Literaturbeilage Schlimme brave Welt
Katharina Hackers überzeugender Zeitroman »Die Habenichtse«
Von der Macht der Gefühle handelt Katharina Hackers Roman Die Habenichtse , einer Macht, mit der sich jede Generation, begleitet von einer schönen Tristesse, herumschlägt. Einer Tristesse, die kommt und vergeht und der großartigste Impulsgeber unserer Literatur ist. Katharina Hacker gefällt sich aber keineswegs in den Capricen des Lamentos. Sie beschreibt eine Bedrohung. Ein paar wohl situierte und ein paar heruntergekommene junge Leute treffen falsche Entscheidungen, sie scheitern an der Liebe und ihren Möglichkeiten. Scheitern an der Liebe? Ist das alles? Dies Scheitern ist ein Zeichen von sehr viel mehr.
Seit neun Jahren rückt Katharina Hacker in ihren Büchern von der Peripherie ins Zentrum vor. Ein gewissenhafter Parcours. Ihre Aufmerksamkeit trainierte sie zuerst in der Stadterzählung Tel Aviv und in anspielungsreichen Texten über die griechische Mythologie. Im Bademeister steigerte sie sich vor sechs Jahren und rückte erstmals ganz nah an einen Menschen. Mit Eine Art Liebe kam 2003 ein sehr privates Buch auf den Markt. In den Habenichtsen verlässt sie ihre letzten Verstecke, alle Sicherungsketten sind gekappt und die Privatmythologien überwunden.
Ein Jahr vor ihrem 40. Geburtstag greift die in Berlin lebende Autorin ohne Wenn und Aber in die verwirrende Gegenwart. Sie wählt für diesen Sinkflug nicht irgendein Datum, sondern die Zeit nach dem 11. September 2001. Katharina Hackers zeitgenaues Bild fixiert Gegensätze und Übereinstimmungen, aufgeteilt in die unverwüstliche Dualität von Gut und Böse, bürgerlich und asozial, fleißig und verwahrlost. Die Autorin bleibt immer die Beobachterin, distanziert, gnadenlos; auch da, wo es kaum noch geht, in einem Milieu aus Dreck, Blut, Pisse und Drogen, hält sie der Härte stand.
Die Stadt wird zum nächtlichen Echoraum der Angst
Wer »in ein offenes Fenster schaut«, sagt Baudelaire, »sieht nie so viele Dinge wie einer, der auf ein geschlossenes Fenster blickt«. Jakob, der junge Rechtsanwalt, und Isabelle, Grafikerin in einer Berliner Kleinfirma, kommen aus bürgerlichen Milieus mit schwindenden Standards. Wenn es eine Chiffre für weiblichen Kaufrausch gibt, dann sind es die Schuhe. Schuhe mit Halbmondabsätzen, kirschrote Lederstiefel, heikle Pumps. Isabelle kauft sie, als hätte sie ein schlechtes Gewissen sich selbst gegenüber, und läuft doch mit verdreckten Turnschuhen durch die Stadt. Berlin, das sieht man wieder mal deutlich, ist in den letzten Jahren »ab-« und »ausgeschrieben« worden. Auch Katharina Hacker bekommt da keinen neuen Blick hin. Sie ist aber so klug, den Schauplatz zu verlegen. Jakob wird anstelle eines im World Trade Center umgekommenen Kollegen in eine Londoner Kanzlei berufen. Die Stadt, oder besser ihre Rückseite, denn Isabelle und Jakob ziehen in ein Haus im armen Londoner Norden, ist das Gelände langer Spaziergänge, die Großstadt, fern der Big-Ben-Kulisse, gleicht vielen anderen Großstädten, sie ist der nächtliche Echoraum der Angst.
Katharina Hacker platziert Gegensätze Wand an Wand. In dem einen Haus in der Lady Margaret Road wohnen Jakob, »einer von denen, die nach dem Einkaufen die Brieftasche so nachlässig einstecken, dass es nicht einmal Spaß machte, sie zu stehlen«, und die attraktive Isabelle. Nebenan haust ein brutaler Säufer mit Frau, der kleinen Sara und dem halbwüchsigen Dave, dazu Polly, die Katze. Beide Nachbarn sind auf ihre Weise »Habenichtse«. Das gewalttätige Drama auf der einen, emotionale Fragilität und fehlende Empathie im nächsten Haus.
Etwas läuft falsch, das ahnen alle, sind aber unfähig zu reagieren, unsicher oder beides. Saras Eltern fehlt jedes Pflichtbewusstsein. Jakob und Isabelle fliehen vor sich selbst. Jeder fühlt sich von etwas anderem angezogen. Sie sind sich dessen aber kaum bewusst, weil die Tage, äußerlich betrachtet, »wie Handschuhe« passen. Jakob fühlt sich vom wunderbaren Mr. Betham angezogen, Chef der Sozietät, Grandseigneur mit Blume im Knopfloch, eine sehr britische Erscheinung, von Geburt deutscher Jude, ein liebenswürdiger Homosexueller.
Isabelle wünscht, ohne es zu wissen, Gefahr und Gewalt
Isabelle sehnt sich nach dem wüsten Jim, der mit ihr ein menschenverachtendes Spiel treibt, sie reizt und wegstößt. Isabelle erinnert Jim an seine verschollene Geliebte. Jim ist böse und aggressiv aus Sehnsucht, Isabelle zieht, ohne dass sie sich das eingesteht, Brutalität und Gefahr an. Bei dem gemäßigten Jakob vermisst Isabelle den Mut für heftige Gefühle; das gemeinsame Leben entgleitet ihnen. Isabelle redet wenig und antwortet knapp. Katharina Hacker zeigt an ihren Bewegungen, ihrem Gang, ihren Blicken, wer sie ist und weshalb sie nicht Andras, der sie liebte, gefolgt ist.
Gegen diese Gefühlsstockungen und -verschiebungen setzt die Autorin Dave, Sara und die Katze. Zurückgeblieben und verstört, ist Sara mehr ein Symbol als ein Mensch, etwas, das Isabelle als Figur in ein Kinderbuch übernimmt, ein roter Rock, rot wie ihre neuen Schuhe. Aufgeladene Stimmungen eskalieren immer am schwächsten Glied der Kette, dem Kind und der Katze. Die Beschreibungen des auf die Fürsorge ihres Bruders angewiesenen Kindes gelingt, so was ist schwer ohne sentimentalen Absturz.
Katharina Hackers Roman ist der Irak-Krieg unterlegt. Man diskutiert über die Demonstrationen und ob Blair Recht hatte oder Blix. Das aufgebrachte und -geladene England schärft die Wahrnehmung des alltäglichen Lebens. Wer sich nachts verläuft, ist seines Lebens nicht sicher. »Es ist ja schon nicht mehr real«, sagt Isabelle, kurz nachdem sie dem Überfall von fünf mit Messern bewaffneten jungen Männern entkommen war. Akute Gefahr und topografische Desorientierung sind äußere Zeichen für die innere Ziellosigkeit. Verhandelt wird hier auch das Problem sich vernutzender medialer Bilder. Die Wirklichkeit wird zur Attrappe. Der alte Wunsch, in dieser Welt zu leben und keineswegs zur Heimatlosigkeit verurteilte Gespenster oder Fremde auf der Erde zu sein, dies grundlegende Daseinsgefühl, das mit dem »Authentischen« verknüpft ist, verschwimmt. Katharina Hacker greift ihre »Habenichtse« nicht vom Himmel. Man kennt sie, sieht sie auf den Straßen, in Sushi-Lokalen, in Bars. Isabelle und Jakob sind oft nah am Streit; weil sie kein Thema haben oder ein Freund anruft, kommt nichts zum Ausbruch.
Baudelaires »geschlossenes Fenster« ist genau die Blickschärfe Katharina Hackers und Anreiz ihrer Fantasie. Jakob beobachtet Bentham im Park mit einem bezahlten Jüngling und fühlt sich hingezogen. Isabelle hört die dumpfen Geräusche aus dem Nachbarhaus, ihrer Neugier fehlt die Teilnahme. Nur an der Katze leitet sie ihre aufgestaute Aggressivität ab. Jim, der sie bei der Tierquälerei beobachtet, wird sie an ihre hasserfüllte Tat erinnern. Sie ist, denkt Jim, nicht besser als ich.
Ist das nun unsere Wirklichkeit? Guter Job, anregende Tätigkeit, abends mit Kollegen, die mit der eigenen Frau flirten, essen und tanzen gehen, in der Fantasie ein ganz anderes Leben führen, egal, was im Nachbarhaus Unheimliches passiert. Isabelle und Jakob suchen das ungewisse Andere, nur Jim weiß, was er sucht. Katharina Hacker erzählt diese Geschichte von Gewalt, Drogen, Fremdheit und Radikalität als Fortsetzung der allgemeinen Diskussion um Krieg und Frieden.
Europäische Vergangenheit spielt in all ihren Büchern eine wichtige Rolle. Andras und Mr. Bentham zeigen, dass nicht Erinnerung und Vergangenheit den Menschen lähmen, sondern Gedankenlosigkeit. Es konnte, dachte Jakob, »ohne Mittelpunkt keine Umlaufbahn geben«. Die Frage ist, wie kommt man dahin? Katharina Hackers Personen testen die Grenzen aus, Scheitern in der Liebe, sie sind unterwegs. Wohin? Das bleibt das Rätsel am Ende eines gelungenen Romans.
Unsere vage Gegenwart hat ein hartes, die Konturen ausleuchtendes Porträt bekommen. Katharina Hacker ist ein zeitkritischer Roman, eine kluge und aufregend zu lesende Analyse geglückt. Hinter dem geschlossenen Fenster existieren Gut und Böse so dicht beieinander, dass kein Blatt Papier dazwischen passt.
Die HabenichtseBelletristikRomanKatharina HackerBuchSuhrkamp Verlag2006Frankfurt a. M.17,80309- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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Katharina Hacker: Die Habenichtse. Suhrkamp 2006. (Kurzrezension)
Die Autorin soll „überrascht“ gewesen sein, dass der diesjährige Deutsche Buchpreis an sie gefallen ist.Das ehrt sie, denn ich war es auch. Die Auszeichnung wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben, und der jährlich neu besetzten Jury gehörten diesmal John von Düffel, Volker Hage, Elmar Krekeler, Terézia Mora, Pia Reinacher, Stephan Samtleben und Denis Scheck an. Dies nur zur Warnung, denn um die Texte und das Urteilsvermögen dieser Persönlichkeiten wird man in Zukunft am Besten einen großen Bogen machen. Schon im letzten Jahr war mit Arno Geiger ein Autor zum Hoffnungsträger der jungen deutschen Literatur hochgeschrieben worden, dessen Familiensaga „Es geht uns gut“ man nach den ersten 20 Seiten – nein, nicht genervt (das hätte ja noch eine Emotion ausgelöst), sondern einfach nur angeödet aus der Hand legte. „Habenichtse“ hat mir als Bettlektüre wenigstens zu einem erholsamen Tiefschlaf verholfen. Das ist es also das literarische Neue Deutschland: Protagonisten, die wie in den Wartezimmer-Illus „Isabell“ und „Andras“ heißen und deren Probleme von eben dieser Qualität sind. Hacker weiß immerhin, dass zum Erzählen die Liebe zum Detail gehört. Aber sie exekutiert dieses Wissen durch endlose (zeilenschindende) Beschreibungen von alltäglichen Vorgängen (Tischdecken, Straßenszenen), die für die Geschichte weder eine formale noch eine inhaltliche Bedeutung haben, außer vielleicht der, Bedeutungsschwere zu suggerieren. Wie mit dem Alltagsdetail überraschende Wirkung erzielt wird, sollten Hacker und ihre Geistesverwandten bei Updike und Kundera studieren. Antithetische Formulierungen wie „Er dachte, dass er verrückt würde, wenn er nicht bald mit einer Frau schlief, aber gleichzeitig ekelte ihn der Gedanke daran“ oder ähnlich: „Der Rock klebte an ihrem Po, ...einladend, abstoßend“ haben offensichtlich die Jury (und vorher das Suhrkamp-Lektorat) mächtig beeindruckt, setzen aber nur billige Effekte: Man merkt die Machart und ist verstimmt. Und wer schon den Hintern als „Po“ bezeichnet, sollte besser für die Problemzonenrubrik von „Brigitte“ schreiben. Wie überhaupt die Sprache eher glanzlos daherkommt. Auch Lakonik und Tristesse können ja in den Bann schlagen, aber Hacker schreibt einfach nur umständlich und kraftlos. Warum wohl hält Reich-Ranicki jedes „Spiegel“-Heft für literarischer als die ganze neue deutsche Belletristik? Es ist diese sensible Langeweile der Zoe Jenny („Das Blütenstaubzimmer“)und Judith Herrmann („Sommerhaus, später“), die uns dann doch immer wieder zu den Angelsachsen greifen lässt. Aber vielleicht ist dies nicht einmal so sehr eine Krise der deutschen Literatur, sondern eine der deutschen Literaturkritik....
Klaus Döhmer
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