Tharum ist ein nerd, wie man auf einem amerikanischen Schulhof sagen würde. Einer, dem eine französische Familie die Schule finanzierte, der schon als Schüler für internationale Hilfsorganisationen arbeitete und dort Englisch und Ehrgeiz lernte. Einer, der Wirtschaft studiert hat und doch nur an das eine denkt: Computer und Technik. Der noch nie eine Freundin hatte und Tee lieber trinkt als Bier. Tharum ist die lichte Seite des Hilfsnetzes. Er hat es geschafft, daran hochzuklettern, und will Anschluss an den Rest der Welt. Tharum träumt davon, Phileas Fogg zu sein – wie er einmal um die Welt zu reisen. Und ginge es nach ihm, könnten es ruhig ein paar mehr Tage als 80 sein. Zurzeit reist Tharum noch virtuell. Er ist der erste Blogger Kambodschas.

Der schmale Junge ist einer von zehn Prozent Kambodschanern, die das nötige Englisch sprechen, um überhaupt Computer nutzen zu können, denn bislang gab es keine Software in der Landessprache Khmer. Nur 25 von 10000 Kambodschanern, schätzte die International Telecommunication Union 2003, benutzen das Internet. Kambodscha hat die geringste Internet-Nutzung in ganz Asien. Die Organisation, für die Tharum arbeitet, übersetzt gerade Open-Source-Software – freie, kostenlose Software – in Khmer. Microsoft ist an dem kleinen Markt Kambodscha nicht interessiert, wo sich ohnehin keiner legale Software leisten kann.

Tharum liest im Netz englische und amerikanische Zeitungen, die zu kaufen in Phnom Penh viel zu teuer wäre. Er selbst berichtet im Internet von seinem Leben, obwohl er weiß, dass er längst nicht alles schreiben darf. Denn sein Land wird zusammengehalten von einer dichten Schicht des Schweigens. Die Landrückgabe an Vietnam durch Präsident Hun Sen ist tabu. Korruption ist tabu. Die illegalen Geschäfte der Politiker sind tabu. Wer diese Mauer durchbricht, dem kann es gehen wie der Organisation Global Witness, die über die Verstrickungen von Politikern in das illegale Abholzen des Dschungels berichtete und daraufhin des Landes verwiesen wurde.

Da Bloggen in Kambodscha gerade erst angekommen ist, gibt es in diesem Bereich noch kaum Zensur. Die von Präsident Hun Sen initiierte Verhaftungswelle in den vergangenen Monaten war noch jedes Mal eine Reaktion auf Äußerungen im Radio oder bei öffentlichen Veranstaltungen. Obgleich Artikel 41 der kambodschanischen Verfassung die Meinungsfreiheit garantiert.

Tharum ist die Zukunft, und er will, dass die Vergangenheit endlich öffentlich gerichtet wird. »Wir müssen unseren Gerichten wieder trauen können. Wie sonst sollen wir lernen, dass die Gerechtigkeit und nicht der Stärkere gewinnt?«

Er surft auf seinen Blog www.tharum.info. Die Internet-Verbindungen sind auch in der Hauptstadt nicht schneller als in der Provinz. Auch hier sind die Computer alt, kunstvoll verkabelt und mit so viel illegal kopierter Software beladen, dass sie schon deshalb zu ächzen scheinen. Alles dauert ewig.

Tharum betrachtet den Eintrag, der vor ihm erscheint. Er ist vom Tag, als die Aufregung um jenen Amerikaner namens Graham begann, der auf die Idee mit dem Euthanasie-Tourismus kam. Seine Überlegung war einfach: Kambodscha braucht Geld. Touristen haben Geld, ältere mehr als jüngere. Kambodscha braucht Arbeit. Altenpflege könnte viele Arbeitsplätze schaffen. Die Erinnerung an Folter und Pol Pot ist noch frisch – welches Land kann das Angebot eines schmerzfreien Todes also besser verstehen als Kambodscha, dachte Graham. Ein Verbot gab es nicht. Über den freiwilligen Tod hatte sich in Kambodscha weiß Gott noch keiner Gedanken gemacht. Für 30 Dollar im Monat mietete Graham bei Google eine Web-Seite und nannte sie »Euthanasie in Kambodscha«. Keiner nahm davon Notiz. Dann starb eine Engländerin, und Graham meldete den Selbstmord der Polizei. Die Cambodia Daily berichtete, die Polizei befragte, der Gouverneur ließ das Café schließen – weil die anderen Ausländer mit ihren Gästehäusern um ihr Geschäft fürchteten.

Tharums Eintrag ist der höfliche Kommentar eines höflichen Kambodschaners, der darauf hinweist, dass Kambodschaner noch dabei seien, die grundlegenden Menschenrechte zu erlernen, und dass die Diskussion über das Recht auf einen organisierten Freitod da wirklich noch etwas früh komme. Er wurde in der Cambodia Daily abgedruckt. Tharum ist sehr stolz darauf.

Mittlerweile ist Grahams Internet-Seite wieder online. Anklage ist nie erhoben worden. Die Presse berichtet nicht mehr, die Touristen kommen weiterhin, das Geschäft läuft, die Freiheit ist wieder grenzenlos. Jeder macht, was er will. So lange, bis er einem Stärkeren in die Quere kommt. Das Schlimmste, was Kambodscha passieren kann.

Tep Kunnal ist längst wieder in Malai angekommen. Bald will er Bäume entlang der Straße pflanzen, damit sie nicht mehr so fürchterlich staubt. Das muss reichen, bis der Asphalt, bis die Zukunft in den Norden von Kambodscha kommt.