Literaturbeilage Der kleine Böwe ist losSeite 2/2
Eines Tages im »deutschen Herbst« sitzt Böwe mit seiner Rosemarie im Speisewagen des Rheingold- Fernzuges. Man plaudert über den Fall Nitribitt und die Schleyer-Entführung, da möchte sich Böwe am liebsten unter dem Tisch verkriechen, denn vor ihm steht jemand, den er flüchtig kennt und der ihm »unheimlich« ist: Jule, seine Tochter, »das Unglück seiner besten Jahre«. 17 Jahre alt und hochschwanger von einem älteren Mann, den sie nie wieder sehen wird.
Von ihrem Vater hat sie wenig mehr bekommen im Leben als zwei Ohrfeigen. Böwes unerfüllte Liebe zur Nitribitt, die ihr nichts übrig ließ, hat sie zu einer großen Abbrecherin werden lassen. Sie gibt ihre Tanzkarriere auf, führt wie Lena in Kuckarts letztem Roman Lenas Liebe ein »unordentliches Leben«. Aber sie sehnt sich nach einem ordentlichen. Das bekommt sie am Ende auch, einen braven Mann, ein Kind und eine Stelle. Die Rebellin verbürgerlicht, während Vater Leo im Alter rebellisch wird, ein Heiner Geißler, der den Kapitalismus geißelt und als schriftstellernder Schöngeist anfängt, sein Scheitern zu genießen.
Und so ergibt sich, pünktlich zum Millennium, wo das Buch endet, ein Befund, den wir seit Jahren bestaunen: Die jahrzehntelangen Kämpfe und Krämpfe sind abgeklungen. Die Gegensätze nicht versöhnt, aber vorübergehend abmoderiert in einem Appeasement gegenseitigen Tolerierens. Ein spannender Psychokrimi unserer Verhältnisse, mit einer zwischen Pathos und Ironie flirrenden, elektrisch geladenen Sprache. Ein Roman, der uns von den Figuren, die er uns aufhalst, am Ende auch befreit. Unbedingt lesen!, würde Polgar sagen.
KaiserstraßeBelletristikRomanJudith KuckartBuchDuMont Verlag2006Köln19,90320- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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