Wir brechen auf in Richtung Gegenwart. Es ist früh am Morgen, die Zeit, in der die jungen buddhistischen Mönche in ihren orangefarbenen Tüchern und mit den rasierten Köpfen wie in einer Prozession die Straße entlanglaufen, von Hütte zu Hütte, um Almosen bittend. Die Mönche tragen einen silbernen Topf vor sich, in den die Bauern Reis oder ein bisschen Fleisch füllen. Die Straße teilen sie sich mit dünnen weißen Kühen, die gemächlich von einer Seite auf die andere trotten, mit flatternden Hühnern und Enten und den großen Tüchern, auf denen die Reisbauern ihre Ernte zum Trocknen ausgelegt haben. Wer es sich leisten kann, hat einen Billardtisch im Staub unter seinem Stelzenhaus stehen. Mehrere verrammelte Caltex-Tankstellen liegen am Weg. Wer billiges Schmuggelbenzin tanken kann, der tankt kein teures. Fast so häufig wie Fahrräder sieht man am Straßenrand die Schilder von Ministerpräsident Hun Sens Cambodia’s People Party. Auf dem Land gewinnen sie ihre Wahlen.

Je näher die Hauptstadt Phnom Penh kommt, desto häufiger werden aus Strohhütten solche aus Holz und schließlich Steinhäuser. Aus offenen Fensterlöchern wird Plastikfolie, später Glas.

Dann wird es richtig teuer. Als Erstes fährt ein weißer Mercedes auf den Campus, es folgen ein schwarzer Jeep, ein grauer Lexus, ein Toyota. Die jungen Fahrer steigen aus, klemmen ihre Bücher unter den Arm und laufen ohne Eile auf das rosafarbene Hauptgebäude mit den verspiegelten blauen Fenstern über dem vergoldeten, traditionellen Khmer-Eingang zu. Wo bei anderen Universitäten in Phnom Penh Mofa-Parkplätze auf den Boden gemalt sind, sind hinter den Mauern der privaten Pannasastra-Universität Auto-Parkplätze markiert. Es ist die teuerste Universität Kambodschas, großenteils finanziert von den USA. Der Glückwunsch von George Bush senior an den Gründer und Präsidenten Kol Pheng hängt groß gerahmt im Hauptgebäude. Pheng hat zuvor für Bush in Texas gearbeitet.

Seit Oktober studiert Sar Patchata hier. Pol Pots Tochter wohnt mit fünf Freundinnen aus Malai zusammen. Weil ihr Stiefvater sie zu einer »einfachen Person« erziehen will, kommt sie jeden Morgen mit dem Mofa. Sie ist für Management eingeschrieben, im Moment sei sie jedoch damit beschäftigt, ihr Englisch zu verbessern, hatte Tep Kunnal gesagt – der Unterricht ist in Englisch. Sosehr er das Kind auch zur Patriotin erziehen will, so bewusst ist ihm doch, dass es ohne die Welt da draußen nicht geht.

Der Sekretär folgte dem Wunsch Pol Pots und verließ seine Familie

Tep Kunnal hat Pol Pots Tochter an die Pannasastra-Universität geschickt, weil er dem Gründer der Universität vertraut. Er kennt Kol Pheng aus den USA. Jetzt ist er Bildungsminister von Kambodscha, und er wird seine Stieftochter vor neugierigen Fragen beschützen wie zuvor der Direktor am Gymnasium. Läuft man über den kleinen Campus, sagen einem die Studenten, sie hätten gehört, dass das Kind eines hohen Rote-Khmer-Funktionärs an der Uni sein soll, Genaueres wissen sie nicht. Ein Student erinnert sich an die Geschichte aus der Cambodia Daily. Aber gesehen hat er das Mädchen noch nie. Unter seinem Namen ist es auch nicht im Computer registriert, wobei das mit den Namen in Kambodscha so eine Sache ist. In einem Land, in dem eine ganze Generation nicht lesen und schreiben kann, gibt es für alles Geschriebene mehrere Versionen. Auch für Namen. Wer es genau wissen will, der müsste die Immatrikulationsnummer eines Studenten wissen. Tep Kunnal wartet in einem Hotel in Phnom Penh. Ein Parteitreffen hat ihn in die Stadt gebracht.

Wir winken ein Mofa-Taxi heran. Es geht am pilzförmigen Unabhängigkeitsmonument vorbei, an den Häusern der NGOs, an der ersten Bank mit Geldautomaten, an Frauen, die Hähnchen auf der Straße braten, an Mofas, auf denen zwischen Vater und Mutter zwei Kinder klemmen, einem steckt der Schlauch einer Infusion im Arm, die seine Mutter an einem Holzstab über ihm baumeln lässt. Der Geruch der Verwesung aus überquellenden Mülltonnen mischt sich mit dem der Grillhähnchen und wird von den wenigen amerikanischen Jeeps verwirbelt, in denen die kambodschanische Elite die Straßen durchpflügt.

In der Hotellobby hört man Englisch, Französisch, Deutsch. Das Hotel ist sehr beliebt bei den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen. Sie kommen, um die Sesamstraße in Khmer zu übersetzen, um Büchereien auf dem Lande zu bauen, und nicht wenige kommen, um Kinder zu adoptieren. Vor der Tür stehen Rikscha- und Mofa-Taxi-Fahrer, die jeden, der das Hotel verlässt, sofort wie ein Schwarm einhüllen. »Tuck, tuck?«

Tep Kunnal sitzt ganz vorn auf der Kante des Sofas und sieht sich um. Kürzlich habe er die Records of the Historian gelesen, sagt er, das früheste Buch über chinesische Geschichte, darin stehe geschrieben: »Wenn die Sonne aufgeht, dann sollst du aufstehen. Wenn die Sonne untergeht, dann sollst du schlafen gehen. Und wenn du Wasser brauchst, dann sollst du einen Brunnen graben.«

»Wir aber«, fährt er fort, »beginnen nicht zu arbeiten, wenn die Sonne aufgeht, und wenn sie untergegangen ist, sind wir immer noch auf. Und wir graben auch keine eigenen Brunnen, wir verlassen uns auf die internationale Hilfe. Wir müssen uns wieder selbst helfen lernen, wir müssen ohne die internationale Hilfe auskommen. Das muss sich ändern.« Um das zu beschleunigen, gräbt sich Tep Kunnal immer tiefer in die Politik hinein und fährt immer häufiger in die Hauptstadt. Er will die Studenten nach ihrem Studium in der Stadt aufs Land schicken, um den Bauern zu zeigen, wie sie effizienter und erfolgreicher sein können. »In den ersten Jahren wird es sehr hart für sie werden, man muss eine sehr demütige Person sein und viele Entbehrungen auf sich nehmen, um auf dem Land zu leben.« Aber letztendlich sei man dort glücklicher. Das habe er auch seiner Stieftochter gesagt. Er weiß, wovon er spricht.

Tep Kunnal verließ New York 1993. Die Mauer in Berlin war 1989 gefallen, der Kalte Krieg beendet, Russland und Amerika näherten sich an. Die USA sahen keinen Nutzen mehr darin, die Roten Khmer zu stützen. 1991 hatten alle Kriegsparteien in Kambodscha einen Friedensvertrag unterschrieben. Die Roten Khmer versanken in der Bedeutungslosigkeit, und so orderte Pol Pot Tep Kunnal zurück nach Kambodscha. Kunnals Frau und Tochter wollten aber nicht. Familie oder Pol Pot. Tep Kunnal entschied sich für Pol Pot. Im April 1993 stiegen die Roten Khmer aus dem Friedensvertrag aus. Der Kampf ging weiter.

Die regierende Cambodia’s People Party hat Tep Kunnal vor drei Jahren zum District Chief von Malai gemacht. Und das, obwohl die Partei vorsichtig sein muss, wenn sie immer mehr Rote-Khmer-Kader in die Politik holt. Sie setzt damit die Unterstützung der Landbevölkerung aufs Spiel. Denn jeder weiß, dass die Roten Khmer ihre Waffen 1997 nur abgelegt haben, weil man ihnen gute Posten in der Regierung und im Militär angeboten hatte. Vielleicht auch deshalb unterschrieb die Regierung vor anderthalb Jahren schließlich das Abkommen über ein Rote-Khmer-Tribunal. Es sollen allerdings nur diejenigen gerichtet werden, die wirklich schwere Verbrechen verübt haben. Man rechnet mit etwa zehn Angeklagten. Tep Kunnal wird nicht dazugehören. Die UN werden 43 Millionen Dollar bereitstellen, Kambodscha sollte eigentlich 13,3 Millionen beisteuern. Ministerpräsident Hun Sen reduzierte sein Angebot jedoch auf 1,5 Millionen. Die Rolle des Aufklärers gefällt ihm, nur die Aufklärung will er nicht. Obwohl die Geldfrage noch nicht geklärt ist, haben die UN im Dezember ein Hauptquartier bezogen, von dem aus im Februar ein siebenköpfiges Team seine Arbeit begann. Denn nicht mehr lange, und die letzten Anzuklagenden sind tot.