Drei Stunden von Malai entfernt, in Sisophon, steht Cheam Sok vor seiner Highschool und raucht. Die Klassenräume stehen nebeneinander wie sorgfältig aufgereihte übergroße Schuhkartons, in die man mit einer Schere Fenster geschnitten hat. Die platt getrampelten Pfade von den Klassenräumen auf der sanften Anhöhe hinab ins Dorf säumen Palmen und kleine Bäume. Die Schule umgibt eine weiße Mauer, auf der die Namen der amerikanischen und französischen Geldgeber stehen. Auf dem Lande wird das Ausmaß der internationalen Hilfe so klar wie ein Bild, das man in eine Entwicklerschale legt. Was täte, was wäre das Land ohne diese Hilfe? Und wieder ist die Gegenwart untrennbar mit der Vergangenheit verquickt.

Die Luft riecht nach Gras und Erde. 1830 Schüler gibt es, 33 Klassenräume und 50 Lehrer. Cheam Sok ist der Direktor, der diesen Mangel irgendwie organisieren muss. Man könnte ihn ebenso gut für einen Söldner halten. Sein Haar ist zu einem stacheligen Pilz rasiert, seine quadratische Goldrandbrille so groß wie die Schutzbrillen, die man zum Sportschießen aufsetzt, und sein Haaransatz, seine Kinnspalte, Hals und Brust sind mit kleinen Strichen tätowiert.

Der Schuldirektor ist der Freund des Sekretärs und als solcher drei Jahre lang Beschützer des Kindes gewesen. Der Sekretär hatte ihn darum gebeten. Der Direktor hat es getan, obwohl er dem Sekretär weiß Gott nichts zu danken hat.

Sie kennen sich aus ihrer gemeinsamen Schulzeit in Phnom Penh. Als Tep Kunnal später nach Paris ging, blieb der Direktor in Kambodscha und wurde Physiklehrer. Tep Kunnal verfolgte von Paris aus gespannt die »Befreiung Kambodschas« durch Pol Pot. Der Direktor wurde gemeinsam mit 300 Lehrern in eine Pagode nördlich von Phnom Penh gesperrt. Jeden Tag wurde eine Gruppe abgeholt und auf den Feldern erschossen. Eine Woche dauerte das, bis nur noch 30 Lehrer übrig waren. Der Direktor war einer von ihnen. So geschah es im ganzen Land. Mal waren es Pagoden, mal Schulen, Reisfelder oder Straßengräben. Umgebracht wurden Intellektuelle oder solche, die so aussahen. Menschen mit Brillen oder solche, die sich des Verbrechens, eine fremde Sprache zu sprechen, schuldig gemacht hatten, Städter, Schwache, Fragensteller.

Als Tep Kunnal zurück nach Kambodscha kam, arbeitete der Direktor schon zwei Jahre auf dem Feld, gekleidet in die von den Roten Khmer verordneten schwarzen Hosen und das schwarze Hemd, hungrig von morgens bis abends.

Der Direktor zündet sich eine neue Zigarette an. Er raucht Kette. Er verdient 50 Dollar im Monat, davon kann selbst auf dem Land keiner leben. Als Tep Kunnal vor vier Jahren zu ihm kam und ihn bat, Pol Pots Tochter an seiner Schule aufzunehmen und außerdem für ein Tagegeld in seinem eigenen Haus, da war er froh. »Ich dachte mir nichts dabei, das Kind kann ja nichts für die Geschichte.« Er wusste, dass Tep Kunnal eine hohe Position bei den Roten Khmer gehabt hatte. Aber darüber haben sie nie gesprochen. »Ich betrachte ihn immer noch als Freund«, sagt der Direktor.

Die Tätowierungen im Gesicht hat er sich nach der Befreiung 1979 selbst beigebracht, mit einer heißen Nadel. Er hoffte, dass sie ihm Glück brächten. Und Glück konnte er brauchen auf seinen täglichen illegalen Märschen über die Grenze nach Thailand, bepackt mit heimlich geschlagenem Tropenholz. Drei Jahre lang schmuggelte er. Irgendwann war seine ganze Brust tätowiert. Nie wieder wollte er auf der Seite der Opfer stehen. Damals, sagt er, habe er Rache gewollt. Nach all dem Leiden. Aber jetzt wolle er einfach nur sein Leben leben. Das UN-Tribunal gegen die Roten Khmer interessiere ihn nicht mehr, es komme zu spät.

Pol Pots Tochter zog bei ihm ein, und der Direktor sorgte dafür, dass man in ihrem Beisein nicht über Politik sprach. Da sie ihrem Vater aber wie aus dem Gesicht geschnitten war, mit dem gleichen breiten Kinn und den gleichen breiten Wangen, wurde sie immer wieder erkannt. Studenten kamen an ihre Tür, die mit ihr reden oder am Wochenende nach Malai fahren wollten, um ihr Zuhause zu sehen. Sie hat nie jemanden eingeladen.

Vom Unterricht hatte das Kind weniger zu befürchten. Von 1992 bis 2000 kamen die Roten Khmer in kambodschanischen Geschichtsbüchern nicht vor. 2001 wurden in die Bücher für die neunten Klassen sieben Zeilen eingefügt, in die der zwölften Klassen wurde eine Seite dazugegeben. Die Schuldfrage wurde ausgespart. Als man 2002 merkte, dass vergessen worden war, die ersten freien Wahlen angemessen zu erwähnen, flog das ganze Kapitel über die Roten Khmer wieder raus. Im Moment wird an einem neuen Schulbuch gearbeitet. In einem Land, dessen Präsident ein Roter Khmer war und dessen König mit ihnen zusammengearbeitet hat, ist Geschichtsschreibung eine heikle Sache.

Nur einmal konnte der Direktor das Kind nicht beschützen. Vor einem Jahr tauchten zwei Reporter der Cambodia Daily in seiner Schule auf, Sar Patchata lief ihnen in die Arme. Sie erzählte ihnen, dass sie oft an ihren Vater denke. Dass sie sich daran erinnere, wie sie auf seinem Schoß saß und er mit ihr spielte und sie umarmte. Dass er zu den von ihr am meisten respektierten Personen gehöre. Da sprach eine Tochter über ihren Vater, der sie verwöhnt hatte, wie es nur Großeltern tun. Ein Foto zeigt das Mädchen vor der Schule, mit Pferdeschwanz, in blauem Faltenrock, weißer Bluse, schwarz-weißen Gummilatschen. Sie lacht in die Kamera. Lor Chandera, der sie damals interviewte, sagt, sie habe einen sehr schüchternen und gehorsamen Eindruck gemachte. Als er sie nach dem Khmer-Rouge-Tribunal fragte, habe sie still zu Boden geschaut. Den Tod ihres Vaters am 15. April 1998 habe sie verschlafen, das hat sie dem Reporter noch erzählt. Ihre Mutter habe ihr aber gesagt, dass die letzten Worte ihres Vaters ihr gegolten hätten – dass er sich wünschte, sie möge fleißig studieren und ein guter Mensch werden.

An der teuersten Uni studiert Pol Pots Tochter Management

Sie wurde eine durchschnittliche Schülerin, genau wie ihr Vater. Sie hat es nicht unter die ersten zehn ihrer Klasse geschafft. Aber sie gehörte zu dem einen Prozent, das es sich leisten konnte, auf die Universität in Phnom Penh zu gehen. Dort, wo die Menschen Zeitung lesen und, wenn es um die Vergangenheit geht, nicht ganz so höflich und zurückhaltend sind wie auf dem Lande.