Literaturbeilage Schlimme brave WeltSeite 3/3

Ist das nun unsere Wirklichkeit? Guter Job, anregende Tätigkeit, abends mit Kollegen, die mit der eigenen Frau flirten, essen und tanzen gehen, in der Fantasie ein ganz anderes Leben führen, egal, was im Nachbarhaus Unheimliches passiert. Isabelle und Jakob suchen das ungewisse Andere, nur Jim weiß, was er sucht. Katharina Hacker erzählt diese Geschichte von Gewalt, Drogen, Fremdheit und Radikalität als Fortsetzung der allgemeinen Diskussion um Krieg und Frieden.

Europäische Vergangenheit spielt in all ihren Büchern eine wichtige Rolle. Andras und Mr. Bentham zeigen, dass nicht Erinnerung und Vergangenheit den Menschen lähmen, sondern Gedankenlosigkeit. Es konnte, dachte Jakob, »ohne Mittelpunkt keine Umlaufbahn geben«. Die Frage ist, wie kommt man dahin? Katharina Hackers Personen testen die Grenzen aus, Scheitern in der Liebe, sie sind unterwegs. Wohin? Das bleibt das Rätsel am Ende eines gelungenen Romans.

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Unsere vage Gegenwart hat ein hartes, die Konturen ausleuchtendes Porträt bekommen. Katharina Hacker ist ein zeitkritischer Roman, eine kluge und aufregend zu lesende Analyse geglückt. Hinter dem geschlossenen Fenster existieren Gut und Böse so dicht beieinander, dass kein Blatt Papier dazwischen passt.

Die HabenichtseBelletristikRomanKatharina HackerBuchSuhrkamp Verlag2006Frankfurt a. M.17,80309
 
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Katharina Hacker: Die Habenichtse. Suhrkamp 2006. (Kurzrezension)

    Die Autorin soll „überrascht“ gewesen sein, dass der diesjährige Deutsche Buchpreis an sie gefallen ist.Das ehrt sie, denn ich war es auch. Die Auszeichnung wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben, und der jährlich neu besetzten Jury gehörten diesmal John von Düffel, Volker Hage, Elmar Krekeler, Terézia Mora, Pia Reinacher, Stephan Samtleben und Denis Scheck an. Dies nur zur Warnung, denn um die Texte und das Urteilsvermögen dieser Persönlichkeiten wird man in Zukunft am Besten einen großen Bogen machen. Schon im letzten Jahr war mit Arno Geiger ein Autor zum Hoffnungsträger der jungen deutschen Literatur hochgeschrieben worden, dessen Familiensaga „Es geht uns gut“ man nach den ersten 20 Seiten – nein, nicht genervt (das hätte ja noch eine Emotion ausgelöst), sondern einfach nur angeödet aus der Hand legte. „Habenichtse“ hat mir als Bettlektüre wenigstens zu einem erholsamen Tiefschlaf verholfen. Das ist es also das literarische Neue Deutschland: Protagonisten, die wie in den Wartezimmer-Illus „Isabell“ und „Andras“ heißen und deren Probleme von eben dieser Qualität sind. Hacker weiß immerhin, dass zum Erzählen die Liebe zum Detail gehört. Aber sie exekutiert dieses Wissen durch endlose (zeilenschindende) Beschreibungen von alltäglichen Vorgängen (Tischdecken, Straßenszenen), die für die Geschichte weder eine formale noch eine inhaltliche Bedeutung haben, außer vielleicht der, Bedeutungsschwere zu suggerieren. Wie mit dem Alltagsdetail überraschende Wirkung erzielt wird, sollten Hacker und ihre Geistesverwandten bei Updike und Kundera studieren. Antithetische Formulierungen wie „Er dachte, dass er verrückt würde, wenn er nicht bald mit einer Frau schlief, aber gleichzeitig ekelte ihn der Gedanke daran“ oder ähnlich: „Der Rock klebte an ihrem Po, ...einladend, abstoßend“ haben offensichtlich die Jury (und vorher das Suhrkamp-Lektorat) mächtig beeindruckt, setzen aber nur billige Effekte: Man merkt die Machart und ist verstimmt. Und wer schon den Hintern als „Po“ bezeichnet, sollte besser für die Problemzonenrubrik von „Brigitte“ schreiben. Wie überhaupt die Sprache eher glanzlos daherkommt. Auch Lakonik und Tristesse können ja in den Bann schlagen, aber Hacker schreibt einfach nur umständlich und kraftlos. Warum wohl hält Reich-Ranicki jedes „Spiegel“-Heft für literarischer als die ganze neue deutsche Belletristik? Es ist diese sensible Langeweile der Zoe Jenny („Das Blütenstaubzimmer“)und Judith Herrmann („Sommerhaus, später“), die uns dann doch immer wieder zu den Angelsachsen greifen lässt. Aber vielleicht ist dies nicht einmal so sehr eine Krise der deutschen Literatur, sondern eine der deutschen Literaturkritik....
    Klaus Döhmer

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