Ganz im Norden von Kambodscha, wo es keinen Asphalt mehr gibt, nur noch wogende Reisfelder, dort liegt ein Dorf, in dem die Malaria wohnt. Dort gehen Frauen zu Wahrsagern, und Männer lassen sich lange Haare aus den Warzen wachsen. Dort ist der Dschungel von Thailand nur einen Steinwurf entfernt. Im schönsten Haus des Dorfes leben Mea Som und Tep Kunnal, die Frau von Pol Pot und sein letzter Sekretär. Seit Pol Pot tot ist, schlafen beide in einem Bett, seitdem ziehen sie Pol Pots einzige Tochter auf. Ganz im Norden von Kambodscha, in Malai, lag das Herz der Finsternis. Eine Tankstelle in Kampot im Süden BILD

Je näher die rote Piste dem grünen Dschungel kommt, desto häufiger liest man »Minefield cleared«. Hier im Norden hat Pol Pot, einer der gnadenlosesten Massenmörder des letzten Jahrhunderts, am längsten versucht, sein Volk mit Arbeitslagern und Folter umzuerziehen.

Die Einfahrt zum Haus des Sekretärs säumt links eine Hecke, rechts ist sie sauber mit Blumentöpfen eingefasst. Ein ungewöhnlich ordentlicher Anblick in dieser Gegend, in der Dörfer aussehen wie wilde Campingplätze. Im offenen Erdgeschoss sitzt der Sekretär an einem großen Holztisch, der oberste Hemdknopf steht offen, vor sich einen Notizblock und ein Glas Wasser. Obwohl die Sonne längst untergegangen ist, ist es noch sehr schwül in Malai. Die Moskitos summen müde um die elektrische Metalllampe, und selbst der Echse scheint es zu anstrengend, sich zu bewegen. Sie hängt reglos unter der Decke. Auf der Treppe zur Küche sitzt still ein Mädchen, durch die offene Tür im ersten Stock sieht man Pol Pots Witwe im gelben T-Shirt und bunten thailändischen Wickelrock über ihre Töpfe gebeugt. Irgendwo bellt ein Hund. Es ist, als stehe die Zeit still an diesem Ort am Ende der Welt. BILD

Tep Kunnal ist ein feingliedriger Mann. Er bittet darum, Khmer zu sprechen. Obwohl er 13 Jahre lang in den USA gelebt hat, will er die Sprache seines Landes gebrauchen. Auch wenn dies dazu führt, dass er den Übersetzer immer wieder verbessern muss, freundlich, bedächtig. Wie bei einem Schattenboxer ist jede seiner Bewegungen überlegt und langsam, als seien sie die Wörter in einem Gedicht.

Das Versprechen, sich um seine Tochter zu kümmern, hatte Pol Pot seinem Sekretär kurz vor seinem Tode 1998 abgenommen. Damals lebten beide versteckt in den Bergen an der Grenze zu Thailand. »Pol Pots Haus stand am Rand einer Klippe, 400 Meter über einer perfekten Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckte. Es gab eine Terrasse, auf der er am Abend saß, von einer eisernen Balustrade begrenzt und von Kletterpflanzen und Orchideen beschattet, die in Kokosnussschalen von den Bäumen hingen«, schreibt Philip Short in seiner Pol-Pot-Biografie. BILD

An diesem idyllischen Ort erarbeiteten sie Pläne und Taktiken, wie Pol Pots Rote Khmer wieder an Einfluss gewinnen könnten. 19 Jahre zuvor, 1979, waren sie von den Vietnamesen besiegt worden, nachdem sie vier Jahre lang das Land zu Tode gemartert hatten. Den neuen Menschen hatte Pol Pot schaffen wollen, einen besitzlosen Bauern, der ganz und gar der Partei gehörte. Dazu musste der alte Mensch sterben. 1,7 Millionen kamen zwischen 1975 und 1979 um.

Jeden Tag diktierte Pol Pot dem Sekretär sein Leben in dem Orchideenhaus, vier Jahre lang, 18 dicke Hefte voll. Und als das letzte Wort geschrieben war, fragte er ihn: »Wäre es dir möglich, dich um meine Tochter zu kümmern?« Die Roten Khmer kämpften damals um ihre letzten Stellungen, Pol Pot kämpfte mit Krebs und Herzproblemen.

Das Kind stammte aus Pol Pots zweiter Ehe. Nachdem die erste kinderlos geblieben war, hatte er sich 1984 zwei junge Frauen aus einem weiblichen Transport-Bataillon der Roten Khmer zur Ansicht schicken lassen. Die 22-jährige Mea Som, ein Bauernmädchen, groß und mit einem schönen Körper, gefiel ihm. Er machte sie zu seiner Köchin und ein Jahr später zu seiner Frau. Als Pol Pot 1998 starb, löste der Sekretär sein Versprechen ein. Er ließ sich von seiner eigenen Frau scheiden, heiratete Pol Pots Witwe und zog mit ihr und dem nun zwölfjährigen Kind nach Malai. Das Kind war das Einzige, was von Pol Pot geblieben war – die 18 diktierten Hefte gab es nicht mehr: Sie waren verbrannt, als Regierungstruppen das Lager entdeckt und zerstört hatten.

Tep Kunnal ist heute 54 Jahre alt, sein Leben ist dem Pol Pots ähnlich wie kein zweites. Wie Pol Pot verbrachte Tep Kunnal seine Kindheit in Phnom Penh, bei einem Vater, »der mich den Nationalismus lehrte und den Hass auf die Vietnamesen«. Nach dem Gymnasium erhielt Kunnal wie Pol Pot ein Stipendium für Frankreich. Wie Pol Pot traf er dort seine erste Frau und lernte den Sozialismus kennen. Kunnal schloss sein Studium jedoch ab und kehrte 1977 in das kommunistische Kambodscha zurück, das Pol Pot mittlerweile errichtet hatte. »Ich dachte, der Sozialismus sei das beste Mittel, Kambodscha zu entwickeln. Ich wollte meinem Land helfen, und dafür war ich bereit, jedes Mittel einzusetzen«, sagt Tep Kunnal.

Und die 1,7 Millionen Toten, die Killing Fields, die Konzentrationslager – alles nötige Mittel?

Mit seiner leisen, sanften Stimme, als erkläre er einem Kind eine sehr schwere Aufgabe, sagt der Sekretär: »Ich habe mit Pol Pot darüber gesprochen. Wir haben die Tötungen wahrgenommen, aber wir wussten nicht, wer sie begangen hat. Das war nicht die Politik der Führung. Die Macht der Roten Khmer bestand aus zwei Faktoren. Den Bauern und ihrer militärischen Stärke sowie den Intellektuellen und der Idee. Als wir unser Ziel, die Befreiung Kambodschas, 1975 erreicht hatten, haben sich die Bauern jedoch verändert. Das haben wir nicht vorausgesehen. Die Bauern entwickelten eine Art Feudalismus, und der hat sie sehr böse gemacht.«

Der Sekretär faltet seine Hände, seine gepflegten, schmalen Finger geben ihm etwas Bittendes, fast Versöhnliches, und mit einem scheuen Lächeln, in dem ihm eigenen höflichen Tonfall sagt er: »Ich denke, was wir damals gemacht haben, das war korrekt. Ich habe keine Reue.« Und dann fügt er hinzu: »Verstehen Sie bitte, aber ich möchte jetzt nicht mehr über die Vergangenheit sprechen.«

Diese Mischung aus Sanftheit und Grausamkeit nimmt einem dem Atem, und eine dichte Schicht Schweigen legt sich auf alles.

Ja, es war korrekt. Nein, keine Reue. Tep Kunnal ordnet die Dinge, die politischen und die privaten, den blutigen Wahnsinn von damals und die beschauliche Gegenwart, zu einer logischen Kette, in der kein Glied schlecht ist und keines fehlen darf. Er hat Pol Pots Tochter einen neuen Namen gegeben: Sar Patchata. Nach Saloth Sar, dem wirklichen Namen Pol Pots. Die Tochter sollte sich ihrer Herkunft nicht schämen. Sie sollte stolz sein.

Wie wächst ein Kind in einem solchen Haushalt auf? Was erzählt Tep Kunnal dem Kind über seinen Vater?

Sie weiß viel über ihn, sie war zwölf, als er starb. Tep Kunnal sagt, er versuche ihr nur beizubringen, dass sie sich nicht darum scheren soll, was andere Leute sagen. »Er war ein guter Mensch und ein guter Führer. Er war einer, der schnell Entscheidungen traf, und die meisten seiner Entscheidungen waren richtig.«

Tep Kunnal trifft auch Entscheidungen. Er ist wieder da, wieder in der Politik. Seit vier Jahren ist er Distrikt-Vorsteher von Malai.

Als Pol Pot ihn bat, sich um seine Tochter zu kümmern, hatte er nicht verlangt, seine Frau zu heiraten. Warum hat er es dennoch getan? Bedeutet es ihm etwas, sich die Frau mit Pol Pot zu teilen? »Die Heirat ist nicht aus Liebe geschehen«, sagt Tep Kunnal. »Es war eine Frage der Verpflichtung. Es hätte komisch ausgesehen, wenn ich mich um das Kind kümmere, ohne mit der Mutter verheiratet zu sein.« Mittlerweile hat er mit Pol Pots Frau eine eigene Tochter.

Die Frau lächelt kurz aus der Küche hinunter. Ihr halblanges Haar ist zum Zopf gebunden. Dann zieht sie ihren Kopf wieder ins schützende Dunkel zurück. Sie hält sich zurück. Tep Kunnal will nicht, dass sie mit Journalisten spricht. Und auch seine Stieftochter schirmt er so gut es geht ab.

Die Antwort auf die Frage, warum ein solcher Mann frei herumläuft, liegt in diesem Land und seiner Gleichzeitigkeit der Zeiten – in der logischen Kette, die Tep Kunnals sanfte Worte knüpfen. In der alle so eng miteinander verbunden sind, dass keiner es wagt, die Kette zu zerreißen. In der alles so ist wie es ist, in der nichts böse ist.

1997 haben die Roten Khmer ihre Waffen abgegeben. Seitdem wird über ein Tribunal verhandelt, und dass immer noch nichts passiert, liegt nicht etwa daran, dass unbekannt wäre, wo die Führungsriege der Roten Khmer sich aufhält. Im Gegenteil, Ieng Sary, Außenminister der Rote-Khmer-Regierung, lebt mit seiner Frau in Phnom Penh. Nuon Chea, der zweite Mann hinter Pol Pot, und Khieu Samphan, Präsident der Rote-Khmer-Regierung, leben in der Provinz Paillin. Einzig der als »der Schlächter« bekannte ehemalige militärische Oberbefehlshaber Ta Mok und der Leiter des berüchtigten Folterzentrums Tuol Sleng, Kang Kek Leu, wurden verhaftet. Sie hatten sich geweigert, ihre Waffen abzugeben. Nein, dass immer noch nichts passiert ist, liegt daran, dass Pol Pot im Laufe der Jahre einfach zu viele Verbündete hatte. Die kambodschanische Kette ist nie wirklich gerissen. Der jetzige Ministerpräsident Hun Sen ist ein ehemaliger Kommandant der Roten Khmer. Und auch die USA unterstützten die Roten Khmer lange. Ihnen verdankt der Sekretär sein gutes Englisch. 1980 ging Tep Kunnal nach New York, als UN-Vizebotschafter der Roten Khmer – ein Jahr nachdem Vietnam sie besiegt hatte und ihre Gräueltaten bekannt geworden waren.

Wer ist bei einem Tribunal Zeuge, wer ist Angeklagter? Alle waren verwickelt

Die USA hatten dafür gesorgt, denn weder China noch die USA waren an Frieden in der Region interessiert. Amerika hatte den Vietnamkrieg gegen Russland verloren, nun unterstützte es gemeinsam mit China die Roten Khmer gegen Vietnam. Die USA mussten ihre Hilfe für den Kommunisten Pol Pot jedoch verbergen, und so verließ ihr damaliger Außenminister Alexander Haig demonstrativ den Saal, als die UN-Delegation der Roten Khmer aufstand, um zu sprechen. Wer sollte bei einem Tribunal als Zeuge, wer als Angeklagter auftreten? Alle waren verwickelt.

Tep Kunnal bezog mit seiner ersten Frau und ihrer gemeinsamen Tochter ein Appartement in New Yorks 47. Straße. Zum Hochhaus der Vereinten Nationen am East River konnte er laufen.

Die Reise aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart ist nicht nur darum beschwerlich, weil die Vergangenheit überall ihre Wächter hat. Es hat auch mit einer defekten Klimaanlage zu tun, einem in der Hitze weich gewordenen und geplatzten Reifen und mit Schlaglöchern, die jede Autofahrt zu einem motorisierten Running Gag werden lassen – sogar die Schulmädchen in den blauen Röcken und weißen Blusen sind mit ihren Fahrrädern schneller. Tankstellen bestehen nur noch aus Fanta- und Colaflaschen, aus denen das geschmuggelte billige Thai-Benzin mit dem Mund angesaugt wird, um es in Mofa-Tanks zu füllen. Über jede steinerne Brücke ist man froh. Dass sie alle vom Ausland finanziert wurden, darauf weisen jedes Mal Schilder hin. Genau wie am Kinderdorf, an dem wir vorbeifahren, und den kleinen Krankenhäusern. Kambodscha ist heute ein Secondhand-Land.

Drei Stunden von Malai entfernt, in Sisophon, steht Cheam Sok vor seiner Highschool und raucht. Die Klassenräume stehen nebeneinander wie sorgfältig aufgereihte übergroße Schuhkartons, in die man mit einer Schere Fenster geschnitten hat. Die platt getrampelten Pfade von den Klassenräumen auf der sanften Anhöhe hinab ins Dorf säumen Palmen und kleine Bäume. Die Schule umgibt eine weiße Mauer, auf der die Namen der amerikanischen und französischen Geldgeber stehen. Auf dem Lande wird das Ausmaß der internationalen Hilfe so klar wie ein Bild, das man in eine Entwicklerschale legt. Was täte, was wäre das Land ohne diese Hilfe? Und wieder ist die Gegenwart untrennbar mit der Vergangenheit verquickt.

Die Luft riecht nach Gras und Erde. 1830 Schüler gibt es, 33 Klassenräume und 50 Lehrer. Cheam Sok ist der Direktor, der diesen Mangel irgendwie organisieren muss. Man könnte ihn ebenso gut für einen Söldner halten. Sein Haar ist zu einem stacheligen Pilz rasiert, seine quadratische Goldrandbrille so groß wie die Schutzbrillen, die man zum Sportschießen aufsetzt, und sein Haaransatz, seine Kinnspalte, Hals und Brust sind mit kleinen Strichen tätowiert.

Der Schuldirektor ist der Freund des Sekretärs und als solcher drei Jahre lang Beschützer des Kindes gewesen. Der Sekretär hatte ihn darum gebeten. Der Direktor hat es getan, obwohl er dem Sekretär weiß Gott nichts zu danken hat.

Sie kennen sich aus ihrer gemeinsamen Schulzeit in Phnom Penh. Als Tep Kunnal später nach Paris ging, blieb der Direktor in Kambodscha und wurde Physiklehrer. Tep Kunnal verfolgte von Paris aus gespannt die »Befreiung Kambodschas« durch Pol Pot. Der Direktor wurde gemeinsam mit 300 Lehrern in eine Pagode nördlich von Phnom Penh gesperrt. Jeden Tag wurde eine Gruppe abgeholt und auf den Feldern erschossen. Eine Woche dauerte das, bis nur noch 30 Lehrer übrig waren. Der Direktor war einer von ihnen. So geschah es im ganzen Land. Mal waren es Pagoden, mal Schulen, Reisfelder oder Straßengräben. Umgebracht wurden Intellektuelle oder solche, die so aussahen. Menschen mit Brillen oder solche, die sich des Verbrechens, eine fremde Sprache zu sprechen, schuldig gemacht hatten, Städter, Schwache, Fragensteller.

Als Tep Kunnal zurück nach Kambodscha kam, arbeitete der Direktor schon zwei Jahre auf dem Feld, gekleidet in die von den Roten Khmer verordneten schwarzen Hosen und das schwarze Hemd, hungrig von morgens bis abends.

Der Direktor zündet sich eine neue Zigarette an. Er raucht Kette. Er verdient 50 Dollar im Monat, davon kann selbst auf dem Land keiner leben. Als Tep Kunnal vor vier Jahren zu ihm kam und ihn bat, Pol Pots Tochter an seiner Schule aufzunehmen und außerdem für ein Tagegeld in seinem eigenen Haus, da war er froh. »Ich dachte mir nichts dabei, das Kind kann ja nichts für die Geschichte.« Er wusste, dass Tep Kunnal eine hohe Position bei den Roten Khmer gehabt hatte. Aber darüber haben sie nie gesprochen. »Ich betrachte ihn immer noch als Freund«, sagt der Direktor.

Die Tätowierungen im Gesicht hat er sich nach der Befreiung 1979 selbst beigebracht, mit einer heißen Nadel. Er hoffte, dass sie ihm Glück brächten. Und Glück konnte er brauchen auf seinen täglichen illegalen Märschen über die Grenze nach Thailand, bepackt mit heimlich geschlagenem Tropenholz. Drei Jahre lang schmuggelte er. Irgendwann war seine ganze Brust tätowiert. Nie wieder wollte er auf der Seite der Opfer stehen. Damals, sagt er, habe er Rache gewollt. Nach all dem Leiden. Aber jetzt wolle er einfach nur sein Leben leben. Das UN-Tribunal gegen die Roten Khmer interessiere ihn nicht mehr, es komme zu spät.

Pol Pots Tochter zog bei ihm ein, und der Direktor sorgte dafür, dass man in ihrem Beisein nicht über Politik sprach. Da sie ihrem Vater aber wie aus dem Gesicht geschnitten war, mit dem gleichen breiten Kinn und den gleichen breiten Wangen, wurde sie immer wieder erkannt. Studenten kamen an ihre Tür, die mit ihr reden oder am Wochenende nach Malai fahren wollten, um ihr Zuhause zu sehen. Sie hat nie jemanden eingeladen.

Vom Unterricht hatte das Kind weniger zu befürchten. Von 1992 bis 2000 kamen die Roten Khmer in kambodschanischen Geschichtsbüchern nicht vor. 2001 wurden in die Bücher für die neunten Klassen sieben Zeilen eingefügt, in die der zwölften Klassen wurde eine Seite dazugegeben. Die Schuldfrage wurde ausgespart. Als man 2002 merkte, dass vergessen worden war, die ersten freien Wahlen angemessen zu erwähnen, flog das ganze Kapitel über die Roten Khmer wieder raus. Im Moment wird an einem neuen Schulbuch gearbeitet. In einem Land, dessen Präsident ein Roter Khmer war und dessen König mit ihnen zusammengearbeitet hat, ist Geschichtsschreibung eine heikle Sache.

Nur einmal konnte der Direktor das Kind nicht beschützen. Vor einem Jahr tauchten zwei Reporter der Cambodia Daily in seiner Schule auf, Sar Patchata lief ihnen in die Arme. Sie erzählte ihnen, dass sie oft an ihren Vater denke. Dass sie sich daran erinnere, wie sie auf seinem Schoß saß und er mit ihr spielte und sie umarmte. Dass er zu den von ihr am meisten respektierten Personen gehöre. Da sprach eine Tochter über ihren Vater, der sie verwöhnt hatte, wie es nur Großeltern tun. Ein Foto zeigt das Mädchen vor der Schule, mit Pferdeschwanz, in blauem Faltenrock, weißer Bluse, schwarz-weißen Gummilatschen. Sie lacht in die Kamera. Lor Chandera, der sie damals interviewte, sagt, sie habe einen sehr schüchternen und gehorsamen Eindruck gemachte. Als er sie nach dem Khmer-Rouge-Tribunal fragte, habe sie still zu Boden geschaut. Den Tod ihres Vaters am 15. April 1998 habe sie verschlafen, das hat sie dem Reporter noch erzählt. Ihre Mutter habe ihr aber gesagt, dass die letzten Worte ihres Vaters ihr gegolten hätten – dass er sich wünschte, sie möge fleißig studieren und ein guter Mensch werden.

An der teuersten Uni studiert Pol Pots Tochter Management

Sie wurde eine durchschnittliche Schülerin, genau wie ihr Vater. Sie hat es nicht unter die ersten zehn ihrer Klasse geschafft. Aber sie gehörte zu dem einen Prozent, das es sich leisten konnte, auf die Universität in Phnom Penh zu gehen. Dort, wo die Menschen Zeitung lesen und, wenn es um die Vergangenheit geht, nicht ganz so höflich und zurückhaltend sind wie auf dem Lande.

Wir brechen auf in Richtung Gegenwart. Es ist früh am Morgen, die Zeit, in der die jungen buddhistischen Mönche in ihren orangefarbenen Tüchern und mit den rasierten Köpfen wie in einer Prozession die Straße entlanglaufen, von Hütte zu Hütte, um Almosen bittend. Die Mönche tragen einen silbernen Topf vor sich, in den die Bauern Reis oder ein bisschen Fleisch füllen. Die Straße teilen sie sich mit dünnen weißen Kühen, die gemächlich von einer Seite auf die andere trotten, mit flatternden Hühnern und Enten und den großen Tüchern, auf denen die Reisbauern ihre Ernte zum Trocknen ausgelegt haben. Wer es sich leisten kann, hat einen Billardtisch im Staub unter seinem Stelzenhaus stehen. Mehrere verrammelte Caltex-Tankstellen liegen am Weg. Wer billiges Schmuggelbenzin tanken kann, der tankt kein teures. Fast so häufig wie Fahrräder sieht man am Straßenrand die Schilder von Ministerpräsident Hun Sens Cambodia’s People Party. Auf dem Land gewinnen sie ihre Wahlen.

Je näher die Hauptstadt Phnom Penh kommt, desto häufiger werden aus Strohhütten solche aus Holz und schließlich Steinhäuser. Aus offenen Fensterlöchern wird Plastikfolie, später Glas.

Dann wird es richtig teuer. Als Erstes fährt ein weißer Mercedes auf den Campus, es folgen ein schwarzer Jeep, ein grauer Lexus, ein Toyota. Die jungen Fahrer steigen aus, klemmen ihre Bücher unter den Arm und laufen ohne Eile auf das rosafarbene Hauptgebäude mit den verspiegelten blauen Fenstern über dem vergoldeten, traditionellen Khmer-Eingang zu. Wo bei anderen Universitäten in Phnom Penh Mofa-Parkplätze auf den Boden gemalt sind, sind hinter den Mauern der privaten Pannasastra-Universität Auto-Parkplätze markiert. Es ist die teuerste Universität Kambodschas, großenteils finanziert von den USA. Der Glückwunsch von George Bush senior an den Gründer und Präsidenten Kol Pheng hängt groß gerahmt im Hauptgebäude. Pheng hat zuvor für Bush in Texas gearbeitet.

Seit Oktober studiert Sar Patchata hier. Pol Pots Tochter wohnt mit fünf Freundinnen aus Malai zusammen. Weil ihr Stiefvater sie zu einer »einfachen Person« erziehen will, kommt sie jeden Morgen mit dem Mofa. Sie ist für Management eingeschrieben, im Moment sei sie jedoch damit beschäftigt, ihr Englisch zu verbessern, hatte Tep Kunnal gesagt – der Unterricht ist in Englisch. Sosehr er das Kind auch zur Patriotin erziehen will, so bewusst ist ihm doch, dass es ohne die Welt da draußen nicht geht.

Der Sekretär folgte dem Wunsch Pol Pots und verließ seine Familie

Tep Kunnal hat Pol Pots Tochter an die Pannasastra-Universität geschickt, weil er dem Gründer der Universität vertraut. Er kennt Kol Pheng aus den USA. Jetzt ist er Bildungsminister von Kambodscha, und er wird seine Stieftochter vor neugierigen Fragen beschützen wie zuvor der Direktor am Gymnasium. Läuft man über den kleinen Campus, sagen einem die Studenten, sie hätten gehört, dass das Kind eines hohen Rote-Khmer-Funktionärs an der Uni sein soll, Genaueres wissen sie nicht. Ein Student erinnert sich an die Geschichte aus der Cambodia Daily. Aber gesehen hat er das Mädchen noch nie. Unter seinem Namen ist es auch nicht im Computer registriert, wobei das mit den Namen in Kambodscha so eine Sache ist. In einem Land, in dem eine ganze Generation nicht lesen und schreiben kann, gibt es für alles Geschriebene mehrere Versionen. Auch für Namen. Wer es genau wissen will, der müsste die Immatrikulationsnummer eines Studenten wissen. Tep Kunnal wartet in einem Hotel in Phnom Penh. Ein Parteitreffen hat ihn in die Stadt gebracht.

Wir winken ein Mofa-Taxi heran. Es geht am pilzförmigen Unabhängigkeitsmonument vorbei, an den Häusern der NGOs, an der ersten Bank mit Geldautomaten, an Frauen, die Hähnchen auf der Straße braten, an Mofas, auf denen zwischen Vater und Mutter zwei Kinder klemmen, einem steckt der Schlauch einer Infusion im Arm, die seine Mutter an einem Holzstab über ihm baumeln lässt. Der Geruch der Verwesung aus überquellenden Mülltonnen mischt sich mit dem der Grillhähnchen und wird von den wenigen amerikanischen Jeeps verwirbelt, in denen die kambodschanische Elite die Straßen durchpflügt.

In der Hotellobby hört man Englisch, Französisch, Deutsch. Das Hotel ist sehr beliebt bei den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen. Sie kommen, um die Sesamstraße in Khmer zu übersetzen, um Büchereien auf dem Lande zu bauen, und nicht wenige kommen, um Kinder zu adoptieren. Vor der Tür stehen Rikscha- und Mofa-Taxi-Fahrer, die jeden, der das Hotel verlässt, sofort wie ein Schwarm einhüllen. »Tuck, tuck?«

Tep Kunnal sitzt ganz vorn auf der Kante des Sofas und sieht sich um. Kürzlich habe er die Records of the Historian gelesen, sagt er, das früheste Buch über chinesische Geschichte, darin stehe geschrieben: »Wenn die Sonne aufgeht, dann sollst du aufstehen. Wenn die Sonne untergeht, dann sollst du schlafen gehen. Und wenn du Wasser brauchst, dann sollst du einen Brunnen graben.«

»Wir aber«, fährt er fort, »beginnen nicht zu arbeiten, wenn die Sonne aufgeht, und wenn sie untergegangen ist, sind wir immer noch auf. Und wir graben auch keine eigenen Brunnen, wir verlassen uns auf die internationale Hilfe. Wir müssen uns wieder selbst helfen lernen, wir müssen ohne die internationale Hilfe auskommen. Das muss sich ändern.« Um das zu beschleunigen, gräbt sich Tep Kunnal immer tiefer in die Politik hinein und fährt immer häufiger in die Hauptstadt. Er will die Studenten nach ihrem Studium in der Stadt aufs Land schicken, um den Bauern zu zeigen, wie sie effizienter und erfolgreicher sein können. »In den ersten Jahren wird es sehr hart für sie werden, man muss eine sehr demütige Person sein und viele Entbehrungen auf sich nehmen, um auf dem Land zu leben.« Aber letztendlich sei man dort glücklicher. Das habe er auch seiner Stieftochter gesagt. Er weiß, wovon er spricht.

Tep Kunnal verließ New York 1993. Die Mauer in Berlin war 1989 gefallen, der Kalte Krieg beendet, Russland und Amerika näherten sich an. Die USA sahen keinen Nutzen mehr darin, die Roten Khmer zu stützen. 1991 hatten alle Kriegsparteien in Kambodscha einen Friedensvertrag unterschrieben. Die Roten Khmer versanken in der Bedeutungslosigkeit, und so orderte Pol Pot Tep Kunnal zurück nach Kambodscha. Kunnals Frau und Tochter wollten aber nicht. Familie oder Pol Pot. Tep Kunnal entschied sich für Pol Pot. Im April 1993 stiegen die Roten Khmer aus dem Friedensvertrag aus. Der Kampf ging weiter.

Die regierende Cambodia’s People Party hat Tep Kunnal vor drei Jahren zum District Chief von Malai gemacht. Und das, obwohl die Partei vorsichtig sein muss, wenn sie immer mehr Rote-Khmer-Kader in die Politik holt. Sie setzt damit die Unterstützung der Landbevölkerung aufs Spiel. Denn jeder weiß, dass die Roten Khmer ihre Waffen 1997 nur abgelegt haben, weil man ihnen gute Posten in der Regierung und im Militär angeboten hatte. Vielleicht auch deshalb unterschrieb die Regierung vor anderthalb Jahren schließlich das Abkommen über ein Rote-Khmer-Tribunal. Es sollen allerdings nur diejenigen gerichtet werden, die wirklich schwere Verbrechen verübt haben. Man rechnet mit etwa zehn Angeklagten. Tep Kunnal wird nicht dazugehören. Die UN werden 43 Millionen Dollar bereitstellen, Kambodscha sollte eigentlich 13,3 Millionen beisteuern. Ministerpräsident Hun Sen reduzierte sein Angebot jedoch auf 1,5 Millionen. Die Rolle des Aufklärers gefällt ihm, nur die Aufklärung will er nicht. Obwohl die Geldfrage noch nicht geklärt ist, haben die UN im Dezember ein Hauptquartier bezogen, von dem aus im Februar ein siebenköpfiges Team seine Arbeit begann. Denn nicht mehr lange, und die letzten Anzuklagenden sind tot.

Tep Kunnal will sich zum Tribunal nicht äußern. Erst nach mehrmaligem Nachfragen antwortet er mit einer Gegenfrage: »Geht es bei diesem Tribunal um wirkliche Gerechtigkeit? Welche Gerechtigkeit kommt dort zum Tragen, die von damals oder die von heute? Und was ist Gerechtigkeit überhaupt?«

Dass der Sekretär nun die 36000 Menschen im Distrikt Malai unter sich hat, das läge, munkelt man in Phnom Penh, auch an dem ganzen Geld, dass Tep Kunnal durch die Heirat von Pol Pot geerbt habe. Denn die Partei braucht Geld, um die Landbevölkerung bei der Stange zu halten, und Pol Pot, vermutet man, hat ein Vermögen besessen. Geld aus China und den USA.

Seine Tochter aus erster Ehe hat Tep Kunnal seit seiner Rückkehr nach Kambodscha nicht wieder gesehen. Seine Frau und die Tochter sind in den USA geblieben. Man schreibt sich. Der Sozialist aus Kambodscha, der nun nicht mehr nach Amerika einreisen darf, und die Redakteurin des amerikanischen Food & Wine Magazine, die von ihrer Heimat Kambodscha nichts wissen will.

Tep Kunnal hat nie aufgehört, von einem selbstständigen Arbeiter- und Bauernstaat zu träumen. In einem Land, in dem 80 Prozent der Menschen auf dem Land leben, eine nicht völlig abwegige Idee. Nach Pol Pots Blut-und-Boden-Kommunismus will er es jetzt mit den Ideen von Friedrich Wilhelm Raiffeisen probieren. Er hat eine »Bauern-Genossenschaft« gegründet, denn obwohl die Bauern täglich auf ihren Reisfeldern stehen, schaffen sie es nicht, mehr zu produzieren, als zum Überleben nötig ist. Im Gegenteil, ihr Profit wird immer kleiner, denn in Thailand ist nicht nur das Bewässerungssystem effizienter, auch die Saat-, Dünge- und Erntemethoden sind es.

Kunnal will die Bauern in seiner Genossenschaft Gemüse für die Touristen anpflanzen lassen. Spargel etwa, den die Hotels in Phnom Penh bislang aus Thailand importieren. Mit Mikrodarlehen, die er an die Bauern ausgeben will, sollen sie moderneres Erntegerät kaufen. Aber die Bauern wollen nicht. Sie haben das Vertrauen in Organisationen durch Leute wie den Sekretär verloren.

In Malai ist die Vergangenheit zu präsent, um der Zukunft eine Chance zu geben. Und in Phnom Penh ist die Gegenwart zu degeneriert, als dass sie der Zukunft genug Luft zum Atmen ließe. In einem feinen hölzernen Khmer-Restaurant, im luftigen ersten Stock, macht sich im Schneidersitz, während ein plötzlicher, heftiger Regenschauer niedergeht, die erschöpfte Esther darüber Luft, wie die Hilfsorganisationen, für die sie seit Jahren in Kambodscha arbeitet, dem Land nach und nach den Hals zudrehen. Diesem kleinen Land mit einer Vergangenheit, die so groß und grausam ist, dass die UN 1992 den größten und teuersten Einsatz ihrer Geschichte begannen.

Sie spannten ein überwältigendes Netz an Entwicklungsorganisationen, das vom Gesundheitssystem über die Infrastruktur bis zum Schulsystem keinen zivilen Bereich ausließ. Diese Prothesen aber stecken Kambodscha nun so im Leibe, dass das Land bei jedem Schritt vorwärts zusammenzubrechen scheint. Ohne diese Prothesen kann es nicht leben. Aber mit ihnen verliert es zunehmend sein Gleichgewicht. Das macht sogar Trippelschritte unmöglich. Im Moment arbeitet Esther im Auftrag von Unicef für das Ministerium für Frauenangelegenheiten an einer Aids-Aufklärungskampagne, und jeden Tag sieht sie das Unfassbare. Dass ihre kambodschanischen Mitarbeiter nicht da sind, weil sie wieder auf Fortbildungen anderer Hilfsorganisationen sind.

Das sei, beeilt sie sich zu sagen, an sich ja leidlich erträglich, sie müsse dann eben die Arbeit so lange allein tun. Stelle sich aber heraus, dass kaum eine dieser Fortbildungen etwas mit ihrer Arbeit zu tun habe, dann sei es doch ärgerlich. Erst recht, wenn man den Grund für die Wissbegier der Mitarbeiter kenne. Die Konkurrenz unter den Hilfsorganisationen sei mittlerweile so groß, dass sich jede rechtfertigen müsse. Die einzige Art, Erfolg zu messen, sei es aber, die Teilnehmer all der Fortbildungen zu zählen. Und damit die Stühle voll würden, hätten die Organisationen irgendwann begonnen, die Kambodschaner für ihre Teilnahme zu bezahlen. Wer das meiste zahle, egal ob es um Landbau oder Computer gehe, der könne mit dem größten Interesse rechnen – also einer Fortsetzung des Hilfsprogramms. So würden die Kambodschaner von Tag zu Tag träger und träger. Esther holt tief Luft. In vier Monaten wird sie das Land verlassen und ihren nächsten Job in Bangladesch beginnen.

Tharum Bun hingegen wird in Phnom Penh bleiben. Und vielleicht ist Tharum Bun wirklich alles, was Kambodscha an Zukunft hat. Er ist 23 Jahre alt und zart wie ein Mädchen. Er trägt schwarze Flipflops, Jeans und ein kurzärmeliges Hemd, wie alle hier. Er fällt jedoch durch eines auf: Tharum ist immer pünktlich.

Momentan sitzt er im Internet-Café, nimmt einen Schluck vom Wasser, das der Besitzer gratis hinstellt und das alle Ausländer wohlweislich stehen lassen. Rechts neben ihm googelt ein junger Mönch, links checkt ein englischer Tourist die Spielergebnisse von Arsenal London. Die Stunde kostet 2000 Riel – 50 Cent. Draußen ächzt der dichte Phnom Penher Mofa-Verkehr, heisere Hupen krakeelen um Aufmerksamkeit, denn wer nicht hört, der muss fühlen. Die einzige ersichtliche Verkehrsregel lautet: Der Stärkste gewinnt.

Der erste Blogger des Landes träumt von einer Reise um die Welt

Neulich haben sie Tharum vor seinen Augen die gebrauchte Honda geklaut. Das waren mehr als zwei Monatslöhne, 700 Dollar, und Tharum verdient gut mit seinem Computerjob bei einer Hilfsorganisation. Er zahlt die Studiengebühren seiner Schwester, die anderen fünf Geschwister gehen noch zur Schule oder helfen dem Vater. Die Eltern hat man unter Pol Pot zwangsverheiratet, sie haben offenbar das Beste daraus gemacht. Gemeinsam mit der Oma wohnen sie nun auf 50 Quadratmetern, über dem kleinen Fotoladen des Vaters mit dem großen bunten Konica-Werbeschild am lauten Monivong Boulevard.

Tharum ist ein nerd, wie man auf einem amerikanischen Schulhof sagen würde. Einer, dem eine französische Familie die Schule finanzierte, der schon als Schüler für internationale Hilfsorganisationen arbeitete und dort Englisch und Ehrgeiz lernte. Einer, der Wirtschaft studiert hat und doch nur an das eine denkt: Computer und Technik. Der noch nie eine Freundin hatte und Tee lieber trinkt als Bier. Tharum ist die lichte Seite des Hilfsnetzes. Er hat es geschafft, daran hochzuklettern, und will Anschluss an den Rest der Welt. Tharum träumt davon, Phileas Fogg zu sein – wie er einmal um die Welt zu reisen. Und ginge es nach ihm, könnten es ruhig ein paar mehr Tage als 80 sein. Zurzeit reist Tharum noch virtuell. Er ist der erste Blogger Kambodschas.

Der schmale Junge ist einer von zehn Prozent Kambodschanern, die das nötige Englisch sprechen, um überhaupt Computer nutzen zu können, denn bislang gab es keine Software in der Landessprache Khmer. Nur 25 von 10000 Kambodschanern, schätzte die International Telecommunication Union 2003, benutzen das Internet. Kambodscha hat die geringste Internet-Nutzung in ganz Asien. Die Organisation, für die Tharum arbeitet, übersetzt gerade Open-Source-Software – freie, kostenlose Software – in Khmer. Microsoft ist an dem kleinen Markt Kambodscha nicht interessiert, wo sich ohnehin keiner legale Software leisten kann.

Tharum liest im Netz englische und amerikanische Zeitungen, die zu kaufen in Phnom Penh viel zu teuer wäre. Er selbst berichtet im Internet von seinem Leben, obwohl er weiß, dass er längst nicht alles schreiben darf. Denn sein Land wird zusammengehalten von einer dichten Schicht des Schweigens. Die Landrückgabe an Vietnam durch Präsident Hun Sen ist tabu. Korruption ist tabu. Die illegalen Geschäfte der Politiker sind tabu. Wer diese Mauer durchbricht, dem kann es gehen wie der Organisation Global Witness, die über die Verstrickungen von Politikern in das illegale Abholzen des Dschungels berichtete und daraufhin des Landes verwiesen wurde.

Da Bloggen in Kambodscha gerade erst angekommen ist, gibt es in diesem Bereich noch kaum Zensur. Die von Präsident Hun Sen initiierte Verhaftungswelle in den vergangenen Monaten war noch jedes Mal eine Reaktion auf Äußerungen im Radio oder bei öffentlichen Veranstaltungen. Obgleich Artikel 41 der kambodschanischen Verfassung die Meinungsfreiheit garantiert.

Tharum ist die Zukunft, und er will, dass die Vergangenheit endlich öffentlich gerichtet wird. »Wir müssen unseren Gerichten wieder trauen können. Wie sonst sollen wir lernen, dass die Gerechtigkeit und nicht der Stärkere gewinnt?«

Er surft auf seinen Blog www.tharum.info. Die Internet-Verbindungen sind auch in der Hauptstadt nicht schneller als in der Provinz. Auch hier sind die Computer alt, kunstvoll verkabelt und mit so viel illegal kopierter Software beladen, dass sie schon deshalb zu ächzen scheinen. Alles dauert ewig.

Tharum betrachtet den Eintrag, der vor ihm erscheint. Er ist vom Tag, als die Aufregung um jenen Amerikaner namens Graham begann, der auf die Idee mit dem Euthanasie-Tourismus kam. Seine Überlegung war einfach: Kambodscha braucht Geld. Touristen haben Geld, ältere mehr als jüngere. Kambodscha braucht Arbeit. Altenpflege könnte viele Arbeitsplätze schaffen. Die Erinnerung an Folter und Pol Pot ist noch frisch – welches Land kann das Angebot eines schmerzfreien Todes also besser verstehen als Kambodscha, dachte Graham. Ein Verbot gab es nicht. Über den freiwilligen Tod hatte sich in Kambodscha weiß Gott noch keiner Gedanken gemacht. Für 30 Dollar im Monat mietete Graham bei Google eine Web-Seite und nannte sie »Euthanasie in Kambodscha«. Keiner nahm davon Notiz. Dann starb eine Engländerin, und Graham meldete den Selbstmord der Polizei. Die Cambodia Daily berichtete, die Polizei befragte, der Gouverneur ließ das Café schließen – weil die anderen Ausländer mit ihren Gästehäusern um ihr Geschäft fürchteten.

Tharums Eintrag ist der höfliche Kommentar eines höflichen Kambodschaners, der darauf hinweist, dass Kambodschaner noch dabei seien, die grundlegenden Menschenrechte zu erlernen, und dass die Diskussion über das Recht auf einen organisierten Freitod da wirklich noch etwas früh komme. Er wurde in der Cambodia Daily abgedruckt. Tharum ist sehr stolz darauf.

Mittlerweile ist Grahams Internet-Seite wieder online. Anklage ist nie erhoben worden. Die Presse berichtet nicht mehr, die Touristen kommen weiterhin, das Geschäft läuft, die Freiheit ist wieder grenzenlos. Jeder macht, was er will. So lange, bis er einem Stärkeren in die Quere kommt. Das Schlimmste, was Kambodscha passieren kann.

Tep Kunnal ist längst wieder in Malai angekommen. Bald will er Bäume entlang der Straße pflanzen, damit sie nicht mehr so fürchterlich staubt. Das muss reichen, bis der Asphalt, bis die Zukunft in den Norden von Kambodscha kommt.