Literaturbeilage Auf dem Weg zur Schule 69 »Sheriffs« gezählt

Tagebuch-Hefte mit Manuskripten und Zeichnungen des 13-jährigen Petr Ginz aus Prag zeigen, mit welch unerbittlicher Konsequenz die Deutschen den Holocaust ins Werk setzten

Im Jahre 1941 schrieb ein 13-jähriger Prager Junge, Petr Ginz, ein begeisterter Jules-Verne-Leser, einen Roman Besuch aus der Urzeit . Er handelt von dem riesigen Dinosaurier Ka-du, der in der Tiefe eines afrikanischen Sees aus einem Ei kriecht, das noch aus der Urzeit stammt. Dieses Monster vernichtet alles, was sich ihm in den Weg stellt. Bald beherrscht es große Teile des afrikanischen Kontinents. Doch am Ende wird es besiegt; die Welt ist gerettet. »Die Befürchtung allerdings bleibt«, so schließt der Roman, »ob nicht eines Tages ein neues Monster auf der Erde erscheint, schlimmer als dieses eine, von einem Böswilligen beherrscht und mit modernsten technischen Mitteln ausgestattet, um die Menschheit auf ganz grausame Weise zu quälen.«

Als der Sohn aus einer tschechisch-jüdischen »Mischehe« diese Zeilen niederschrieb, war das neue Monster bereits in der Welt und im Begriff, das entsetzlichste aller Menschheitsverbrechen, den Holocaust, ins Werk zu setzen. Im Oktober 1942 wurde Petr Ginz, wie viele andere Prager Juden, nach Theresienstadt deportiert und zwei Jahre später, unmittelbar nach seiner Ankunft in Auschwitz, in den Gaskammern ermordet.

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Sechzig Jahre danach wurde auf dem Speicher eines Hauses in Prag ein überraschender Fund gemacht: zwei Hefte, die Petr Ginz vor seiner Deportation als Tagebuch gedient hatten, dazu einige seiner Manuskripte und Linolschnitte. Über Jad Vaschem gelangte der Nachlass in die Hände von Chava Pressburger, Petrs um zwei Jahre jüngere Schwester, die den Holocaust überlebt hatte und seitdem in Israel lebt. Im Jahr 2004 veröffentlichte sie das Prager Tagebuch 1941–1942 in der tschechischen Originalfassung; jetzt ist es in einer deutschen Übersetzung erschienen.

Anders als das Tagebuch der Anne Frank sind die Aufzeichnungen des Petr Ginz äußerst knapp gehalten. Obwohl der 13-Jährige, wie seine frühen erzählerischen Versuche belegen, bereits über eine erstaunliche sprachliche Ausdruckskraft verfügte, verzichtete er in seinem Tagebuch darauf, eigene Gedanken und Gefühle mitzuteilen. Vielmehr protokollierte er ganz nüchtern, was täglich passierte. »Vormittags Schule, nachmittags spazieren« oder »Vormittags in der Stadt, nachmittags in der Schule«, lautet eine wiederkehrende Eintragung.

In einer Notiz vom 1. Januar 1942 hat Petr Ginz den Grund für seine Zurückhaltung genannt: »Eigentlich passiert viel, aber man nimmt es kaum wahr. Das, was heute ganz gewöhnlich ist, hätte in einer normalen Zeit bestimmt Aufsehen erregt.« Das ist das Besondere dieses Tagebuchs: Es zeigt, wie sich dieser Junge im alltäglichen Grauen einrichtet, wie er in einer gänzlich unnormalen Situation einen Rest Normalität zu bewahren sucht. Während er zur Schule geht, seine Hausaufgaben macht, mit Freunden spielt, seine Lieblingsbücher liest – all das, was Kinder seines Alters zu tun pflegen –, bricht um ihn herum die bislang gewohnte bürgerliche Ordnung zusammen, werden die einfachsten Regeln des menschlichen Anstands von den deutschen Besatzern mit den Füßen getreten.

Bereits die erste Eintragung vom 19.November 1941 schlägt den Ton an: »Es ist neblig. Die Juden müssen ein Abzeichen tragen, das ungefähr so aussieht.« Es folgt eine Zeichnung des Judensterns, und daran schließt sich die Bemerkung an: »Auf dem Weg zur Schule habe ich 69 ›Sheriffs‹ gezählt, Mama hat dann über Hundert gesehen.« Gerade in der Lakonie der Mitteilungen erschließt sich, mit welch unerbittlicher Systematik die Deutschen den Holocaust vorbereiteten. Schritt für Schritt wird die Bewegungsfreiheit der Prager Juden eingeengt, gleichzeitig wird ihr Eigentum, das man ihnen nehmen wird, registriert. Seit Oktober 1941 beginnen die Transporte »nach Polen«, bald auch nach Theresienstadt, immer mehr Mitschüler und Bekannte darunter. »Morgen in der Frühe sind die Mautners gegangen, überall wurde geweint; wie Galeerensklaven mit einer Nummer auf dem Mantel verließen sie das Haus. Angestellte der jüdischen Kultusgemeinde trugen ihnen das Gepäck.«

Was die Deportierten am Ziel ihrer »Reise« erwartete, das wussten wohl die wenigsten; aber geahnt haben es viele, auch Petr Ginz. In den Wochen vor seiner Deportation notiert er immer weniger; die Schrift wird immer gehetzter. »Vormittags zu Hause«, lautet die letzte Eintragung vom 9. August 1942.

Prager Tagebuch 1941–1942Hrsg. von Chava Pressburger, mit einem Vorwort von Mirjam PresslerPetr GinzKinder- und Jugendbuch(ab 12 Jahren)TschechischBuchBerlin Verlag2006Berlin19,90167Eva Profousová
 
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