Literaturbeilage Auf Leben und Tod
Thomas Lang erzählt spannend, kalt und sehr gekonnt von einem Vater-Sohn-Konflikt
Seit dem öden Ödipus füllt der Vater-Sohn-Konflikt in zahllosen Varianten zahllose Romanseiten, und heutzutage hat jeder Tankwart (um mit Reich-Ranicki zu reden) seinen Komplex. Wer von ihm so erzählen will, dass der Leser die eigenen Lebens- und Leseerfahrungen gewissermaßen vergisst, der muss einen neuen Klang in das alte Lied bringen. Dass dies Thomas Lang in seiner Erzählung Am Seil gelingt, ist eine beachtliche Leistung. Sie wird allein dadurch etwas gemindert, dass Lang die kunstvolle Kälte, mit der er die angesichts des Themas drohende Sentimentalität, ja Trivialität zum Gefrieren bringt, zuweilen ins allzu Kalkulierte und Virtuose hinein übertreibt.
Wir haben es mit einem schwachen Sohn zu tun, der sich zeitlebens am starken Vater erfolglos abgearbeitet hat und der nun den inzwischen hinfälligen Mann im Altersheim besucht. Mehr als zehn Jahre lang hat er ihn nicht gesehen. Sein Eintritt in die hotelmäßige Empfangshalle, das böse Rencontre mit der verblühten Rezeptionsschönheit, die immer absurdere Wanderung durch die verzweigten Flure einer ebenso herzlosen wie raffinierten Besänftigungsarchitektur: all dies beschreibt Thomas Lang mit einem triumphalen Sarkasmus, der manchmal die Züge eines schlechten Feuilletonismus annimmt, weil er die naheliegende Pointe nicht meidet.
Dann aber wechselt die Perspektive, und wir erleben den alten Mann in seinem abgedunkelten, stickigen Appartement. Er wartet auf die hübsche, regelmäßig pünktliche Pflegerin, und während er auf die digitale Uhr schaut, deren wunderbar vielfältige Funktionen er nicht mehr bedienen kann, versucht er, sich die Hörstöpsel des Abspielgerätes ins Ohr zu stecken, denn man hat ihm geraten, viel Musik zu hören, um die Nerven zu beruhigen. Allein diese Mühe, das Gerät mit seinen furchtbar zitternden Händen in Gang zu bringen, ist so eindrucksvoll beschrieben, dass einem das Buch in den Händen zittert.
Wer allerdings eintritt, ist nicht die Pflegerin, sondern der wenig geliebte und zumeist verachtete Sohn. Und jetzt entwickelt sich ein Drama mit vielen Wendungen. Der Sohn nämlich, ein ehemals berühmter Fernsehmoderator, ist auf den Hund gekommen. Wegen einer Grapscherei (»Er fühlte sich wie ferngesteuert, als er seiner Assistentin zwischen die Beine fasste«) wurde er rausgeschmissen. Danach steuerte er seinen Sportwagen selbstmörderisch in den Graben, wobei die minderjährige Geliebte an seiner Seite umkam und er bleibende Schäden davontrug.
Jetzt ist der Sohn in jeder Hinsicht, in moralischer wie in finanzieller, erledigt, und der Alte, seines Zeichens ehemaliger Sportlehrer, ist immer noch imstande, mit seiner Siegernase den Geruch des notorischen Versagers aufzunehmen. Während umgekehrt der Sohn den fauligen Geruch von Krankheit und nahem Tod halb triumphierend, halb widerwillig erfährt: »Er kann sich nicht erinnern, den alten Herrn je in einer ähnlichen Verfassung gesehen zu haben. So niedergeschlagen, ja zerstört. Ein hutzeliges altes Männlein, das nur noch sein Gnadenbrot verzehrt. Wessen Gnade? Seine nicht.« Allein, schon bald wird ihm klar, dass mit der Hinfälligkeit des Alten die alte Abhängigkeit nicht verschwunden ist. »Mit seinem Vater schrumpelt auch er zusammen.«
Die für beide Seiten demütigende Begegnung in dieser qualvoll vergegenwärtigten Seniorenheimtristesse steigert sich zu einem kinohaften Showdown. Vater und Sohn unternehmen einen Ausflug zu jenem nunmehr leeren und unverkäuflichen Bauernhof, wo der Junge seine als erbärmlich empfundene Kindheit verbracht hat. In der Scheune dort spielt sich ein halb zufälliger, halb absichtsvoller Kampf auf Leben und Tod ab, und jetzt überkreuzen sich die Kindheitserinnerungen des Sohnes mit den Plänen des Vaters. Der nämlich, in einem jähen und letzten Vitalitätsschub, will sich den starken Abgang erzwingen, während sich der seinerseits vitalisierte Sohn zunächst als Herrn der Lage sieht.
Wer bleibt Sieger? Den Ausgang des Konflikts zu schildern verbietet sich hier. Thomas Lang, Jahrgang 1967, hat für die Schlussszene den Ingeborg-Bachmann-Preis 2005 erhalten. Mit Recht, obgleich ich nicht ganz sicher bin, die technisch-mechanischen Details genau verstanden zu haben. Sicher ist nur, dass Thomas Lang für den uralten Vater-Sohn-Konflikt ein bezwingendes und neues Bild gefunden hat. Die präzise gearbeitete Beziehungsschaukel kippt rhythmisch auf die andere Seite und wieder zurück. Sie korrespondiert mit einer kunstvoll eingesetzten Banalität: mit der Beschreibung des herbstlichen Himmels, dessen rasch ziehende Wolken ein immer anderes Licht auf den Kampf zwischen Vater und Sohn werfen. In ihren dichtesten Momenten liest sich die Geschichte wie die einer einzigen Person, die des Kindes im Mann und des Mannes im Kind. So nah wie im letzten Augenblick waren die beiden einander nie. »Komm, Vater«, lautet der letzte Satz.
Die durch groteske Umstände zustande gekommene Nähe, erst komisch und peinlich, dann schmerzhaft, dann fast willkommen, macht aus dieser virtuosen Etüde mehr als nur eine Etüde. Die Kälte des Erzählers erweist sich am Ende als Kunstgriff, der den dramatischen Vorgang nachhaltiger ins Herz des Lesers prägt, als die pathetischen Schinken, die sich sonst dem Vater-Sohn-Thema zu nähern pflegen, es jemals könnten.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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