IntegrationHeimat, ja bitte!

Wie Integration gelingen kann: Ein Plädoyer für klare Regeln – und für eine gemeinsame Zukunft von Deutschen und Einwanderern von Necla Kelek

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Die deutsche Gesellschaft hat mit dem Zuwanderungsgesetz – wenn auch spät – den Migranten ein Angebot zur Aufnahme in diese Gesellschaft gemacht. Seit Anfang des vorigen Jahres kann jeder Einwanderer bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen deutscher Staatsbürger werden. Aber wer Bürger dieses Landes werden will, sollte Grundsätzliches über das Leben dieses Landes wissen, seine Regeln und Gesetze akzeptieren und sich zur Verfassung dieses Landes bekennen. Es gibt keinen Automatismus, Deutscher zu werden, das Angebot ist vielmehr an die Zustimmung zu der Grundordnung gebunden, die sich dieses Land selbst gegeben hat.

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Man kann die Migranten in Orientierungskursen auf ihre Staatsbürgerschaft vorbereiten; aber die Bundesrepublik ist mehr als die Summe ihrer Gesetze, Verordnungen und Institutionen. Sie ist ein Stück von Europa und seiner Geschichte. Und Europa ist eine durch die Erfahrungen von Kriegen und Krisen, von Aufklärung und Vernunft, von Freiheits- und Emanzipationskämpfen zusammengewachsene Gemeinschaft. Mit einem islamischen Welt- und Menschenbild, das, über Jahrhunderte hinweg "versiegelt", wie Dan Diner es formuliert, von Generation zu Generation weitergereicht wird, hat diese nicht viel gemein – in den grundlegenden Prinzipien sind beide unvereinbar.

Viele der traditionell gläubigen Muslime gehen davon aus, dass die im Koran niedergelegten Offenbarungen des Propheten Gottes Wort sind, Gesetzeskraft haben und gegenüber den von Menschen gemachten Gesetzen eine "überlegene Wahrheit" darstellen. Viele glauben, sie könnten auch in Europa nach dem Gesetz des Islams, nach der Scharia, leben. Die Scharia aber kollidiert mit säkularen Rechtsnormen. Sie ist ein Vergeltungsrecht, das körperliche Schmerzen für ein Vergehen verlangt. Wer Ehebruch begeht, ein so genanntes Hadd-Vergehen, verletzt Gottes Recht. Mit den Schuldigen gibt es laut Sure 24, Vers 2, kein Mitleid, hundert Peitschenhiebe oder Steinigung als Vergeltung gibt der Koran vor. Die Tötung eines Menschen hingegen – auch Mord – gehört nicht zu den Kapitalverbrechen, sondern zu den Qisas-Vergehen, den Verbrechen mit der Möglichkeit der Wiedervergeltung: "Ihr Gläubigen! Bei Totschlag ist euch die Wiedervergeltung vorgeschrieben: ein Freier für einen Freien…" (Sure 2, Vers 178). Und so reißt die Blutrache bis heute ganze Familien in den Abgrund.

Ohne die Ächtung der Scharia und des Prinzips der Vergeltung sind alle Bemühungen um Integration der Muslime zum Scheitern verurteilt.

Durch eine falsche Integrationspolitik, die ihre Herkunftsidentität stärkte, fühlen sich selbst türkische Migranten, die schon Jahrzehnte hier leben und einen deutschen Pass haben, immer noch als Türken. Sie gehören nirgendwo richtig dazu – für das Land, aus dem sie kommen, sind sie die "Deutschländer", und zu dem Land, in dem sie leben, wollen sie nicht gehören. Diese ungeklärte Identität trägt zum Rückzug in die eigene Community, in die "Parallelgesellschaft" bei. Wer seinen Kindern nach 30 Jahren Aufenthalt in Deutschland immer noch die Türkei als die wahre Heimat verkauft, wer ihnen die Maxime en büyük türk, "Der Türke ist der Größte", vorlebt, der diskreditiert seinen eigenen Lebensweg als Irrtum.

Wer als Migrant gekommen ist, muss Deutschland als seine "wahre Heimat" annehmen. Er muss aufhören, die Deutschen als Fremde zu sehen, deren Sitten und Gebräuche er verachtet; er muss lernen, sich mit diesem Land auseinander zu setzen, und er muss respektieren, dass auch ein Migrant vor Einmischungen in seine "Angelegenheiten", vor Kritik nicht gefeit ist. "Es ist völlig in Ordnung, dass Muslime, dass alle Menschen in einer freien Gesellschaft Glaubensfreiheit genießen sollten", schreibt der Muslim Salman Rushdie. "Es ist völlig in Ordnung, dass sie gegen Diskriminierung protestieren, wann und wo immer sie ihr ausgesetzt sind. Absolut nicht in Ordnung ist dagegen ihre Forderung, ihr Glaubenssystem müsse vor Kritik, Respektlosigkeit, Spott und auch Verunglimpfung geschützt werden." Diesen selbstbewussten Umgang mit den Errungenschaften der Aufklärung wünschte ich den Muslimen, aber auch ihren selbst ernannten Verteidigern, die auf Kritik reagieren, als würde damit ein Dschinn, ein böser Geist, losgelassen.

Leserkommentare
    • iceman
    • 13. März 2006 22:45 Uhr

    Der Koran ist, von seinen Inhalten her, sicher nicht ganz so harmlos wie die Rezeptur für österreichische Topfencreme (Joghurtspeise).
    Und ganz sicher ist die traditionelle (!) Auslegung des Koran ein Hemmschuh für ökonomische und emanzipatorische Entwicklung.

    Aber: Die Frage sollte sein, wie eine bessere Integration konkret erreicht werden kann.

    Erstens:
    Der Familiennachzug sollte auf nahe Null zurückgefahren werden (Dänemark hat das Problem erkannt, Dänemark hat gehandelt - jede Kritik daran ist irrational).

    Zweitens:
    Eine Umgestaltung der Kinderförderung in nötig - also weg von der Kindergeldzahlung, hin zu:

    a. einer besseren staatlichen Betreuung der Kinder.
    Es ist nicht sinnvoll, die Familienstrukturen von Agrargesellschaften zu finanzieren, während für die Unterstützung berufstätiger Paare oder Alleinerziehender zu wenig getan wird.
    Im Idealfall wird ein staatliches Erziehungssystem auf hohem Niveau geschaffen, in dem jedes Kind sehr gute pädagogische Betreuung erfährt, und der Staat einen grösseren Teil der pädagogischen Verantwortung übernimmt (ganztags).
    Ein gutes Zeichen für mehr Gleichstellung wäre auch die Einführung von Schuluniformen.

    b. Einführung eines steuerfreien Existenzminimums!
    Und zwar pro Person eines Familienmitglieds, unabhängig vom Alter.
    Paul Kirchhof schlug 8.000 Euro jährlich pro Person vor.
    Das wäre klasse, dann bekäme man einerseits eine höhere Kaufkraft bei Erwerbstätigen mit Kindern, andererseits fiele zum Beispiel für einen Arbeitslosen oder Geringverdiener der Anreiz weg, die Haushaltskasse der Familie über möglichst viele Kinder aufzubessern.
    "Sozial ungerecht" wäre das nicht, lediglich bestünde eine stärkere Notwendigkeit, die Höhe der Kinderzahl nach den eigenen Vermögensverhältnissen auszurichten.

    Drittens:
    Stärkere Einbindung der Migranteneltern durch Bildungsvereine.
    Diese sollten flächendeckend und mit politischer Begleitung (= Finanzierung) eingerichtet werden.
    Die ZEIT hat diese Woche ein schönes Beispiel eingestellt mit dem Projekt ´Hippy´.

    Viertens:
    Der inter-kulturelle Dialog darf nicht nur von den Kirchen geführt werden.
    "Koranküsser" Johannes Paul II in Ehren, aber die christlichen Kirchen haben weitgehend ihre politische Bedeutung verloren.
    Aus Bequemlichkeit haben deutsche Politiker die Dialogführung abgetreten an Kirchen, Verbände und eigene Migrationsbeauftragte - das reicht nicht, Migrations- und Integrationspolitik muss Chefsache werden.
    Eine vierteljährliche kritische Äusserung Schäubles reicht nicht.
    Es geht um nichts weniger als eine nationale oder historische Aufgabe.

    Fünftens:
    Deutsche Politiker sind wie Hunde, die man zum Jagen tragen muss.
    Die liberale Presse wird ihrer Verantwortung nicht gerecht, wenn sie im Karikaturenstreit die Segel streicht, oder gar Artikel veröffentlicht wie den von Susanne Mayer ("Zwangsdeutsch? Typisch deutsch!"), oder den Dänemark-Artikel von Wolfgang Zank.
    Mit solchen Artikeln liefert man integrationsunwilligen (oder auch nur zu bequemen) Migranten bloss Alibis, und fällt Frauen wie Necla Kelek in den Rücken.

  1. koennen muslimische Maenner es nicht ausstehen wenn eine Frau mal so richtig Tacheles redet die Retorte ist dann : Frau soll den Mund halten!

    • Anonym
    • 14. März 2006 4:03 Uhr

    So recht sie fuer sich betrachtet haben moegen, sie laufen aber beide Gefahr, das eigentliche Problem zu verkennen: fuer viele Muslims ist der Koran noch immer die reine Wahrheit, Worte geoffenbart aus dem Munde Gottes!

    Wenn es dann irgendwann zum Schwur kommt, ergibt sich moeglicherweise fuer den glaeubigen Muslim keine andere Wahl, als sich gegen das Grundgesetz zu bekennen und fuer den Koran.

    Was noetig ist, ist auch eine Diskussion ueber die Bedeutung des Korans und ueber die Bedeutung Mohammeds.

    Solange Mohammed fuer sakrosant erklaert wird, ergibt sich daraus, dass die sharia hoechste Rechtsnorm ist!

    Die Vaeter des Grundgesetzes haben ja niemals behauptet, ihnen waere das Grundgesetz von Gott geoffenbart worden!

  2. Übrigens, nur so am Rande, das Koranzitat entspricht der auch hierzulande üblich gewesenen Handhabung der Sühne bei Mord - also entweder das biblisch-alttestamentarische Auge und Auge (also nicht mehr, aber auch nicht weniger), welche demnach Privatsache der Geschädigten war - die Zahlung eines Blutgeldes allerdings ebenfalls eingeschlossen. Als dies im 18. Jahrhundert geändert wurde, war das dann die Geburt unseres heutigen Kriminal-Apparats. Die Mafia fällt diesbezüglich allerdings noch etwas aus dem Rahmen...

  3. Übrigens, nur so am Rande, das Koranzitat entspricht der auch hierzulande üblich gewesenen Handhabung der Sühne bei Mord - also entweder das biblisch-alttestamentarische Auge und Auge (also nicht mehr, aber auch nicht weniger), welche demnach Privatsache der Geschädigten war - die Zahlung eines Blutgeldes allerdings ebenfalls eingeschlossen. Als dies im 18. Jahrhundert geändert wurde, war das dann die Geburt unseres heutigen Kriminal-Apparats. Die Mafia fällt diesbezüglich allerdings noch etwas aus dem Rahmen ;)

  4. Vorweg: mich interessiert an Religionen nur, was sie zum Zusammenleben der Menschen zu sagen haben.

    Frau Celeks Zitat aus dem Koran zur Blutrache habe ich in der Ahmadiyya-Übersetzung (Version von 2002) nachgeschlagen. Dort finde ich in Sure 2, Vers 179 nach deren Zählung:

    "O die ihr glaubt, Vergeltung nach rechtem Maß ist euch vorgeschrieben für die Ermordeten: der Freie für den Freien, der Sklave für den Sklaven, und das Weib für das Weib. Wird einem aber etwas erlassen von seinem Bruder, dann soll (die Sühneforderung) mit Billigkeit erhoben werden, und (der Mörder) soll ihm gutwillig Blutgeld zahlen..."

    Es geht also offenbar zunächst um die Begrenzung der Rache "nach rechtem Maß" und darüber hinaus um deren Ersatz durch eine Entschädigungszahlung und damit um die Befriedung der Gesellschaft. Anders als von Frau Celek behauptet erzwingt der Koran also nicht die Blutrache. Wenn es nicht noch eine Lumpen-Version des Korans mit dem von Frau Celek behaupteten Zitat gibt, mangelt es Frau Celek hier an der gebotenen intellektuellen Redlichkeit, und ich frage mich, ob man ihr überhaupt noch etwas ungeprüft glauben kann.

    Ansonsten schießt sie mit ihren Vorschlägen zum Teil über das Ziel hinaus; so wird ihre Forderung nach einem Beschneidungsverbot unsere mosaischen Mitbürger mit Sicherheit begeistern.

  5. Frau Kelek's Artikel ist zwar ganz schoen, aber er dreht sich nur um einen Teil der in Deutschland lebenden Tuerken, Muslime, etc. Ich kenne sehr viele, sehr gebildete, weltoffene Tuerken, Araber, die mit "Beschneidungen", "Zwangsehen", etc. ueberhaupt nichts am Hut haben. Es nervt diese Menschen (verstaendlicherweise) staendig mit den verquerten Praktiken einer Minderheit identifiziert zu werden.

    Das ist genauso wie es uns Deutsche nervt, im Ausland mit "Heil Hitler" begruesst zu werden. Es ist genauso ignorant. Natuerlich gibt es bei uns auch Neonazis, aber die grosser Mehrheit der Deutschen hat damit nichts zu tun. Ich glaube, genauso verhaelt es sich mit dem fundamentalistischen Islam.

    • ckuss
    • 15. März 2006 9:54 Uhr

    auf der Seite sollte dieser Text stehen, nicht versteckt in Untertiteln!

    Klare Ideen, konkrete Vorschläge, keine verschönernde Ideologie: Bravo, Frau Kelek. Ich würde vorschlagen, dass Sie Integrationsministerin werden.

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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