Washington

Manches klingt auf verstörende Weise vertraut. Die Beschuldigung, an Massenvernichtungswaffen zu bauen. Das Dementi des Regimes. Der Rauswurf der UN-Inspektoren. Die Drohung des amerikanischen Präsidenten, "alle Optionen" seien nun auf dem Tisch. Die Warnung des deutschen Außenministers vor militärischen Lösungen.

Ist Iran wie der Irak? Wiederholt sich die Geschichte? Sind die Geräusche aus Washington das Präludium zum Bombendonner, der bald über Teheran zu hören sein wird?

In der Echokammer von Washington melden sich dieselben Nahost-Experten zu Wort wie vor vier Jahren, als in Amerikas Hauptstadt zunächst der Krieg um den Krieg geschlagen wurde. Bill Kristol, neokonservativer Vordenker vom Weekly Standard, ist so alarmiert und kriegsbereit wie ehedem. Auch Kenneth Pollack ist wieder da, ein ehemaliger CIAMann, heute in Diensten der Brookings Institution. Pollack hatte damals ein einflussreiches Buch zum bevorstehenden Irak-Krieg geschrieben (The Threatening Storm). Nun beweist er einen guten Riecher für dramatische Stoffe und hat wieder ein Buch zum Konflikt auf den Markt geworfen (The Persian Puzzle). Doch welches Orakel wäre durch diese publizistische Parallele angerufen? Weil Pollack der Opposition nahe steht, hatte sein machtvolles Argument für den Irak-Krieg damals viele linke Falken überzeugt, einem ungeliebten Präsidenten in den Krieg zu folgen. Auch diesmal ist Pollacks Überzeugungskraft erheblich. Allerdings lautet im neuen Buch die entsprechende Kapitel-Überschrift: "Das Argument gegen eine Invasion in Iran".

"Schlimmer als ein Militärschlag ist nur die iranische Bombe"

Es lohnt sich, die Geräusche zu sortieren. Wer genau hinhört, vernimmt zwar Kriegstrommeln, aber diesmal nur im Hintergrund. Bemerkenswerter als die Parallelen zum Fall Irak sind nämlich die Unterschiede. Die Machtverhältnisse in Washington haben sich verkehrt. Nun sammeln sich in der Kriegspartei die Dissidenten.

Einig sind sich nicht mal jene Neokonservativen, die vor dem Irak-Feldzug in geschlossener Formation zum Angriff antraten. Kristols langjähriger Koautor Bob Kagan, Erfinder der These von Europas Schwäche als Urgrund allen transatlantischen Dissenses, ist nun gegen einen Präventivschlag. Das Machtzentrum der Neokonservativen im Pentagon gibt es nicht mehr. Paul Wolfowitz, der intellektuelle Architekt des Irak-Krieges, ist nicht mehr Vizeminister. Das Pentagon spielt in Washingtons Debatte über die Gewaltfrage diesmal fast keine Rolle. Es hat im Irak alle Hände voll zu tun. Darum kommt Washington ohne internen Machtkampf aus. Die Iran-Politik macht, ganz einfach, Außenministerin Condoleezza Rice. Nach ihrem Amtsantritt hat sie Amerika sofort zum stillen Teilnehmer der europäischen Nuklearverhandlungen mit den Iranern gemacht.

Zur seltenen Spezies der Kriegsbefürworter ist Hillary Clinton zu zählen, die eiserne Lady der Demokratischen Partei. Ihre knallharte Haltung entspringt wahrscheinlich knallhartem Kalkül. Clinton will die Republikaner sicherheitspolitisch rechts überholen. Im Wahlkampf 2008 könnte sie auf John McCain treffen. Dessen Merksatz zum Iran-Konflikt lautet, ganz ähnlich dem Clintons: Schlimmer als ein Militärschlag sei nur eine iranische Bombe.

Die Regierung Bush scheint die Lage genau umgekehrt zu sehen: Schlimmer als eine iranische Bombe sei nur ein US-Angriff. Niemand äußert sich derzeit vorsichtiger zum Iran-Komplex als das Weiße Haus – ein auffälliger Kontrast zum Vorkriegsjahr 2002. Die Bemerkung des Präsidenten, "alle Optionen" seien auf dem Tisch, soll allerdings den Druck auf Teheran aufrechterhalten.

Längst hat das Pentagon intern einen Luftschlag gegen die iranischen Atomanlagen simuliert. Einige Grundannahmen haben sich herumgesprochen. "Ein entscheidender Rückschlag" für Teherans Atomprogramm sei "erreichbar", die "gänzliche Eliminierung" aber nicht, meint Harvard-Professor Ashton Carter, der unter Bill Clinton Staatssekretär im Verteidigungsministerium war. Da die atomare Infrastruktur über das Land verstreut liege, reiche ein einfacher Luftschlag nach Einschätzung der Experten nicht aus. Das Bombardement könnte Tage dauern. Zugleich müsste die iranische Luftabwehr außer Gefecht gesetzt werden. Die Angriffe würden auch auf Menschen zielen, jene Atomforscher nämlich, deren Wissen beseitigt werden soll. Die ganze Attacke ähnelte also eher einem großflächigen Bombardement denn einem Präzisionsschlag gegen einen Forschungsreaktor. "Können wir das alles hinkriegen? Klar!", meint ein Beamter aus dem Apparat der Regierung Bush, den die New York Times anonym zitiert. "Können wir auch die Folgen kontrollieren? Äußerst zweifelhaft!"

Die Iraner können, anders als die Iraker 1981, zurückschlagen

Denn die Iraner können – anders als damals die Iraker – zurückschlagen. Mit Angriffen der aus Teheran gesteuerten Hisbollah auf Israel wäre zu rechnen. Die Iraner könnten versuchen, die Ölverladestationen im westlichen Golf anzugreifen und die Straße von Hormus zu blockieren – die Welt fände sich binnen Tagen in einer Energie- und Wirtschaftskrise wieder. Nichts fürchten die Amerikaner freilich mehr als eine iranische Destabilisierung des Iraks. Mit Hilfe der schiitischen Mehrheit könnten die Perser den Amerikanern das Leben zur Hölle machen. 150000 Besatzungssoldaten sind wie 150000 Geiseln. Nichts führt amerikanischen Strategen die eigene Schwächung durch den Irak-Krieg bildhafter vor Augen als die Planung für einen weiteren Militärschlag. Amerikas Drohpotenzial ist geschrumpft – was die Welt keineswegs sicherer macht. Regierungsnahe Nahost-Experten glauben sogar, dass Irans Führung an einer Konfrontation gelegen sei. Das fache die Feuer der Revolution neu an, die Macht der Mullahs wäre einstweilen stabilisiert.

Weil die Peitsche als Zuchtmittel quasi ausscheidet, wird plötzlich wieder über das Zuckerbrot diskutiert. Besonders Linksliberale lancieren den Gedanken, auf die Iraner zuzugehen und ihnen ein grand bargain vorzuschlagen. In so einer "großen Vertragslösung" wäre nicht nur der Verzicht auf die Bombe geregelt. Iran erhielte Sicherheitsgarantien und würde in die Welthandelsorganisation aufgenommen. Doch auf diesem Vorschlag lastet die Hypothek eines halben Jahrhunderts vermaledeiter Iran-Politik. Zu keinem Land der Erde unterhalten die Vereinigten Staaten schlechtere Beziehungen, genauer gesagt, gar keine. Für die Iraner beginnt das Verderben 1953 mit der "Operation Ajax", dem CIA-Putsch gegen den Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh, der sich erlaubt hatte, die Ölindustrie zu verstaatlichen. Amerikas Förderung von Schah Mohammed Reza Pahlevi ist ebenso unvergessen. Irans religiöse Revolutionäre definieren sich bis heute aus ihrem militanten Antiamerikanismus.

In Amerikas kollektive Erinnerung ist das Jahr 1980 traumatisch eingeschrieben, als Revolutionäre die amerikanische Botschaft in Teheran stürmten und 53 Menschen mehr als ein Jahr lang festhielten. Wie Kenneth Pollack in The Persian Puzzle erklärt, war die Geiselnahme "ein Racheakt für den Putsch von 1953. Er sollte die Narben aus jener Zeit heilen helfen und die Amerikaner erniedrigen." Dass Jimmy Carters Rettungsaktion scheiterte, hinterließ wiederum bei den Amerikanern Narben. Seither sehen sie iranische Politik als Kette von Gewalttaten gegen Amerikaner. 241 Marineinfanteristen kamen 1983 bei einer aus Teheran gesteuerten Terror-Attacke in Beirut um. 1996 waren es 19 Luftwaffen-Soldaten, die bei einem auch iranisch inspirierten Anschlag auf die Khobar Towers in Saudi-Arabien starben. Amerikas Iran-Politik wurde danach "defensiv und reaktiv – und ist es bis heute geblieben", wie Kenneth Pollack schreibt.

Drei Möglichkeiten haben beide Seiten verstreichen lassen, die Pathologie ihres Verhältnisses zu überwinden. Die erste nach dem Tod des Revolutions-Ajatollahs Chomeini 1989, die zweite nach der Wahl des moderaten Präsidenten Mohammed Chatami 1997, die dritte nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001. Teheran bot nämlich an, den Vereinigten Staaten beim Sturz der Taliban in Afghanistan zu helfen. Tatsächlich kam es zu begrenzter Zusammenarbeit und sogar Geheimgesprächen. Aber als Präsident Bush Iran zum Gründungsmitglied der "Achse des Bösen" ernannte, war das Tauwetter schon wieder vorbei. Dass die Eiszeit andauern wird, hat nun die Wahl des Radikalen Mahmud Ahmadineschad zum Präsidenten quasi garantiert: Die Vereinigten Staaten sind wieder jener "große Satan", der sie in der revolutionären Ideologie immer waren; Israel soll von der Landkarte verschwinden. Welches Angebot der Hardliner Ahmadineschad tatsächlich annehmen würde, kann sich in Washington kaum jemand vorstellen. "Das gegenwärtige Regime", schreibt der Kolumnist Fareed Zakaria, "will ganz einfach keine guten Beziehungen."

Da weder Umarmung noch Angriff vertretbar erscheint, kreist die Debatte um die Erfolgschancen von Sanktionen. Die sind nach verbreiteter Einschätzung in Washington größer als vielfach angenommen – jedenfalls theoretisch. Sogar wenn Russland und China ausscherten, schreiben Ivo Daalder und Philip Gordon von der Brookings Institution, sei das verkraftbar. Denn Iran benötige dringend westliche Technologie. Die könnten China und Russland nicht liefern. Nicht mal Irans Öl-Waffe sei so scharf wie behauptet, meinen Washingtoner Energieexperten. Denn Iran exportiere zwar Öl, müsse aber raffinierte Produkte importieren. Genau dort sollten Sanktionen des Westens ansetzen.

Der Schwachpunkt von Sanktionen liegt nach amerikanischer Auffassung auf dem Alten Kontinent. Ob Europa tatsächlich bereit sei, zeitweilig höhere Ölpreise hinzunehmen, um Irans Bombe zu verhindern, gilt als ungewiss. Europäer, so ein Washingtoner Lehrsatz, bellten nur, bissen aber nicht. Darum wird in den Planspielen neuerdings das Undenkbare gedacht: Was, wenn man die iranische Bombe akzeptieren muss?

Auf diese Frage sind zwei Antworten zu hören: Die klassischen Realisten argumentieren, die Mullahs seien zwar radikal, aber berechenbar. Sie ließen sich wie einst die Sowjetunion abschrecken und einhegen. Neokonservativ beeinflusste Strategen meinen hingegen, nur eine Bombe in demokratischer Hand sei eine akzeptable Bombe. Sie setzen auf Regimewechsel, allerdings auf friedliche Art. "Wir müssen die normalen Iraner davon überzeugen, dass die Kernwaffe die Bombe der Mullahs ist und nicht des Volkes", meint Patrick Clawson vom regierungsfreundlichen Washington Institute for Near East Policy. Seine Hoffnung besteht darin, dass "die Demokratie schneller kommt als die Atombombe".

Zwei Jahrzehnte nach der Revolution kehren die Radikalen zurück

Das Team um die Außenministerin wurde offenbar durch einen Vortrag von Jack Goldstone stark beeindruckt. Der Revolutionsexperte von der George-Mason-Universität argumentiert, Iran verhalte sich nicht nach dem traditionellen Muster revolutionärer Prozesse. Danach folge auf den Umsturz erst eine Phase der Konsolidierung, dann der Stabilisierung. In Iran dagegen sei, so Goldstone, "die Rückkehr der Radikalen" zu beobachten – ähnlich wie 15 oder 20 Jahre nach der russischen und der chinesischen Revolution. Derlei späte Radikalisierung ziehe interne Konflikte nach sich. Die könnten lange dauern und endeten in Moderierung des Regimes oder neuerlichem Umsturz.

Vor diesem Hintergrund wird die Politik von Außenministerin Rice transparent: Sie setzt auf Druck und auf Zeit. Druck, um den Preis der Bombe für die Iraner hochzutreiben. Falls Sanktionen nicht wirken, sollten die Iraner die Bombe wenigstens so spät wie möglich erhalten. Jede Verzögerung sei dabei recht. Drohungen mit Waffengewalt zwängen die Iraner, ihre Forschungsanlagen zu verlegen und zu verteilen. Risse in Teherans mittelfristig instabilem Regime seien sofort diplomatisch zu nutzen. Moratorien und Dauerverhandlungen führten ebenso zum Ziel. So erklärt sich übrigens Amerikas neue Engelsgeduld gegenüber dem Mahlstrom multilateraler Prozesse. Ministerin Rice will Iran zwar ein Ultimatum zum Stopp der Urananreicherung setzen, sagt aber zugleich: "Niemand hat gesagt, dass wir sofort zu Sanktionen welcher Art auch immer greifen müssen." Rices Staatssekretär Robert Joseph erklärt die Strategie so: "Unterschätzen Sie nicht die Bedeutung von Verzögerung. (…) Vielleicht können wir so lange verzögern, bis das Resultat das Ende des Atomwaffenprogramms ist." Und in der Zwischenzeit fördert das Außenministerium demokratischen Wandel in Iran. Im kommenden Jahr sollen dafür 85 Millionen Dollar zur Verfügung stehen, 81,5 Millionen mehr als im vergangenen Jahr. Das Geld wird Dissidenten, Gewerkschaften, Studentengruppen und oppositionellen Medien zufließen.

Die Verzögerungs- und Unterwanderungsstrategie stößt freilich an ihre Grenzen, wenn Irans Hardliner ihre Politik weiter radikalisieren. In diesem Moment würde auch das kleine Häuflein derer wieder Beachtung finden, die einem Präventivschlag das Wort reden.