Tep Kunnal will sich zum Tribunal nicht äußern. Erst nach mehrmaligem Nachfragen antwortet er mit einer Gegenfrage: »Geht es bei diesem Tribunal um wirkliche Gerechtigkeit? Welche Gerechtigkeit kommt dort zum Tragen, die von damals oder die von heute? Und was ist Gerechtigkeit überhaupt?«

Dass der Sekretär nun die 36000 Menschen im Distrikt Malai unter sich hat, das läge, munkelt man in Phnom Penh, auch an dem ganzen Geld, dass Tep Kunnal durch die Heirat von Pol Pot geerbt habe. Denn die Partei braucht Geld, um die Landbevölkerung bei der Stange zu halten, und Pol Pot, vermutet man, hat ein Vermögen besessen. Geld aus China und den USA.

Seine Tochter aus erster Ehe hat Tep Kunnal seit seiner Rückkehr nach Kambodscha nicht wieder gesehen. Seine Frau und die Tochter sind in den USA geblieben. Man schreibt sich. Der Sozialist aus Kambodscha, der nun nicht mehr nach Amerika einreisen darf, und die Redakteurin des amerikanischen Food & Wine Magazine, die von ihrer Heimat Kambodscha nichts wissen will.

Tep Kunnal hat nie aufgehört, von einem selbstständigen Arbeiter- und Bauernstaat zu träumen. In einem Land, in dem 80 Prozent der Menschen auf dem Land leben, eine nicht völlig abwegige Idee. Nach Pol Pots Blut-und-Boden-Kommunismus will er es jetzt mit den Ideen von Friedrich Wilhelm Raiffeisen probieren. Er hat eine »Bauern-Genossenschaft« gegründet, denn obwohl die Bauern täglich auf ihren Reisfeldern stehen, schaffen sie es nicht, mehr zu produzieren, als zum Überleben nötig ist. Im Gegenteil, ihr Profit wird immer kleiner, denn in Thailand ist nicht nur das Bewässerungssystem effizienter, auch die Saat-, Dünge- und Erntemethoden sind es.

Kunnal will die Bauern in seiner Genossenschaft Gemüse für die Touristen anpflanzen lassen. Spargel etwa, den die Hotels in Phnom Penh bislang aus Thailand importieren. Mit Mikrodarlehen, die er an die Bauern ausgeben will, sollen sie moderneres Erntegerät kaufen. Aber die Bauern wollen nicht. Sie haben das Vertrauen in Organisationen durch Leute wie den Sekretär verloren.

In Malai ist die Vergangenheit zu präsent, um der Zukunft eine Chance zu geben. Und in Phnom Penh ist die Gegenwart zu degeneriert, als dass sie der Zukunft genug Luft zum Atmen ließe. In einem feinen hölzernen Khmer-Restaurant, im luftigen ersten Stock, macht sich im Schneidersitz, während ein plötzlicher, heftiger Regenschauer niedergeht, die erschöpfte Esther darüber Luft, wie die Hilfsorganisationen, für die sie seit Jahren in Kambodscha arbeitet, dem Land nach und nach den Hals zudrehen. Diesem kleinen Land mit einer Vergangenheit, die so groß und grausam ist, dass die UN 1992 den größten und teuersten Einsatz ihrer Geschichte begannen.

Sie spannten ein überwältigendes Netz an Entwicklungsorganisationen, das vom Gesundheitssystem über die Infrastruktur bis zum Schulsystem keinen zivilen Bereich ausließ. Diese Prothesen aber stecken Kambodscha nun so im Leibe, dass das Land bei jedem Schritt vorwärts zusammenzubrechen scheint. Ohne diese Prothesen kann es nicht leben. Aber mit ihnen verliert es zunehmend sein Gleichgewicht. Das macht sogar Trippelschritte unmöglich. Im Moment arbeitet Esther im Auftrag von Unicef für das Ministerium für Frauenangelegenheiten an einer Aids-Aufklärungskampagne, und jeden Tag sieht sie das Unfassbare. Dass ihre kambodschanischen Mitarbeiter nicht da sind, weil sie wieder auf Fortbildungen anderer Hilfsorganisationen sind.

Das sei, beeilt sie sich zu sagen, an sich ja leidlich erträglich, sie müsse dann eben die Arbeit so lange allein tun. Stelle sich aber heraus, dass kaum eine dieser Fortbildungen etwas mit ihrer Arbeit zu tun habe, dann sei es doch ärgerlich. Erst recht, wenn man den Grund für die Wissbegier der Mitarbeiter kenne. Die Konkurrenz unter den Hilfsorganisationen sei mittlerweile so groß, dass sich jede rechtfertigen müsse. Die einzige Art, Erfolg zu messen, sei es aber, die Teilnehmer all der Fortbildungen zu zählen. Und damit die Stühle voll würden, hätten die Organisationen irgendwann begonnen, die Kambodschaner für ihre Teilnahme zu bezahlen. Wer das meiste zahle, egal ob es um Landbau oder Computer gehe, der könne mit dem größten Interesse rechnen – also einer Fortsetzung des Hilfsprogramms. So würden die Kambodschaner von Tag zu Tag träger und träger. Esther holt tief Luft. In vier Monaten wird sie das Land verlassen und ihren nächsten Job in Bangladesch beginnen.

Tharum Bun hingegen wird in Phnom Penh bleiben. Und vielleicht ist Tharum Bun wirklich alles, was Kambodscha an Zukunft hat. Er ist 23 Jahre alt und zart wie ein Mädchen. Er trägt schwarze Flipflops, Jeans und ein kurzärmeliges Hemd, wie alle hier. Er fällt jedoch durch eines auf: Tharum ist immer pünktlich.

Momentan sitzt er im Internet-Café, nimmt einen Schluck vom Wasser, das der Besitzer gratis hinstellt und das alle Ausländer wohlweislich stehen lassen. Rechts neben ihm googelt ein junger Mönch, links checkt ein englischer Tourist die Spielergebnisse von Arsenal London. Die Stunde kostet 2000 Riel – 50 Cent. Draußen ächzt der dichte Phnom Penher Mofa-Verkehr, heisere Hupen krakeelen um Aufmerksamkeit, denn wer nicht hört, der muss fühlen. Die einzige ersichtliche Verkehrsregel lautet: Der Stärkste gewinnt.

Der erste Blogger des Landes träumt von einer Reise um die Welt

Neulich haben sie Tharum vor seinen Augen die gebrauchte Honda geklaut. Das waren mehr als zwei Monatslöhne, 700 Dollar, und Tharum verdient gut mit seinem Computerjob bei einer Hilfsorganisation. Er zahlt die Studiengebühren seiner Schwester, die anderen fünf Geschwister gehen noch zur Schule oder helfen dem Vater. Die Eltern hat man unter Pol Pot zwangsverheiratet, sie haben offenbar das Beste daraus gemacht. Gemeinsam mit der Oma wohnen sie nun auf 50 Quadratmetern, über dem kleinen Fotoladen des Vaters mit dem großen bunten Konica-Werbeschild am lauten Monivong Boulevard.