Literaturbeilage Hanni und Nanni für kluge KöpfeSeite 2/2
Und was soll an diesem aus guten und glänzenden Partien bestehenden Roman weniger geglückt sein? Schematisch gesprochen dies: Ingendaay hat einen schönen 250-seitigen Roman in ein unüberzeugend proportioniertes 500-seitiges Buch gesteckt. Er lässt sich erst sehr viel Zeit für episodische Fingerübungen, bevor er mit der Trennung der Eltern die Geschichte richtig angehen lässt. Er streckt sie dann weiter mit im Einzelnen schönen, in ihrer Massierung aber verzögernden Episoden, bis er in der zweiten Hälfte endlich entschieden die Krise um Bruder Gregor in den Mittelpunkt rückt. Doch auch da gibt er der Geschichte, unter fortgesetzter Zugabe bunter Beilagen, durch einen krimihaften Dreh einen Schub, der von der Sache eher ablenkt. Dass er nicht recht wusste, was er wollte, belegt zuletzt noch sein Umgang mit der Erzählweise. Salingers Held erzählt im Präsens in einem Sanatorium, wo er sich seine gerade zurückliegende Zeit aufgekratzt von der Seele redet. Ingendaays Held spricht im Präteritum, und man fragt sich die ganze Zeit, wann und wem er diese Sache in dieser Tonart eigentlich erzählt und warum wir von der Umgebung, in der er das tut, so gar nichts erfahren. Der Jargon ist in Ingendaays Fall eine bisweilen nervende Manier – genau darum verschwindet er in den Teilen des Buches, die man am liebsten liest, den ernsten und traurigen, auch fast ganz. Oft hat sich Ingendaay dann so weit vom Ego seines Helden entfernt, dass er ihn über längere Strecken in die dritte Person fallen lässt und damit einen Ton trifft, den man auch in einem nächsten Buch dieses Autors gerne wiederfände.
Warum du mich verlassen hastBelletristikRomanPaul IngendaayBuchSchirmerGraf Verlag2006München24,80506- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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