Literaturbeilage Der kleine Böwe ist los
Judith Kuckart widmet sich dem Geheimnis des Gewöhnlichen
Wie kann man nur Romane lesen?, sagte Alfred Polgar einmal. Man kennt doch schon genug Menschen, hat Bekanntschaft im Leben angesetzt »wie Zahnstein«. Warum sich noch erfundene Figuren und »zusammengelogene Schicksale« aufladen?
Die Frage ist berechtigt. Leo Böwe zum Beispiel, der Held in Judith Kuckarts neuem Roman Kaiserstraße, ist Waschmaschinenvertreter einer kleinen Firma in S. (Schwelm). Er versteht seinen Job und hat eine Schwäche für Frauen mit einem kleinen dummen »Gesichtchen«, das in eine Hand passt. So eine hat er mit zwanzig geheiratet. Es regnet viel im Bergischen Land. Er sagt dann: »Lass uns ins Kino gehen« oder: »Komm her, mein Mädchen« und schnappt sie sich auf der Perserbrücke. Bald nimmt er sich anderswo andere Frauen. In Frankfurt zum Beispiel, da hat er oft beruflich zu tun in der Nähe der Kaiserstraße, wo Rosemarie Nitribitt in ihrem fußbodenbeheizten Apartment erwürgt wurde. Oder während seiner »Spritztouren« mit Kollegen nach Baden-Baden ins Spielcasino. Er muss zu Hause viel lügen, sie viel weinen. Von seinen Chefs und Kumpeln »mein kleiner Böwe« genannt, macht Böwe in der Firma Karriere und sitzt bald für die CDU im Landtag. Und eine Geliebte namens Rosemarie hat er sich auch zugelegt.
Hat dieser Mann – mit Polgar zu fragen – ansonsten irgendetwas Interessantes, Anrührendes, Poetisches oder sonst wie Aufregendes, dass man ihn näher kennen lernen möchte? Wohl kaum. So wie Kuckarts Roman ihn uns ausmalt, ist er der typische nachkriegsdeutsche Aufsteiger und Aufbaudynamiker mit Brisk im Haar und flotten Sprüchen wie »Der Verkauf beginnt, wenn der Käufer nein sagt«. Lockvogel und Kurbelwelle des Konsums, Garant des wieder sauberen deutschen Gewissens dank Persil, dank des Vollautomaten »Eingriff«. Die 68er, die in diesem Milieu und Geist aufwachsen mussten, haben die Weißwäscherlüge dann mit ihren Schmuddel-WGs und Matratzengrüften bekämpft. Che-Guevara-Poster gegen Marcs Rote Pferde, Hasch gegen Henkel trocken, Chaotenleben gegen bigottes Doppelleben. Was an den Böwes allerdings mehr missfällt und unseren gepflegten Nietzscheanismus (das Leben ist nur ästhetisch zu rechtfertigen) empfindlicher düpiert als ihre Blumenfenster, Bügelfalten oder »Butterstreifen in Rosettenform«, ist das unbezwingbar Banausische und Provinzielle des politischen Hinterbänklers, der vom Autobahnausbau bis zur Legehennen- und Müllverordnung jeden Mist durchwinkt, jede noch so öde Fußgängerzone begrüßt, überhaupt jeder Verdummung und Verhässlichung unserer Verhältnisse das Wort redet, wenn sie nur profitabel ist. Leo Böwe kann uns also gestohlen bleiben.
Und doch. Die Lektüre beginnt, wenn der Leser nein sagt. Er sagt nein zu Böwe, aber ja zu der Imaginationskraft, dem szenischen Erfindungsreichtum, mit dem diese auch für die Autorin offenbar weitgehend feindlich-negative Figur bis in ihre geheimsten Sperrzonen ausgeleuchtet wird. Ja zu der schneidenden Empathie, mit der Kuckart sondiert, was auch Döblin in seinen Romanen der zwanziger Jahre umtreibt: das Mysterium des Gewöhnlichen, der »Normalfall« Mensch. Das, was ist, wie es ist. Die Bundesrepublik Deutschland. Böwe – das ist die Physiognomie der BRD, und die BRD ist Böwe, mit allen eingravierten Zügen der Pleonexie , sprich der Gier und Geltungsmacht des Profanen.
Kuckart verweist immer wieder auf die Brüche und Einbrüche der Normalität. Böwe hat ein dickes Fell. Träume, Erinnerungen mag er nicht, kann sie aber nicht verhindern. Absenzen, kleine lichte Augenblicke melancholischen Bewusstseins. Er hat sich mehr versprochen vom Leben, von der Liebe. Sein Schwung reicht aber nur bis ins Rotlichtmilieu, den Passionsort der Hure für »die oberen Zehntausend«. Kaiserstraße, Chiffre der Daseinssteigerung im käuflichen Glück und des ungelebten Lebens. Kaiserstraße, in so einer wohnt er ironischerweise auch, aber in S.
Es gibt aber nicht nur die Böwes, es gibt auch die anderen, die Antipoden, die Anti-Böwes. Die ganz anders Anspruchsvollen, Komplizierten, der Böwe-Welt immer schon Entfremdeten. Den ewigen Kulturkampf dieser unversöhnlichen Positionen prozessiert Kuckarts Roman durch fünf Jahrzehnte BRD-Geschichte mit seiner – schon in ihren früheren Romanen – bewährten filmischen Schnitt-Gegenschnitt-Technik.
Eines Tages im »deutschen Herbst« sitzt Böwe mit seiner Rosemarie im Speisewagen des Rheingold- Fernzuges. Man plaudert über den Fall Nitribitt und die Schleyer-Entführung, da möchte sich Böwe am liebsten unter dem Tisch verkriechen, denn vor ihm steht jemand, den er flüchtig kennt und der ihm »unheimlich« ist: Jule, seine Tochter, »das Unglück seiner besten Jahre«. 17 Jahre alt und hochschwanger von einem älteren Mann, den sie nie wieder sehen wird.
Von ihrem Vater hat sie wenig mehr bekommen im Leben als zwei Ohrfeigen. Böwes unerfüllte Liebe zur Nitribitt, die ihr nichts übrig ließ, hat sie zu einer großen Abbrecherin werden lassen. Sie gibt ihre Tanzkarriere auf, führt wie Lena in Kuckarts letztem Roman Lenas Liebe ein »unordentliches Leben«. Aber sie sehnt sich nach einem ordentlichen. Das bekommt sie am Ende auch, einen braven Mann, ein Kind und eine Stelle. Die Rebellin verbürgerlicht, während Vater Leo im Alter rebellisch wird, ein Heiner Geißler, der den Kapitalismus geißelt und als schriftstellernder Schöngeist anfängt, sein Scheitern zu genießen.
Und so ergibt sich, pünktlich zum Millennium, wo das Buch endet, ein Befund, den wir seit Jahren bestaunen: Die jahrzehntelangen Kämpfe und Krämpfe sind abgeklungen. Die Gegensätze nicht versöhnt, aber vorübergehend abmoderiert in einem Appeasement gegenseitigen Tolerierens. Ein spannender Psychokrimi unserer Verhältnisse, mit einer zwischen Pathos und Ironie flirrenden, elektrisch geladenen Sprache. Ein Roman, der uns von den Figuren, die er uns aufhalst, am Ende auch befreit. Unbedingt lesen!, würde Polgar sagen.
KaiserstraßeBelletristikRomanJudith KuckartBuchDuMont Verlag2006Köln19,90320- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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