50 Klassiker der modernen Musik Das Pop-Orakel

Was es heißt, eine Künstlerexistenz zu führen: Velvet Underground. Sechste Folge der Serie "50 Klassiker der modernen Musik"

»Sunday morning, praise the dawning« – schon mit den ersten Klängen ihres Debüts dämmert das Motiv herauf, das die kurze Geschichte dieser Band bestimmte: zur falschen Zeit, nämlich zu früh, am richtigen Ort aufgetaucht zu sein, in einer Sekunde, als die Welt noch nicht bereit war für so viel Experiment und Idee in der Rockmusik. Ein klassischer Fall von Künstlerpech, aber ideale Vorbedingung für den Nachruhm.

Nicht die Beatles, nicht die Stones oder Beach Boys – Velvet Underground sind das folgenschwerste Orakel der Pophistorie. Die Band, die jeder als Einfluss nennt, weil sie tatsächlich alles beeinflusst hat: Bohemiens, Klangforscher, Neodekadenzler, Punks. Designstudenten, die die – angeblich der grellen Scheinwerfer wegen – auf offener Bühne getragenen Sonnenbrillen als Stilstatement nahmen und zum unverzichtbaren Bestandteil einer gelungenen Selbstinszenierung erhoben. Sogar Musiker.

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Ja, es gibt Musik auf The Velvet Underground & Nico, der unter dem Protektorat Andy Warhols in einem abgewrackten New Yorker Studio für 2500 Dollar eingespielten Platte, wenngleich auch sie wenig mit der bis dahin gültigen Vorstellung eines Rocksongs zu tun hat. »Sind Sie sicher, dass es sich so anhören soll?«, fragte der Mann von der Plattenfirma, als er die Aufnahmen zum ersten Mal hörte, schockiert von den minutenlang monoton aufeinander einhackenden Gitarren, der aggressiv dazwischen kreischenden Bratsche, dem Kinderschlagzeug Maureen Tuckers im Kontrast mit kühlen, sich über wenigen Grundtönen erhebenden Balladen.

Vom Sprengen der Hörgewohnheiten war seither die Rede, von Klangabenteuern, Multimedia und weißem Lärm. Und doch ist es nicht die Erweiterung der Rockidiomatik und nicht einmal das lustige Bürgererschrecken, die die tiefste Spur in der Nachwelt hinterlassen haben, es ist die Formulierung eines neuartigen Cool. Seit Lou Reed I’m Waiting For The Man sang, fühlt es sich anders an, an einer gottverlassenen Straßenecke bei Nieselregen auf den nächsten Kick zu warten, seit Heroin zieht es junge Bürgerkinder in den Sumpf der Großstadt, wo sie mit bewusstseinserweiternden Substanzen experimentieren und davon träumen, selbst eine Band zu gründen.

Kein Album der Rock-’n’-Roll-Geschichte hat die Vorstellung davon, was es heißt, eine Künstlerexistenz zu führen, so nachhaltig beeinflusst wie dieses, wo immer sensible Menschen den Verführungen des Urbanen erliegen, ist es mitten unter uns. Selbst die Tatsache, dass der Schock, den sein Sound einmal auslöste, heute nur noch erahnbar ist, ist Teil seiner Wirkungsgeschichte, veranschaulicht der Gesamtverlauf noch einmal das Drama aller Avantgarde. »Watch out, the world’s behind you«, singt Lou Reed mit seiner zartesten, wissendsten Stadtparanoikerstimme. Ob U oder E, mehr als zehn Minuten Vorsprung kriegst du nicht als Provokateur von Welt. Danach bist du ein Klassiker.

The Velvet Underground & Nico (Polydor/Universal)Velvet UndergroundBelletristikHörbuch
 
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