Als Ilija Trojanow 2003 in Mekka die Kaaba erblickte, notierte er: »Meine Augen füllten sich mit Tränen.« Genaueres teilt er nicht mit, doch man kann sich gut vorstellen, dass er in diesem bewegenden Moment auch an jenen Mann gedacht hat, der exakt 150 Jahre vor ihm an gleicher Stelle stand.

Als Perser verkleidet, war 1853 der britische Offizier, Ethnologe und Abenteurer Richard Francis Burton an die heiligste Stätte des Islam vorgedrungen, als einer der ersten Europäer überhaupt. Sein Bericht über die illegale Pilgerfahrt ins geheimnisvolle Mekka hatte ihn schlagartig weltbekannt gemacht. Als Burton 1890 starb, war er ein ebenso berühmter wie umstrittener Mann. Er sprach 29 Sprachen, hatte Die Geschichten aus 1001 Nacht und das Kamasutra ebenso gelehrt kommentiert wie bis in die sexuellen Details wortgetreu übertragen, hatte den Tanganjikasee als erster Weißer entdeckt und bestritt seinem Reisekameraden Speke immer noch die Entdeckung der Nilquellen. Die Biografien und Meinungen über Burton sind Legion. Dem australischen Schriftsteller Alan Moorehead verdanken wir als vielleicht einzig Gewisses die Einsicht: »Hier war fast zuviel in einem Mann enthalten«.

Von diesem Mann ohne Grenzen handelt Ilija Trojanows Roman Der Weltensammler. Schon der Titel verspricht Großes. Bescheiden dankt Trojanow all denen, die ihn auf drei Kontinenten bei der Recherche unterstützt haben. Doch ohne seine eigene Lebensreise von Sofia, wo er 1965 geboren wurde, über Kenia und Deutschland bis nach Mekka und nach Bombay, wo er 1998 bis 2003 in der Nähe von Burtons Einsatzorten lebte, wäre dieses Buch nicht entstanden. Ein Weltensammler eigener Art ist Trojanow, und jede Zeile seines Romans ist von Lebenserfahrung gesättigt. Im Vergleich zu allen zeitgenössischen Autoren, die als Reisende Literaturgeschichte gemacht haben – von Chatwin bis Naipaul im anglofonen, von Hubert Fichte über Christoph Ransmayr bis zu Raoul Schrott im deutschsprachigen Raum –, ist er derjenige, der am tiefsten in Sprachen, Religion und Kultur der von ihm beschriebenen Welten eingedrungen ist.

Dem Koloss unter den Exzentrikern des 19. Jahrhunderts nähert sich Trojanow in drei Etappen: Die indische umfasst Burtons Leben als Offizier, Spion und Forscher zwischen 1842 und 1850 in Baroda und Sindh; die arabische folgt seiner Reise nach Mekka; die afrikanische ist der Expedition zu den Nilquellen gewidmet. Ausgespart bleibt Burtons Leben als Übersetzer, Ritter, Schwertkämpfer und Diplomat.

Bereits in seinen Reiseberichten aus Indien und Arabien hat Trojanow einen ruhigen, konzentrierten Erzählton trainiert. Im Weltensammler hat er ihn zu einer sehr anschaulichen, vielstimmigen Sprache kultiviert, in der sich Gedanken, Gespräche, Träume, aufgeschnappte Geschichten und erzählende Passagen von gleich zu gleich um einen imaginären Punkt scharen. Im dritten, afrikanischen Teil des Romans sitzen die Nachbarn am Abend im Hinterhof des Karawanenführers Sidi Mubarak Bombay und lauschen seinen Abenteuern mit Burton, Speke und Stanley. Diese orientalische Erzählsituation trägt den Roman. Nur selten, dafür umso eindrucksvoller, versetzt sich Trojanow in seinen Helden. Weite Passagen sind aus der Perspektive von Zeugen und Beobachtern gestaltet, die sich ihre eigenen unzulänglichen Gedanken über Saheb Burton (Indien), Sheik Abdullah (Arabien) und den Wazungu (Afrika) machen. Das Chamäleon Burton gewinnt in ihren Gesprächen immer neue Gestalt: mal die des arroganten Cholerikers, mal die des verzweifelten Liebenden, der um den Tod von Kundalini, seiner Tempeldienerin, trauert.

Erfahren in zahllosen Gesprächen mit Menschen von unterschiedlicher Kultur, Herkunft und Sprache, gelingt es Trojanow überzeugend, einen indischen Diener, eine Gruppe arabischer Beamter oder eben jenen Sidi Mubarak berichten zu lassen, als säßen wir Leser mit ihnen zusammen.

Natürlich enthält Der Weltensammler jede Menge saftig exotischen Stoff, doch gemessen an dem, was Burton zu bieten hätte, ist Trojanow zurückhaltend geblieben. Denn bei aller Abenteuerlichkeit und Weltensammlerei geht es im Kern um jenen unendlichen und gerade heute höchst aktuellen Dialog über Fremdheit und Fremde. Dem hat Ilija Trojanow in seinem großartigen, Epochen und Kulturen umspannenden Roman eine authentische, moderne und polyfone Stimme gegeben.