4800 Tiere zählte die Herde noch vor kurzem. 900 Bisons sind in diesem Winter bereits getötet worden

Fotos: Kennan Ward/corbis (o.); Buffalo Field Campaign

Mit Motorschlitten jagen Mitarbeiter des Agrarministeriums Bisons in den Park zurück

 

Wer Bisons retten will, muss frieren. Minus 20 Grad zeigt das Thermometer, als Dan Brister die Langlaufski unterschnallt. Auf dem Kopf trägt er eine Schiebermütze mit Fellbesatz für die Ohren, die Hände schützen gleich zwei Paar Handschuhe. Fünf Stunden wird die Tier-Patrouille dauern. Brister will, so sagt er mit dem Pathos innerer Gewissheit, »Zeugnis ablegen«. Und meint damit, er wolle dabei sein, falls Amerikas verbliebene Wildbisons mal wieder zusammengetrieben, verjagt, gefangen, geschlachtet oder gleich erschossen werden.

Wunderbar still ist es hier draußen. Zu hören sind nur Dans Atem und das Knistern des Schnees. Der ist federleicht und staubtrocken, echte Rocky-Mountain-Qualität. Dan Brister ahnt, wo er die Herde finden wird. Bisons sind Gewohnheitstiere. Sie folgen ihren eigenen Pfaden. Brister orientiert sich an einem halbgefrorenen Bach. In der Ferne verschwimmem in milchigem Licht die Felstürme des Madison-Gebirges. Im Rücken erhebt sich das Hochplateau des Yellowstone-Nationalparks. Kaum 90 Minuten hat der Marsch durch die Winter-Wildnis des amerikanischen Westens gedauert, da weist Brister mit dem Arm in die Ferne. Es scheint, als lägen braune Felsen wie Findlinge in der weiß bedeckten Hochebene. Die Findlinge bewegen sich! »Sind sie nicht majestätisch?«, fragt Dan und zählt 16 Exemplare. 16 aus einer vor kurzem noch 4800 Köpfe zählenden Herde, die letzten genetisch reinen Wildbisons der Vereinigten Staaten. Sie dürften heute als lebende Naturdenkmale gelten. Ihre Vorfahren, vielleicht 40 Millionen Tiere, vielleicht 60 Millionen, wurden von den europäischen Einwanderern des 19. Jahrhunderts im Blutrausch umgebracht.

Der Bundesstaat Montana erlaubt die Jagd auf das beinahe ausgerottete Tier

Brister nähert sich vorsichtig und bleibt an einer Baumgruppe stehen. Von hier aus erscheinen die Tiere wie mannshohe Fleischberge. Ihr zotteliges Fell liegt auf gewaltigen Fettpolstern, die sie brauchen, um hier, am Kältepol der Rocky Mountains, überleben zu können. Aus den Nüstern stoßen Dunstwolken hervor. Die Augen starren ins Leere. Die Kolosse wirken eher träge denn gefährlich, aber das kann täuschen. Brister weist über die Bisons hinweg auf den Waldrand. »Da drüben«, sagt er, »da drüben im Gebüsch sitzen manchmal die Jäger.« Zum ersten Mal seit 15 Jahren erlaubt der Bundesstaat Montana wieder die Jagd auf das beinahe ausgerottete Wappentier der Prärie. Die Parkverwaltung glaubt, die Bison-Population wachse zu schnell. Mehr als 2000, vielleicht 3000 Bisons dürften nicht auf einer Fläche äsen, die halb so groß ist wie Thüringen. Darum wurden wieder Jagdlizenzen für die Winter-Saison verlost.

Die Bisons sind in Gefahr, sobald sie den Park verlassen. Das tun sie ständig. Sie wandern im Winter vom Yellowstone-Hochplateau herab in wärmere Täler, wo weniger Schnee liegt und sie einfacher zum Gras finden. Die Auen am Madison-Fluss eignen sich prächtig zur Bison-Jagd: freies Schussfeld, mitten im Migrationskorridor und knapp außerhalb des Parks gelegen. Fällt ein Schuss, wird Dan Brister seine Videokamera aus dem Rucksack holen und das Objektiv auf den Jäger und das verendende Tier richten. Alles wird er dokumentieren, auch die Häutung und Enthauptung. Öffentliche Empörung ist die Waffe der Bison-Freunde, mit der sie auf die Gewehre der Jäger und die Gesetzbücher der Ranger halten.

Zu besichtigen ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Staat und seinen Kritikern. Die amerikanische Regierung, besonders unter ihrem gegenwärtigen Präsidenten, sieht im Nationalpark den einzigen Schutzraum der Bisons. Die Tierschützer verstehen den Park nur als Aufzuchtgebiet. Von hier aus sollen die Tiere sich »über ihren historischen Lebensraum ausbreiten«, hofft Dan Brister. So plant es jedenfalls die Buffalo Field Campaign, in der sich die Bison-Freunde zusammengeschlossen haben: Tausende von Förderern, Hunderte von Aktivisten, ein Dutzend Patrouillen jeden Tag, von Sonnenaufgang bis in die Dunkelheit, im Zweischichtendienst, den ganzen Winter lang.

Während die Bisons äsen, isst Brister. Wenn er nicht kaut, erzählt er aus seinem früheren Leben, damals, als er auf der Suche nach dem Sinn des Lebens durch den Westen reiste. Er nahm Jobs als Schreiner an und wusste doch, dass er eigentlich »die letzten wilden Gebiete Amerikas schützen« wollte. So schreibt er sich im Herbst 1996 bei der Universität von Montana für den Studiengang Umweltwissenschaften ein. Bald sieht er am Schwarzen Brett einen kleinen Anschlag mit einer großen Zahl. Es ist die Anzahl der Bisons im Yellowstone, die Ranger seit Beginn der kalten Jahreszeit getötet haben.