Felisberto Hernández ist kein vergessener Autor; er ist einer, der dem breiten Publikum nie bekannt war. Zwar wird heute gesagt, er sei der Vorläufer der fantastischen Literatur Lateinamerikas gewesen. Aber um das zu behaupten, muss man von Ursache und Wirkung, von Chronologie und Folgerichtigkeit bei der Entstehung von Literatur schon sehr überzeugt sein – und man müsste einen weiten Bogen der Ignoranz um den nahezu gleichaltrigen Jorge Luis Borges machen.

Es deutet alles darauf hin, dass Felisberto Hernández, der 1964 starb, keine graue Eminenz der an solchen Phantomen nicht armen lateinamerikanischen Literatur war. Er war ein Einzelgänger. Sein Werk ist eine Rarität, eine Merkwürdigkeit, die immer wieder aufs Neue entdeckt wurde: Jungdichter ließen sich von ihm inspirieren, García Márquez etwa. Und Juan Carlos Onetti, von Ruhm und Ehre selbst allzu verschont, bedauerte sehr, dass »Felisberto« zu früh starb, um vom Boom der lateinamerikanischen Literatur zu profitieren.

Ein globaler Publikumserfolg wären die skurrilen Erzählungen von Hernández allerdings selbst dann kaum geworden. Dafür sind sie zu radikal, zu sperrig und zu eigenbrötlerisch. Sie sind verstörend. Nicht auf die ein wenig über die gewohnte Wahrnehmung hinausgehende Weise, die man als etwas fortgeschrittener Leser von einem ernst zu nehmenden Buch beinahe erwartet – sondern indem die Wahrnehmung selbst zum literarischen Gegenstand wird: Es sind eigentlich gar keine Geschichten, sondern eher Untersuchungen an einer Wirklichkeit, die, je näher man sie betrachtet, desto unordentlicher und mysteriöser wird.

Hernández war jemand, der alltäglichen Selbstverständlichkeiten nicht nur in der Literatur misstraute: Im Leben stand er mit ihnen geradezu auf Kriegsfuß. Der erfolglose Pianist, verkrachte Buchhändler und mehrfach gescheiterte Ehemann war unfähig, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und musste im Lauf seines Lebens immer wieder bei seiner Mutter Unterschlupf suchen.

Er bringt die Gegenstände zum Sprechen und schenkt ihnen Leben

In seinen Geschichten führen Gegenstände ein faszinierendes Eigenleben, sie rücken oft in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und ziehen die erzählerische Energie auf sich, mag es ein Bleistift sein (wie in der Erzählung Das verlorene Pferd), eine Glastür (Das dunkle Esszimmer) – oder ein Getränk: »Andere Male überraschte uns der dunkle Fleck Wein, der sich in der Luft zu vergrößern schien, während das Kristallglas ihn festhielt.«

Die eigentliche Hauptfigur dieser Erzählung (Der Balkon) ist allerdings nicht der Wein, sondern der Wintergarten, mit dem eine junge Frau eine innige erotische Beziehung unterhält. Die Sache endet – auch für die Literatur – tragisch: Der Selbstmord des Balkons inspiriert die Frau, die tief empfundene und schlechte Gedichte schreibt, zu ihrem Werk »Die Witwe des Balkons«.