Interview »Wir sind gewappnet«
Der Fusionsboom macht der EU weniger Sorgen als der neue Protektionismus ihrer Mitglieder. Ein Gespräch mit Lars-Hendrik Röller, Chefökonom der EU-Wettbewerbsbehörde in Brüssel
DIE ZEIT: Die EU-Wettbewerbsbehörde wacht über Fusionen und Übernahmen. Im letzten Boom war sie überfordert. Und jetzt?
Lars-Hendrik Röller: Wir sind gewappnet. Nach unserer Strukturreform 2004 können wir die Kapazitäten flexibler zwischen Fusionskontrolle, Missbrauchsaufsicht und Beihilfenkontrolle hin- und herschieben. Die Zahl der gemeldeten Fusionen hat klar zugenommen, auch die Zahl derer, die wir einer sehr intensiven Prüfung unterziehen. 2005 waren es insgesamt fünf. Im Moment sind es sechs – und wir haben erst März.
ZEIT: Gerade mit Blick auf neue Konkurrenten aus Schwellenländern gehen viele westliche Konzerne zusammen, um sich perspektivisch »auf dem Weltmarkt« zu positionieren. Urteilt die EU-Wettbewerbspolitik zu streng?
Röller: Wir müssen den Markt stets so definieren, wie er sich jetzt darstellt. Entscheidend ist dabei, ob der Wettbewerb national, europäisch oder global verläuft. Können die Verbraucher auch auf Anbieter aus dem nahen oder fernen Ausland zurückgreifen? Und können die Unternehmen in unterschiedlichen Regionen aktiv werden?
ZEIT: Gibt es da Branchenunterschiede?
Röller: Selbstverständlich. Im Energiesektor sind Märkte immer noch national – insbesondere wenn die Verbraucher vom nationalen Markt abhängig sind. Für Chemieprodukte oder Rohstoffe ist der Markt eher global. Grundsätzlich gilt, je näher ein Markt am Endverbraucher ist, desto regionaler ist der Wettbewerb und folglich auch die Marktdefinition.
ZEIT: Sehen Sie durch den Boom an Fusionen und Übernahmen den Wettbewerb bedroht? Werden die Konzerne zu groß?
Röller: Erstens wird ein Unternehmen nicht wettbewerbsfähig durch Größe – es wird groß, weil es wettbewerbsfähig ist. Und zweitens haben wir kein Problem mit großen Unternehmen – solange genug Wettbewerb herrscht. Im Moment habe ich noch keine großen Sorgen, dass der Boom den Wettbewerb bedroht. Im Übrigen orientiert sich die EU-Wettbewerbspolitik an der Wohlfahrt der Verbraucher, also zum Beispiel auch daran, wie sich Fusionen auf Preise, Produktmengen und Ähnliches auswirken. Es geht nicht mehr nur allein um Marktstrukturen und Marktkonzentration.
ZEIT: Länder wie Frankreich, Spanien, Luxemburg, in Teilen auch Italien, wehren sich derzeit gegen Übernahmen einheimischer Firmen. Droht hier von ganz anderer Seite Gefahr für den Wettbewerb?
Röller:
Das macht mir schon mehr Sorgen. Damit macht Europa einen riesigen Schritt nach hinten. Es besteht die Gefahr, dass diese Entwicklung eskaliert. Am Ende sind dann alle die Verlierer. Man kann diesen neuen Protektionismus allerdings auch als Folge der Liberalisierung und damit als Zeichen sehen, dass der Wettbewerbsdruck faktisch zunimmt. Als Versuch also, das Offensichtliche zu verhindern. Dieser Versuch wird aber nicht zum Erfolg führen.
Die Fragen stellte Arne Storn
- Datum 09.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 09.03.2006 Nr.11
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Habe ich zuerst jedenfalls gedacht, weil ich zu den wenig informierten Zeit-online-Leserinnen gehöre. Wenn Herr Röller Professor ist, dann könnte er doch aber auch viel durchdachter.
Ich finde, man sollte immer auch das bergende Konfliktpotential mitbedenken. "Protektionismus" ist in der heutigen Zeit, relativ selbstbewußt agierender Individuen, meine ich, das falsche Wort.
... oder wurde hier vergessen zu erwähnen, wer Herr Röller eigentlich ist? Man kann natürlich voraussetzen, dass ZEIT online Leser alle irgendwie wichtigen Figuren in der EU kennen - sollte man aber vielleicht nicht. (Für alle die so unwissend sind wie ich: Lars Hendrik Röller ist seit 1995 Professor an der Humboldt Universität zu Berlin, ist/war außerdem Direktor der Abteilung "Wettbewerbsfähigkeit und industrieller Wandel" am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und wurde 2003 zum Chefökonom der EU-Kommission berufen)
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