Literaturbeilage Im grünen BereichSeite 2/2
Doch gerade Kempowskis Urmisstrauen, seine Marotten, Ressentiments und seine unberechenbare Ironie erzeugen jene unüberbrückbare, spannungsreiche Distanz, die seine Tagebücher selbst noch im Allgemeinsten, Flachsten, etwa der Beschreibung deutsch-deutschen Gaststättenalltags, zur aufregenden Lektüre machen. Autobiografie wird zum Resonanzboden der Zeitgeschichte, der auch Misstöne verstärkt. Walter Kempowski gleicht hier den misanthropischen Alter Ego Arno Schmidts, die ihre Welt für die Schöpfung eines dämonischen Leviathans halten, dem sie Stück für Stück ihrer Werke entgegensetzen.
Aber Misstrauen und Distanz schwinden dahin, wo es sich um Überliefertes handelt, um Fotos, Tagebücher, Plastilinfiguren. Hier wird der »schwierige« Mensch zum einfühlsamen Fischer am Fluss ohne Ufer, wo sich Gegenwart in Vergangenheit und Vergangenheit in Geschichte verwandelt. Der Mahlstrom des Echolot- Projektes gerät in Bewegung und wird Walter Kempowski bis ins nächste Jahrtausend befördern.
Nach dessen Abschluss ging jetzt der Blick in die nähere Vergangenheit, in die Vorgeschichte einer mühsamen Wiedervereinigung. Hamit beginnt und endet in Kempowskis Wohnsitz Nartum. »Heimat können wir abhaken«, lautet der vorletzte Satz: »Geblieben ist das Heimweh.« Und natürlich die Skepsis: »Ich denke manchmal«, schreibt Kempowski am 17. Juli 1990, »der Kohl hätte sich besser ein Jackett angezogen, statt in einer Strickjacke umherzulaufen.«
HamitBelletristikTagebuch 1990Walter KempowskiBuchKnaus2006München24,95431- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren