann polemisiert Herr Kachelmann noch, dass der DWD Steuergelder verschwendet! Was verschwenden den die Radioanstalten für den Wetterbericht ohne nachhaltige Wirkung: Gebühren der Steuerzahler. Schreibt man zwar anders, aber ist dasselbe!
Also,keine Zahlungen mehr an Kachelmann & Co, wer wäre dann sofort insolvent?
Aber vorher dürfte der Wetterfrosch noch einen Sprung machen und seine Aktien veräußern.
Ich bin keine DWD Mitarbeiter!
Mfg
W.steffens, Mülheim
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