DeutschlandDie längsten Beine der Nation

Bye bye, Freiheitsstatue: Unser Hermann hat einen Waschbrettbauch und trägt das kürzere Kleid von 

Wieder eine Biegung, und plötzlich ragt er in der Ferne aus dem Wald – von Kopf bis Fuß in Schwimmbadgrün. Ein, vielleicht zwei Kilometer Luftlinie liegen noch zwischen uns. Er hat den rechten Arm emporgereckt, als wolle er winken, und im ersten Moment könnte man wirklich meinen, die New Yorker Freiheitsstatue hätte sich verlaufen. Nach fünf Jahren in den USA ist das meine erste Reise daheim – durch den Teutoburger Wald zum Denkmal von Hermann, dem Cheruskerfürsten. Wenn ich schon zurückkomme, dann gleich mittenrein in den deutschesten aller Wälder.

Die erste Erkenntnis: Es ist egal, wo der Wald ist. Nach ein paar hundert Metern federt der Boden unter den Füßen, die Welt wird langsam, das Hirn registriert eine wundersame Stille, in der jedes Geräusch seinen Auftritt hat. Ich nehme mir zum hundertsten Mal vor, die Namen von Baum- und Vogelarten zu lernen – oder wenigstens die der "anspruchslosen Gräser", die der Wanderführer auflistet. "Hainsimse, Drahtschmiele und Pillensegge." Wörter wie Koboldsnamen. Ich wusste nicht, dass meine Sprache so etwas kann.

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Eigentlich kann es hier so still nie gewesen sein. Alle paar Kilometer sind die Archäologen fündig geworden, haben jahrtausende- oder jahrhundertealte Lanzenspitzen, Gürtelösen, Bronzeurnen, Ohrringe und Münzen gefunden. Hätte die Geschichte ein Fenster, sähe man sie in diesem Wald alle durcheinander laufen: Steinzeitjäger, römische Legionäre, cheruskische Fürstentöchter, sächsische Heiden, Paderborner Mönche, lippische Mägde. Später dann deutsche Dichter, Kaiser, Herrenmenschen, Vertriebene und immer wieder Pennäler. Letztere zog es weniger in den Wald als zu ihm, Hermann, dem "Befreier der Germanen".

Der Empfang im Jahr 2006 ist ernüchternd – zumindest für alle, die von Süden zu Fuß kommen. Der Wald liefert mich auf einem riesigen Parkplatz ab, und statt auf Hermann blicke ich auf einen Gastronomiebetrieb im Stil einer Autobahnraststätte. Rechts ein Souvenirstand. Links flötet penetrant eine blecherne Stimme "Juhu, sehen Sie sich? Juhu…" aus einem Metallkasten, der sich bei genauerer Betrachtung als Fotoautomat entpuppt, bei dem Touristen ihr Antlitz mit Germanenhelmen verzieren können. Nach stundenlanger Wanderung durch die Stille verdattert mich dieses idiotische Gerät dermaßen, dass ich nicht einmal mehr erschrecke, als er plötzlich vor mir steht – genauer gesagt: ich hinter ihm. Ich sehe zuerst seinen mächtigen Rücken, die Schwingen seines Flügelhelms und den knappen Kriegermantel über seinem Po. Mit Sandsteinsockel misst er 53,44 Meter.

"Unsere Freiheitsstatue" – das steht tatsächlich in einer Tourismusbroschüre. Ein PR-Gag vielleicht, um dem Ganzen die teutonische Schwere zu nehmen. Bloß hat Hermann im Gegensatz zur alten Dame im New Yorker Hafen einen Waschbrettbauch und hält statt einer Fackel ein Schwert in den Himmel – mit einer Inschrift, von der man wissen muss, weil man sie vor Ort auch nach zehnminütiger Genickstarre nicht lesen kann: "Deutschlands Einigkeit meine Stärke. / Meine Stärke Deutschlands Macht."

Dass er für Deutschland kämpfte, konnte der Mann im Jahre 9 beim besten Willen nicht ahnen. Es ist noch nicht einmal klar, ob er sich und seine Germanen von den Römern hätte befreien wollen, wenn diese ihm nicht einen drittklassigen Statthalter namens Publius Quinctilius Varus geschickt hätten, der entgegen bisheriger Gepflogenheit plötzlich Steuern eintreiben wollte. Diesen Römer lockt Hermann, der eigentlich Arminius heißt und selbst in der römischen Armee Karriere gemacht hat, in einen Hinterhalt, nachdem er vorher aus einigen notorisch zerstrittenen germanischen Stämmen eine Koalition geschmiedet hat. In unwegsamem Gelände metzeln sie drei scheinbar übermächtige Legionen nieder, und Arminius lässt sich den Kopf des Varus bringen, der sich allerdings schon vorher nach herrschender Sitte ins eigene Schwert gestürzt hat. Asymmetrische Kriegsführung nennt man das heute. Damit hat bekanntlich jedes Imperium Probleme.

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