Ja, es war korrekt. Nein, keine Reue. Tep Kunnal ordnet die Dinge, die politischen und die privaten, den blutigen Wahnsinn von damals und die beschauliche Gegenwart, zu einer logischen Kette, in der kein Glied schlecht ist und keines fehlen darf. Er hat Pol Pots Tochter einen neuen Namen gegeben: Sar Patchata. Nach Saloth Sar, dem wirklichen Namen Pol Pots. Die Tochter sollte sich ihrer Herkunft nicht schämen. Sie sollte stolz sein.

Wie wächst ein Kind in einem solchen Haushalt auf? Was erzählt Tep Kunnal dem Kind über seinen Vater?

Sie weiß viel über ihn, sie war zwölf, als er starb. Tep Kunnal sagt, er versuche ihr nur beizubringen, dass sie sich nicht darum scheren soll, was andere Leute sagen. »Er war ein guter Mensch und ein guter Führer. Er war einer, der schnell Entscheidungen traf, und die meisten seiner Entscheidungen waren richtig.«

Tep Kunnal trifft auch Entscheidungen. Er ist wieder da, wieder in der Politik. Seit vier Jahren ist er Distrikt-Vorsteher von Malai.

Als Pol Pot ihn bat, sich um seine Tochter zu kümmern, hatte er nicht verlangt, seine Frau zu heiraten. Warum hat er es dennoch getan? Bedeutet es ihm etwas, sich die Frau mit Pol Pot zu teilen? »Die Heirat ist nicht aus Liebe geschehen«, sagt Tep Kunnal. »Es war eine Frage der Verpflichtung. Es hätte komisch ausgesehen, wenn ich mich um das Kind kümmere, ohne mit der Mutter verheiratet zu sein.« Mittlerweile hat er mit Pol Pots Frau eine eigene Tochter.

Die Frau lächelt kurz aus der Küche hinunter. Ihr halblanges Haar ist zum Zopf gebunden. Dann zieht sie ihren Kopf wieder ins schützende Dunkel zurück. Sie hält sich zurück. Tep Kunnal will nicht, dass sie mit Journalisten spricht. Und auch seine Stieftochter schirmt er so gut es geht ab.

Die Antwort auf die Frage, warum ein solcher Mann frei herumläuft, liegt in diesem Land und seiner Gleichzeitigkeit der Zeiten – in der logischen Kette, die Tep Kunnals sanfte Worte knüpfen. In der alle so eng miteinander verbunden sind, dass keiner es wagt, die Kette zu zerreißen. In der alles so ist wie es ist, in der nichts böse ist.

1997 haben die Roten Khmer ihre Waffen abgegeben. Seitdem wird über ein Tribunal verhandelt, und dass immer noch nichts passiert, liegt nicht etwa daran, dass unbekannt wäre, wo die Führungsriege der Roten Khmer sich aufhält. Im Gegenteil, Ieng Sary, Außenminister der Rote-Khmer-Regierung, lebt mit seiner Frau in Phnom Penh. Nuon Chea, der zweite Mann hinter Pol Pot, und Khieu Samphan, Präsident der Rote-Khmer-Regierung, leben in der Provinz Paillin. Einzig der als »der Schlächter« bekannte ehemalige militärische Oberbefehlshaber Ta Mok und der Leiter des berüchtigten Folterzentrums Tuol Sleng, Kang Kek Leu, wurden verhaftet. Sie hatten sich geweigert, ihre Waffen abzugeben. Nein, dass immer noch nichts passiert ist, liegt daran, dass Pol Pot im Laufe der Jahre einfach zu viele Verbündete hatte. Die kambodschanische Kette ist nie wirklich gerissen. Der jetzige Ministerpräsident Hun Sen ist ein ehemaliger Kommandant der Roten Khmer. Und auch die USA unterstützten die Roten Khmer lange. Ihnen verdankt der Sekretär sein gutes Englisch. 1980 ging Tep Kunnal nach New York, als UN-Vizebotschafter der Roten Khmer – ein Jahr nachdem Vietnam sie besiegt hatte und ihre Gräueltaten bekannt geworden waren.

Wer ist bei einem Tribunal Zeuge, wer ist Angeklagter? Alle waren verwickelt

Die USA hatten dafür gesorgt, denn weder China noch die USA waren an Frieden in der Region interessiert. Amerika hatte den Vietnamkrieg gegen Russland verloren, nun unterstützte es gemeinsam mit China die Roten Khmer gegen Vietnam. Die USA mussten ihre Hilfe für den Kommunisten Pol Pot jedoch verbergen, und so verließ ihr damaliger Außenminister Alexander Haig demonstrativ den Saal, als die UN-Delegation der Roten Khmer aufstand, um zu sprechen. Wer sollte bei einem Tribunal als Zeuge, wer als Angeklagter auftreten? Alle waren verwickelt.

Tep Kunnal bezog mit seiner ersten Frau und ihrer gemeinsamen Tochter ein Appartement in New Yorks 47. Straße. Zum Hochhaus der Vereinten Nationen am East River konnte er laufen.

Die Reise aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart ist nicht nur darum beschwerlich, weil die Vergangenheit überall ihre Wächter hat. Es hat auch mit einer defekten Klimaanlage zu tun, einem in der Hitze weich gewordenen und geplatzten Reifen und mit Schlaglöchern, die jede Autofahrt zu einem motorisierten Running Gag werden lassen – sogar die Schulmädchen in den blauen Röcken und weißen Blusen sind mit ihren Fahrrädern schneller. Tankstellen bestehen nur noch aus Fanta- und Colaflaschen, aus denen das geschmuggelte billige Thai-Benzin mit dem Mund angesaugt wird, um es in Mofa-Tanks zu füllen. Über jede steinerne Brücke ist man froh. Dass sie alle vom Ausland finanziert wurden, darauf weisen jedes Mal Schilder hin. Genau wie am Kinderdorf, an dem wir vorbeifahren, und den kleinen Krankenhäusern. Kambodscha ist heute ein Secondhand-Land.