Es geht um Leben oder Tod, nichts weniger. Um ein Leben, das lange währt, um ein anderes, das viel zu früh endet. Es geht um die Frage, was denn der Wert oder das Gewicht eines Lebens sein kann, um ernste und letzte Dinge also, um zwei Schwestern, die sich so ähnlich sehen, dass man sie verwechseln könnte, und die das Schicksal, genauer: ein gnadenloser Erzähler, schon auf den ersten Seiten des Buches so schnell und so weit auseinander spült, dass sie sich für immer verlieren. Sturmflut ist ein Buch der Extreme, Extreme der literarischen Konzeption, der Gefühle und anderer atmosphärischer Entwicklungen, die sich, vor Grönland anbahnend, zur Küste des europäischen Festlandes aufmachen und dann über den Köpfen der Figuren und Leser so unaufhaltsam, unheilvoll, unbezähmbar zusammenballen, dass nur eines sicher ist: In ihrem Sog ist kein Entkommen.

Amanda und Lidy. Die eine, Amanda, begehrt den Mann der anderen. Die jüngere neidet der älteren Schwester das Leben, sie stiehlt sich in ihre Existenz, verdrängt sie zuerst in neidvollen Gedanken, dann mit Hilfe eines kleinen Spiels, das böser gelingt, als es geplant ist, das sich größer und furchtbarer auswächst, als irgendjemand es sich hätte ausdenken können, weil es in einer veritablen Jahrtausendkatastrophe endet, der großen Sturmflut von 1953. Die hat sich tatsächlich über Zeeland hergemacht und 1836 Menschen in den Tod gerissen und 200000 Hektar Land ins Meer. Ob sie nicht statt ihrer zum jährlichen Pflichtbesuch des Patenkindes nach Duiveland fahren könnte, hatte Amanda ihre Schwester Lidy gefragt. Nur ein Ausflug, ein harmloser Scherz, ein witziger Rollentausch, den niemand bemerken werde wegen der so großen Ähnlichkeit der Schwester, sie wolle inzwischen in Amsterdam auf Lidys Mann und die kleine Tochter aufpassen.

Es wäre so leicht, eine Schuld zuzuweisen. Es drängt sich auf, bei einer solchen Versuchsanordnung schnell Etiketten anzuheften, für die gerissene Sünderin oder das ahnungslose Opfer, Figuren festzuschreiben, wie sie die Trivialliteratur bevölkern, zur Befriedigung von Sehnsüchten nach einer Vereinfachung des Lebenswirrwarrs, nach maximaler Gefühlsaufwallung. Margriet de Moor weiß solchen Plumpheiten auszuweichen, trotz waghalsig schlicht gezeichneter Handlungsstränge – die von enttäuschter Liebe erzählen, unerwiderter Leidenschaft, einem Seitensprung – in die Komplexität der Dinge abzutauchen. Erst grau dann weiß dann blau war das Erste ihrer Bücher, das ein grandioser Erfolg wurde, gerade weil es wie alle ihre Bücher in dem Schattenbereich verweilt, in dem klare Unterscheidungen verschwimmen wie Wasser und Land am Horizont der niederländischen Polder.

Was ist Begehren, wenn der Körper der einen geliebten Frau umstandslos durch den einer anderen zu ersetzen ist, was bedeutet Nähe, wenn wenige Stunden nach dem Verlassen des Zuhauses die Erinnerung an das eigene Kind von der Sorge um ein fremdes überspült wird? Das, was Menschen im Innersten zusammenhält und ihnen Identität verleiht und sichert, Gefühle, Intimität, Erinnerungen, Hoffnungen, ja auch erworbenes Wissen, Kompetenz, all das diffundiert hier ins Ungefähre. Die geschätzte Meteorologie versagt in der Abwehr einer Katastrophe so wie alle Instinkte im Angesicht der Gefahr, die einzuschätzen dem Menschen nicht gegeben ist, noch angesichts des Todes spüren die Figuren eine Sicherheit, die zynisch inszeniert wirken könnte, würde jemand anders als Margriet de Moor diese Geschichte erzählen.

Deiche bauen gegen die Unmäßigkeit der Wünsche

Sie erzählt mit aufreizender Distanziertheit. Der Blick des Erzählers ist genau, beinahe kühl, protokollierend stemmt er sich gegen Chaos, Tumult, die Angst, das Ende. In ruhigem Rhythmus, in einer geradezu leidenschaftslosen Sprache wechseln die Kapitel zwischen den Erzählsträngen, der Reise Lidys in die Katastrophe und dem sich nicht weniger gesetzmäßig entfaltenden bürgerlichen Frauenleben von Amanda, zwischen Flutwelle und Kleinfamilie.