Pop Wüstenrock ohne Wüste
Howe Gelb und Calexico setzen jetzt auf Gospel und Melodie
Die Wüste hat von jeher die Selbsterforscher und Sinnsucher angezogen. Auch im Etikett »Wüstenrock« schwingt die Sehnsucht mit nach spirituellen Grenzerfahrungen, nach Reinigung – und sei es nur von den Sünden des grellen, großstädtischen Rock-’n’-Roll-Business. Kakteen, Geier und einsame Reiter: Country-Musik wie Spaghetti-Western nähren sich vom Mythos der Grenze, der trügerischen Vertrautheit des Fremden und vice versa. Howe Gelb, der Kopf von Giant Sand, und seine ehemaligen Mitstreiter Joey Burns und John Convertino, zusammen Calexico, haben sich bisher nur allzu gern bei den entsprechenden Klischees bedient – um diese dann mit ein paar Schippen Flugsand aus Jazz, Tex-Mex und Prog-Rock zu verfremden. Das passte zum weiten Himmel ihrer Heimatstadt Tucson, Arizona, und besonders in Europa verkaufte sich der Mix hervorragend.
Liebe zur Heimat Amerika bei gleichzeitig intellektueller Distanz zu deren konservativen Ideologien – das sind farbenprächtig ausgemalte Widersprüche, zwischen denen die Alternativpop-Helden Gelb und Calexico pendeln. Nun aber verlassen die Wüstenrock-Pioniere ihre alten Trampelpfade. »Ich denke, wir befriedigen ein Bedürfnis nach Exotik«, hatte sich Calexico-Sänger Joey Burns den überwältigenden Erfolg des 2003er Albums Feast Of Wire erklärt.
Der Nachfolger Garden Ruin verzichtet weitgehend auf Streicher oder Mariachi-Bläser. Stattdessen: krachende Gitarren. Background-Chöre. Und unverschämt eingängige Poprefrains. Burns und Convertino haben das Album mit ihrer Tourband – der unter anderem die Deutschen Martin Wenk und Volker Zander angehören – aufgenommen, und sich die spanische Manu-Chao-Kollegin Amparanoia als Gastsängerin eingeladen. Deren Roka (Danza del Muerte) aber bleibt der einzige folkloristische Ausflug. Stattdessen bemühen Calexico die Gegenwart: Die Rocksongs All Systems Red und Deep Down wollen als Protesthymnen gegen das Amerika George Bushs gelesen werden. Und den religiösen Fundamentalisten widmen sie Letter To Bowie Knife.
Auch Howe Gelb beschäftigt sich mit Religion, allerdings eher unter musikalischem Aspekt: Für sein neues Album ’Sno Angel Like You hat er sich in Ottawa mit einem kanadischen Gospelchor getroffen und die Voices of Praise sublim unter die eigenen Rock-Lyrizismen gemischt.
Das Ergebnis: kein Gospel – aber ein betörender Mix aus lebensbejahenden Texten und dem Giant-Sand-typischen Quäntchen Rotz. Alles ist hier am rechten Ort. Mit Arcade-Fire-Schlagzeuger Jeremy Gara improvisierte Gelb ein loses rhythmisches Gerüst, hart geschlagene Beats und kratzige Gitarren, die den Gospelstimmen viel Platz lassen. Mal punktieren die Voices of Praise Gelbs Melodien lediglich mit bekifftem Gesäusel, mal jubeln sie seinen Rhythm-’n’-Blues Skeletten genau die richtige Dosis Pathos unter. »It’ll be hard to eat, with a plate on the street, fighting the dog for his bone«, klagt Gelb in Worried Spirits, während sich der Chor in ekstatische Höhen schraubt.
Spirituelle Grenzerfahrungen gibt es nicht nur in der Wüste. Ein neuer Morgen dämmert am Horizont herauf.
- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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