Kunstmesse Mit dem Privatjet zum Einkaufen
Die Kunstmesse in Maastricht zieht Scharen solventer Privatsammler an, aber auch Kuratoren der großen Museen
Die Maastrichter European Fine Art Fair (Tefaf) hat sich in diesem Jahr noch einmal selbst übertroffen. Im 19. Jahr ihres Bestehens gelang der Messe, was kaum noch möglich schien. Denn das Unternehmen, das in seiner Anfangszeit von der damals marktführenden Westdeutschen Kunstmesse in Köln noch als provinziell belächelt wurde, hat inzwischen alle Kunst- und Antiquitätenschauen so weit überflügelt, dass es zu seinem eigenen Maßstab geworden ist.
Der sagenhafte Aufstieg der Tefaf ist allerdings nicht das Verdienst der sehr engagierten Messegesellschaft MECC. Die Tefaf ist eine Non-Profit-Organisation und nach den Möglichkeiten des niederländischen Rechts als Stiftung eingetragen. Das gibt dem Board of Trustees die Möglichkeit, die Qualität der ausgestellten Ware zum Kriterium zu machen und nicht die Rentabilität der Veranstaltung. Welche Wirkung eine solche Herangehensweise haben kann, zeigt der Auftritt von 218 internationalen Kunsthändlern in den Bereichen Antike, Antiquitäten, Malerei, Zeichnungen, Buchkunst, Schmuck und – in diesem Jahr auftrumpfend – klassische Moderne.
Mit der Angabe erzielter Preise hielten sich viele Händler vornehm zurück. Aber es sprach sich schnell herum, dass nicht etwa Rembrandts Porträt des Apostels Jakobus des Älteren, das für 45 Millionen Dollar verkauft wurde, das teuerste Gemälde der Messe war, sondern ein Picasso von 1923 für die doppelte Summe. Das 1,50 Meter große quadratische Gemälde L’entretien stand zwar nicht zum Verkauf. Es assistierte aber einem wunderbaren Porträt der Comtesse d’Haussonville von Ingres aus dem Jahr 1842 und wird vielleicht einmal zu einem späteren Zeitpunkt an ein Museum gehen.
Museumsdirektoren und Kuratoren aus aller Welt gaben sich ein Stelldichein in Maastricht, von der Frick Collection New York über das Smithsonian Institute in Washington, die Honolulu Academy of Arts und das finanzkräftige Getty Museum in Los Angeles bis zum Israel Museum Jerusalem. Das Deutsche Historische Museum Berlin entschied sich für das Aquarell The Battle of Austerlitz at Four o’clock in the Afternoon von Jean Fort aus dem Jahr 1806. Die zügigen Verkäufe »ab Vernissage« gingen jedoch zum größten Teil auf das Konto privater Sammler, von denen sich in den ersten vier Tagen 169 mit dem Privatjet einfliegen ließen. Jubiläen oder Großausstellungen sind den Verkäufen immer förderlich. Im 300. Geburtsjahr von Johann Joachim Kändler, dem Meißener Chefmodelleur, ließen sich 30 von 33 Theaterfigurinen bei Angela Gräfin Wallwitz ganz schnell veräußern. Der seit 35 Jahren mit Rembrandt-Grafiken handelnde Helmut Rumbler zollte dem 400. Geburtstag des Niederländers seine Reverenz und setzte eine Ansicht von Amsterdam um 1640 an einen deutschen Sammler ab, für 120000 Euro.
Das Tefaf-Angebot kennt kaum Grenzen: Bei der Galerie Neuse (Bremen) war ein Thronsessel von August dem Starken von 1697 zu bestaunen. Bei Kugel (Paris) erinnerte ein Paar 2,70 Meter hohe feuervergoldete Bronzekandelaber von Pierre-Philippe Thomire an die Pracht des französischen Hofes zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie könnten bei entsprechender Raumhöhe aufs schönste das Souper de Pierrot von Jules Defossé beleuchten, einem Meister der Tapetenkunst aus dem Jahr 1855. Der etwa 2 mal 2,50 Meter große Holzdruck fand sich bei Carolle Thibaut-Pomerantz (Paris), einer der wenigen Spezialistinnen für antike Tapeten.
Man spaziert auf der Tefaf mühelos durch die Kultur- und Kunstgeschichte, sieht Kunstkammerobjekte, Altmeistergemälde, fernöstliche Skulpturen, Siebdrucke von Andy Warhol, Fotografien von Candida Höfer und ausgefallenes Design. Dort und bei den Galerien, die der klassischen Moderne verpflichtet sind (etwa Gagosian, Pace Wildenstein und Schönewald), trifft man die von den Tefaf-Organisatoren verstärkt ins Visier genommene jüngere Sammlerklientel an. Erstmals geladen war die Galerie Downtown (Paris) mit Design aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, so einem Lesetisch von Charlotte Perriand und Jean Prouvé für 1,5 Millionen Euro. Frans Leidlmeijer (Amsterdam) hatte seinen Stand nur mit Stühlen von Gerrit Rietveld und den hochpolierten Aluminiumsitzen und -liegen von Ron Arad bestückt (bis zu 200000 Euro). Die stolze Selbstbehauptung der Tefaf zog in diesem Jahr bereits in den ersten Tagen 20 Prozent mehr Besucher an als im Vorjahr.
Bis 19. März, Maastricht Exhibition Center, www.tefaf.com , Eintritt 40 € inklusive Katalog
- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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