Literaturbeilage Der Gott der Eingeweihten

In seinen Erzählungen zeigt sich Richard Yates als stiller Meister der Sprache, der Form und der Genauigkeit

Bevor sein Name in einem Polizeiprotokoll und in den Zeitungen stand, hatte nie jemand viel über John Fallon nachgedacht.« Dies ist der erste Satz, besser, der erste Hieb einer Meistererzählung von Richard Yates, und was diesem Hieb ebenso schnörkellos folgt, ist die kurze und verhängnisvolle Geschichte eines vom frühen Morgen an missglückten Tages, der mitten in die Katastrophe führt. Doch diese Katastrophe, das, was den bisher völlig unauffälligen Fallon ins Polizeiprotokoll und in die Zeitungen bringen wird, geschieht erst in den letzten beiden Sätzen. Das ist typisch für Yates, diesen Hohe Priester der eisigen Wahrheit und der glasklaren Form: Einen Text, den man mit einem Donnerschlag enden lassen will, kann man nur ebenso beginnen. Und dazwischen, auf nicht einmal zwanzig Druckseiten, liegt die minimalistische Beschreibung jener tektonischen Verschiebungen, die unvermeidlich zum vulkanischen Ausbruch des John Fallon führen.

Richard Yates, geboren 1926 im Bundesstaat New York, ist seit Jahrzehnten eine Art literarischer Gott der Eingeweihten: Viele der besten US-amerikanischen Schriftsteller, darunter Richard Ford, Richard Russo, Stewart O’Nan, haben von ihm gelernt und sich auf ihn bezogen. Aber erst 1999, sieben Jahre nach Yates’ Tod, gelang es O’Nan, in den USA ein Yates-Revival einzuläuten. In einem Essay verglich er ihn mit Faulkner und Fitzgerald, die ebenfalls neu entdeckt werden mussten, und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass endlich auch Yates seinen verdienten Platz im Kanon der amerikanischen Literatur bekäme. »To write so well and then to be forgotten is a terrifying legacy«, gipfelte O’Nans Klage, und plötzlich begann man sich zu erinnern. Im Jahr 2000 wurde Yates’ grandioser erster Roman Revolutionary Road in Amerika wiederaufgelegt, ein Jahr später erschienen seine Collected Stories in einer Prachtausgabe. Und sie schafften es – der lebenslang erfolglose Yates hätte sich die Augen gerieben – in manchen amerikanischen Großstädten wie San Francisco, Washington und Boston sogar auf die Bestseller-Listen.

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Ein Leben, so reich und trunken, so arm und wahr

Hierzulande bemüht sich die Deutsche Verlagsanstalt nach Kräften: Sie hat, ebenfalls im Jahr 2000, Revolutionary Road unter dem etwas süßlichen Titel Zeiten des Aufruhrs, aber in der wahrhaft kongenialen Neuübersetzung Hans Wolfs herausgebracht. Und nun legt sie in diesem Frühjahr mit Elf Arten der Einsamkeit den ersten von zwei Erzählbänden vor, was ihr dreifach hoch anzurechnen ist. Denn weder hat sich Zeiten des Aufruhrs, wiewohl gut besprochen, so glänzend verkauft, dass man zwingend nachlegen musste, noch gehören Erzählbände generell zu den Lieblingsprojekten deutscher Verleger und drittens die toter Autoren schon gar nicht.

Aber dieser Richard Yates hätte eine (Wieder-)Entdeckung wahrlich verdient, wie Faulkner, wie Paula Fox, wie Raymond Carver. Seine frühen Erzählungen – bis auf die letzte und schwächste, Baumeister, sind alle in Elf Arten der Einsamkeit versammelten noch vor Revolutionary Road entstanden – gehören mit Abstand zu seinen besten Texten. Sie zeigen die unglaubliche thematische und formale Vielfalt, deren er, psychisch noch halbwegs gesund und von seinem unmäßigen Alkoholkonsum schöpferisch noch nicht beeinträchtigt, in diesen jungen Jahren fähig war.

Wie anrührend und präzise sind etwa die beiden Kindergeschichten! Die Erste, Doktor Schleckermaul, handelt von einem psychisch und sozial verwahrlosten Jungen, dessen zum Erbrechen gutwillige Lehrerin ihm das Einleben in der neuen Schule erleichtern will und ihn gerade dadurch zum Entgleisen bringt. Die Zweite, Spaß mit Fremden, schildert die Konkurrenz zweier Grundschulklassen. Die eine wird von der jungen, beliebten Miss Cleary unterrichtet, die andere von der alten, steifen und autoritären Miss Snell. Und trotzdem solidarisieren sich die Snell-Schüler mit ihrer verhassten Lehrerin, wie Kinder eben alles verteidigen, wessen sie sich nicht entledigen können, weil es plötzlich um ihren Selbstwert geht.

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