Für Zeitgeschichte hat Walter Kempowski, was man bei Gärtnern einen »grünen Daumen« nennen würde. Sie wächst sich bei ihm zu etwas aus, was kaum einzuhegen ist, und er wächst dabei in sie ein. Das galt für die Deutsche Chronik seiner eigenen Familiengeschichte, das galt für die gewaltige Stimmencollage seines Echolot- Projektes und für dessen Werkjournal Culpa (2005), und das gilt erst recht für seine publizierten Tagebücher, deren drittes nun auch die Entstehung des ersten dokumentiert.

Während Kempowski den 1990 erschienenen und das Jahr 1983 erfassenden Band Sirius noch ein wenig kokett als Eine Art Tagebuch bezeichnete, firmieren Alkor ( 2001) und jetzt auch Hamit ganz schlicht als Tagebücher des Jahres 1989 beziehungsweise 1990. Doch sie sprengen die Vorstellung vom privaten Journal nicht nur durch ihre Umfänge, sondern auch durch die Art ihrer Entstehung: »Enorm viel Arbeit, da Notizzettel eingearbeitet werden müssen und Briefe«, heißt es in Hamit über die Entwicklung von Sirius, dessen »Ausweitung zur Autobiographie« dies erfordert. »Das gibt noch viel Arbeit«, schreibt er später angesichts der Reihe seiner »anderen Tagebücher«, von der Kempowskis unverständiger Verleger (»Er soll Romane schreiben, verdammt noch mal«) zu seinem Glück noch nichts weiß. Aber wie beim Echolot konzentriert sich die Arbeit dann auf einige Schwerpunkte – Kempowskis Tagebücher der Jahre 1989 und 1990 sind auch als Jahrbücher zu Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung konzipiert. Erlebte Vergangenheit und unmittelbare Gegenwart spiegeln sich in den Tautropfen eines rastlosen Schriftstelleralltags und bilden seltsame Kontraste.

Hinter dem kryptischen Titel Hamit verberge sich der erzgebirglerische Mundartausdruck für »Heimat«, verrät Kempowski, doch was verbirgt sich hinter diesem Wort? Im Januar 1990 zieht er mit seinem Bruder Robert aus, um dieses Rätsel zu ergründen, dorthin, wo für ihn alles angefangen hat, erst nach Rostock, wo er 1929 geboren wurde, und später nach Bautzen, in dessen Zuchthaus er acht Jahre seines Lebens hat lassen müssen. Er sieht dort vieles, was nicht mehr da ist. Und er sieht Ruinen, in denen die Erinnerung keine neuen Wurzeln schlagen kann, sieht eine ausgeräumte, entweihte Gefängniskapelle. Das Leben ist weitergegangen, die realen Gegenstücke zu Romanen und Romanverfilmungen wirken ernüchternd. Selbst die Gesichter der Eltern verschwinden hinter denen ihrer TV-Darsteller: »Karl Lieffen und Edda Seippel schieben sich davor.«

Der Autor setzt auf die bewährte Kraft seiner Ressentiments

Ernüchternd sind auch die Reaktionen im Osten. Kollegen, die sich beizeiten noch mit der DDR arrangiert haben, sind dort besser eingeführt. Dass er sich dort einsperren lassen hat, erscheint weiterhin unverzeihlich. Im Gegenzug bekommen die Linken, die »Schönfärber« der DDR, ihr Fett ebenso weg wie »Lafontaine, die Spitzmaus«.

Kempowski setzt auf die bewährte Kraft seiner Ressentiments, die sich auch gegen Kritiker richtet. Anlass gibt es genug. 1990 ist das Jahr der »Wieser-Bombe«, in dem Kempowski vom stern als »Abschreiber« attackiert wird. Zwar steht die feuilletonistische Abwehrfront rasch, aber: »Warum hat Karasek im Fernsehen gesagt, daß er nicht den kleinen Finger krumm gemacht hätte für mich, wenn Wieser nicht auch ihn angegriffen hätte?« Da hilft nicht einmal Valium, und Kempowski zeichnet ein weiteres Mal ein Selbstporträt, in dem sich viel Licht und Schatten mischen. Zwar laufen die Geschäfte gut, aber die Buchverkäufe könnten besser laufen. Dass er mögliche Lesungshonorare von 50000 Mark »minus Steuern« als »zusätzliches Monatsgehalt« verbuchen könnte, vermag nicht darüber hinwegzutrösten, dass der »Arbeiterdichter« Max von der Grün »mehrfacher Millionär« sein soll. Zwar heißt es anrührend »Ich möchte so gerne dazugehören«, aber weil Kempowski sich jedes Lob zum Höchstkurs gutschreibt und jede Kritik als reine Böswilligkeit abtut, bleibt ihm der Ärger treu.