Ganz im Norden von Kambodscha, wo es keinen Asphalt mehr gibt, nur noch wogende Reisfelder, dort liegt ein Dorf, in dem die Malaria wohnt. Dort gehen Frauen zu Wahrsagern, und Männer lassen sich lange Haare aus den Warzen wachsen. Dort ist der Dschungel von Thailand nur einen Steinwurf entfernt. Im schönsten Haus des Dorfes leben Mea Som und Tep Kunnal, die Frau von Pol Pot und sein letzter Sekretär. Seit Pol Pot tot ist, schlafen beide in einem Bett, seitdem ziehen sie Pol Pots einzige Tochter auf. Ganz im Norden von Kambodscha, in Malai, lag das Herz der Finsternis. Eine Tankstelle in Kampot im Süden BILD

Je näher die rote Piste dem grünen Dschungel kommt, desto häufiger liest man »Minefield cleared«. Hier im Norden hat Pol Pot, einer der gnadenlosesten Massenmörder des letzten Jahrhunderts, am längsten versucht, sein Volk mit Arbeitslagern und Folter umzuerziehen.

Die Einfahrt zum Haus des Sekretärs säumt links eine Hecke, rechts ist sie sauber mit Blumentöpfen eingefasst. Ein ungewöhnlich ordentlicher Anblick in dieser Gegend, in der Dörfer aussehen wie wilde Campingplätze. Im offenen Erdgeschoss sitzt der Sekretär an einem großen Holztisch, der oberste Hemdknopf steht offen, vor sich einen Notizblock und ein Glas Wasser. Obwohl die Sonne längst untergegangen ist, ist es noch sehr schwül in Malai. Die Moskitos summen müde um die elektrische Metalllampe, und selbst der Echse scheint es zu anstrengend, sich zu bewegen. Sie hängt reglos unter der Decke. Auf der Treppe zur Küche sitzt still ein Mädchen, durch die offene Tür im ersten Stock sieht man Pol Pots Witwe im gelben T-Shirt und bunten thailändischen Wickelrock über ihre Töpfe gebeugt. Irgendwo bellt ein Hund. Es ist, als stehe die Zeit still an diesem Ort am Ende der Welt. BILD

Tep Kunnal ist ein feingliedriger Mann. Er bittet darum, Khmer zu sprechen. Obwohl er 13 Jahre lang in den USA gelebt hat, will er die Sprache seines Landes gebrauchen. Auch wenn dies dazu führt, dass er den Übersetzer immer wieder verbessern muss, freundlich, bedächtig. Wie bei einem Schattenboxer ist jede seiner Bewegungen überlegt und langsam, als seien sie die Wörter in einem Gedicht.

Das Versprechen, sich um seine Tochter zu kümmern, hatte Pol Pot seinem Sekretär kurz vor seinem Tode 1998 abgenommen. Damals lebten beide versteckt in den Bergen an der Grenze zu Thailand. »Pol Pots Haus stand am Rand einer Klippe, 400 Meter über einer perfekten Ebene, die sich bis zum Horizont erstreckte. Es gab eine Terrasse, auf der er am Abend saß, von einer eisernen Balustrade begrenzt und von Kletterpflanzen und Orchideen beschattet, die in Kokosnussschalen von den Bäumen hingen«, schreibt Philip Short in seiner Pol-Pot-Biografie. BILD

An diesem idyllischen Ort erarbeiteten sie Pläne und Taktiken, wie Pol Pots Rote Khmer wieder an Einfluss gewinnen könnten. 19 Jahre zuvor, 1979, waren sie von den Vietnamesen besiegt worden, nachdem sie vier Jahre lang das Land zu Tode gemartert hatten. Den neuen Menschen hatte Pol Pot schaffen wollen, einen besitzlosen Bauern, der ganz und gar der Partei gehörte. Dazu musste der alte Mensch sterben. 1,7 Millionen kamen zwischen 1975 und 1979 um.

Jeden Tag diktierte Pol Pot dem Sekretär sein Leben in dem Orchideenhaus, vier Jahre lang, 18 dicke Hefte voll. Und als das letzte Wort geschrieben war, fragte er ihn: »Wäre es dir möglich, dich um meine Tochter zu kümmern?« Die Roten Khmer kämpften damals um ihre letzten Stellungen, Pol Pot kämpfte mit Krebs und Herzproblemen.

Das Kind stammte aus Pol Pots zweiter Ehe. Nachdem die erste kinderlos geblieben war, hatte er sich 1984 zwei junge Frauen aus einem weiblichen Transport-Bataillon der Roten Khmer zur Ansicht schicken lassen. Die 22-jährige Mea Som, ein Bauernmädchen, groß und mit einem schönen Körper, gefiel ihm. Er machte sie zu seiner Köchin und ein Jahr später zu seiner Frau. Als Pol Pot 1998 starb, löste der Sekretär sein Versprechen ein. Er ließ sich von seiner eigenen Frau scheiden, heiratete Pol Pots Witwe und zog mit ihr und dem nun zwölfjährigen Kind nach Malai. Das Kind war das Einzige, was von Pol Pot geblieben war – die 18 diktierten Hefte gab es nicht mehr: Sie waren verbrannt, als Regierungstruppen das Lager entdeckt und zerstört hatten.

Tep Kunnal ist heute 54 Jahre alt, sein Leben ist dem Pol Pots ähnlich wie kein zweites. Wie Pol Pot verbrachte Tep Kunnal seine Kindheit in Phnom Penh, bei einem Vater, »der mich den Nationalismus lehrte und den Hass auf die Vietnamesen«. Nach dem Gymnasium erhielt Kunnal wie Pol Pot ein Stipendium für Frankreich. Wie Pol Pot traf er dort seine erste Frau und lernte den Sozialismus kennen. Kunnal schloss sein Studium jedoch ab und kehrte 1977 in das kommunistische Kambodscha zurück, das Pol Pot mittlerweile errichtet hatte. »Ich dachte, der Sozialismus sei das beste Mittel, Kambodscha zu entwickeln. Ich wollte meinem Land helfen, und dafür war ich bereit, jedes Mittel einzusetzen«, sagt Tep Kunnal.

Und die 1,7 Millionen Toten, die Killing Fields, die Konzentrationslager – alles nötige Mittel?

Mit seiner leisen, sanften Stimme, als erkläre er einem Kind eine sehr schwere Aufgabe, sagt der Sekretär: »Ich habe mit Pol Pot darüber gesprochen. Wir haben die Tötungen wahrgenommen, aber wir wussten nicht, wer sie begangen hat. Das war nicht die Politik der Führung. Die Macht der Roten Khmer bestand aus zwei Faktoren. Den Bauern und ihrer militärischen Stärke sowie den Intellektuellen und der Idee. Als wir unser Ziel, die Befreiung Kambodschas, 1975 erreicht hatten, haben sich die Bauern jedoch verändert. Das haben wir nicht vorausgesehen. Die Bauern entwickelten eine Art Feudalismus, und der hat sie sehr böse gemacht.«

Der Sekretär faltet seine Hände, seine gepflegten, schmalen Finger geben ihm etwas Bittendes, fast Versöhnliches, und mit einem scheuen Lächeln, in dem ihm eigenen höflichen Tonfall sagt er: »Ich denke, was wir damals gemacht haben, das war korrekt. Ich habe keine Reue.« Und dann fügt er hinzu: »Verstehen Sie bitte, aber ich möchte jetzt nicht mehr über die Vergangenheit sprechen.«

Diese Mischung aus Sanftheit und Grausamkeit nimmt einem dem Atem, und eine dichte Schicht Schweigen legt sich auf alles.