Literaturbeilage Wunderbare Wiederkehr der Poesie
Die Gegenwartsliteratur kriselt in Banalität und Alltäglichkeit vor sich hin? Wilhelm Genazino hat da eine Idee
Was ist eigentlich faul? So viele gute Romane, Jugendgeschichten, Vater-Sohn-Dramen, Vater-Tochter-Dramen, mit Migranten- und ohne Migrantenhintergrund, Berlin-Romane, Leipzig-Romane, Stipendiaten-Romane, Internats-Romane, von allem etwas, alles beachtlich. Aber richtig begeistert ist niemand. Nicht einmal verärgert. Was fehlt?
Wilhelm Genazino würde sagen: Es fehlt die Poesie. Ohne Poesie ist die Prosa erledigt. Ohne Poesie kleben die Geschichten an den Butzenscheiben des Banalen und gelangen nicht ins Freie. Ohne Poesie ist jede Geschichte einfach nur eine Geschichte mehr. Ohne Poesie bleiben wir da, wo wir sind.
Aber was ist Poesie? Wilhelm Genazino erklärt es uns in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen. Poesie, sagt er, ist aufgestaute Zeit. Pathetisch gesagt: Es ist Zeit, in die sich der Tod eingenistet hat, Zeit, deren Oberfläche zerrissen ist, in die Staub eingerieselt ist, die Spuren der schon stattgehabten und ständig weiter statthabenden Vernichtung des Lebens trägt. Man könnte vielleicht auch sagen: Poesie kommt auf, wenn man sich über die Menge der in den Dingen aufgestauten Zeit wundert. Oder zumindest wundern will. Genazino sagt etwas schöner: wenn man in »Magieerwartung« ist.
Dagegen ist einzuwenden, dass die entzauberte Welt von heute einem Autor, der sich wundern will, einem Autor in Magieerwartung wenig zu bieten hat. Dass ganz im Gegenteil der seinerseits entzauberte, zeitgemäße Autor sein Brot gerade mit der radikalen Zertrümmerung jeglicher Magieerwartung verdient. Und dass sich darüber hinaus die Zeit in den Plastikteilen unseres Lebens schlecht verfängt, dass sich auf den abwaschbaren Oberflächen nichts Abgelebtes »aufstaut« und deswegen auch nicht poetisch »entstaut« werden kann.
Das alles ist Wilhelm Genazino, der kein ganz zeitgemäßer Autor sein will und der in seinen Vorlesungen ungeniert Proust, James Joyce, Virginia Woolf, Walter Benjamin und Theodor W. Adorno zitiert, durchaus bewusst. Die letzte Vorlesung befasst sich deswegen mit der Frage, »ob uns die Schwierigkeiten der Spätmoderne überhaupt noch individuelle Augenblicke, welcher Bauart auch immer, erlauben«. Er ist da durchaus pessimistisch. Die großen transzendierenden, poetischen Erlebnisse – die Epiphanien –, von denen bei Proust, bei Joyce die Rede ist, waren nicht voraussetzungslos. Ihre erste und vornehmste Voraussetzung war ein Subjekt, das eine authentische Erfahrung macht. Davon können wir heute nicht mehr ausgehen.
Gibt es heute überhaupt noch individuelle Augenblicke?
- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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