Literaturbeilage Nicht ohne meine Tochter zu schlagen
»Leyla« heißt Feridun Zaimoglus türkisch-deutsches Familienepos: Es ist der Roman zur Debatte. Selbst wenn er das nicht wollte
Wir sehen diese Leute täglich. Wir erkennen sie, an ihren Kopftüchern, dem ausweichenden Blick. Sie kamen aus Anatolien oder Istanbul in den Westen. Sie leben in unseren Metropolen, nach ihren Regeln.
Ihre Probleme sind auch unsere geworden. Sie leben hier nach ihrer Kultur und den Geboten ihrer Religion, befolgen die eigenen Sitten und Gebräuche und scheren sich, bestenfalls, nicht um uns. Im multikulturellen Überschwang haben wir das übersehen.
Sie sind uns fremd geblieben. Wir haben keine Ahnung, was sie denken und fühlen. Und erst recht nicht, was bei ihnen los ist, zu Hause. Wir grenzen sie aus. Sie grenzen sich ab. Aber uns allen ist klar, dass es so auf Dauer kaum gut gehen kann. Es brodelt. Oft genügt ein winziger Anlass, Karikaturen zum Beispiel, und es kocht. Der vielbeschworene Kampf der Kulturen wird offenbar Ernst. Die multikulturelle Gesellschaft ist sichtbar an ihre Grenzen gestoßen.
Auf diese Situation trifft der neue Roman des deutsch-türkischen Autors Feridun Zaimoglu: Leyla. Ein Familienepos, aktuell, auch mit hohem Informationsgehalt. Doch durchaus mit literarischem Anspruch, keineswegs als Beitrag für gegenwärtige Diskussionen geschrieben.
Zaimoglu wurde 1964 in Anatolien geboren. Er kam als Kleinkind mit seinen Eltern (und der Großmutter) nach Deutschland, studierte Medizin und Kunst und wurde 1995 mit dem wunderbaren Buch Kanak Sprak schlagartig berühmt. Seine Eltern sind in die Türkei zurückgekehrt. Er ist Deutscher geworden und dennoch Türke geblieben, ein gelungenes Beispiel für eine Integration, die multikulturelle Züge nicht ausschließt. Sein neuer Roman zeigt allerdings eher die Kehrseite seiner eigenen Entwicklung.
Der Roman wird weitgehend aus der Perspektive der Titelheldin erzählt, eines kleinen Mädchens, das im Laufe der Geschichte heranwächst, heiratet, einen Sohn bekommt und schließlich mit seiner Mutter und dem kleinen Kind, nach einer tagelangen Bahnfahrt, dort ankommt, wo die Menschen nicht so dunkle Gesichter haben: in Deutschland. Zaimoglu verzichtet auf alle formalen Experimente, erzählt schlicht, eindringlich, aus dem sicheren Gefühl heraus, dass sich die Dignität seiner Geschichte aus ihrem Stoff begründet.
Und er erzählt ausführlich, vor allem von einem widerlichen Despoten, Leylas Vater, dem, wie das Mädchen immer zu sagen pflegt, »Mann meiner Mutter«, ihrem »Nährvater«: Halid Bey. Ein ungeheuerliches, sozial depraviertes Ekelpaket, das sein Unglück und Versagen, all seine Enttäuschungen zuerst an seiner Frau und dann an seinen Kindern auslässt.
»Meine Mutter breitet ein Tuch über dem Boden aus, stellt den Dreifuß darauf und die Kupferplatte auf den Dreifuß. Yasmin und Selda«, Leylas Schwestern, »bringen die dampfenden Schüsseln aus der Küche. Reis, weiße Bohnen und Maulbeerenkompott. Dann sitzen wir im Kreis um die Kupferplatte herum, wir müssen so tun, als seien wir das Holz, in das er, der Schädling, sich hineinfrisst. Wir warten, dass er den Löffel in die weißen Bohnen taucht (…), fünf Bissen, erst dann dürfen die Kinder essen. Aber dazu kommt es jetzt nicht. Halid beschwert sich über die Bohnen. Die Mutter darf nichts erwidern. Es würde ihn nur noch weiter reizen. Hat einer von euch Hundewelpen ihr dabei geholfen? Los, antwortet mir! Nein, sagt meine Mutter, und plötzlich fährt er hoch, greift die Kupferplatte, geht durch den Flur und wirft sie auf den Hinterhof. Dann verprügelt er die Mutter und den Sohn, der sich schützend vor sie stellte. Als es vorbei ist, holt der Mann meiner Mutter das heilige Buch aus einer Stofftasche hervor und traktiert die Familie mit seinen Gesetzen: Hier steht es, schreit er, ihr seid meine Untergebenen. Der Schlüssel zum Paradies ist in meinen Händen, ihr Hundebrut! Nicht ich habe die Regeln aufgestellt, sondern der Erhabene, dessen Namen ihr nicht in den Mund nehmen dürft, so schmutzig seid ihr.«
In der Türkei erwacht langsam im Mädchen Leyla die Frau
Zaimoglu versteht es, diese an sich entsetzliche Geschichte attraktiv zu machen. Die kleine Leyla versucht sich mit Hilfe ihrer Geschwister der Familie zu entziehen, die Welt außerhalb zu entdecken. Erstaunlich, wie es dem Autor gelingt, die Empfindungen des Mädchens, das sich langsam zur jungen Frau entwickelt, glaubhaft und nachvollziehbar zu beschreiben. Vage werden die Verlockungen des amerikanischen Kinos sichtbar. Von »Kessrin Hepörn« schwärmen die jungen Frauen. Es ist der Versuch einer Emanzipation, in sehr, sehr engen Grenzen. »Ich habe es gelernt, in Gegenwart des Mannes meiner Mutter nicht die Augen zu schließen, ich starre auf den Fleck vor meinen Füßen. Wenn wir den Blick abwenden, schlägt er zu und brüllt: Ihr verbergt etwas vor mir! Wenn wir seinem Blick standhalten, schlägt er zu und brüllt: Wie könnt ihr es wagen, mich so widerständig anzuglotzen?«
Die Religion spielt in diesem familiären Zwangszusammenhang nur noch eine untergeordnete Rolle. Der tyrannische Vater beruft sich zwar andauernd auf die Vorschriften des Korans. Aber er hält sich, wie die Kinder bald erkennen können, selbst nicht daran. So werden für sie die Gebote, die befolgt werden müssen, bald wichtiger als der Glaube. Es ist eine andere Form der Säkularisierung, die sich hier – wenn auch nur implizit – weniger zeigt als andeutet.
Gewalt und Angst vor dem Vater sind an die Stelle der Gottesfurcht getreten. Der Vater hat die soziale Grundlage seiner beherrschenden Stellung in der Familie verloren. Er ist, durch irgendwelche Machenschaften, seine Stellung bei der Eisenbahn losgeworden, gilt nun als beruflicher Versager und spielt darum umso brutaler den Herrn im Haus. Sympathischer wird er darum nicht, doch mehr und mehr als Opfer von Verhältnissen kenntlich, denen er ebenfalls hilflos ausgeliefert ist. Sein Imponiergehabe, unter dem die ganze Familie immer wieder zu leiden hat, erweist sich als Kehrseite seines sozialen Abstiegs. Grandiose Szenen der gescheiterten und der gelungenen Brautwahl zeigen die ganze Ambivalenz dieser Verhältnisse.
In Deutschland wird sich Leyla von den Gesetzen der Männer befreien
Gegen Ende des Buches wächst in Leyla die Einsicht: »Meine Sippe besteht aus lauter Verrückten, denke ich, sie machen mir weis, daß sie nach dem Gesetz handeln, doch in Wirklichkeit leben sie nach ihren eigenen Regeln. Ich habe zwanzig Jahre meines Lebens verschlafen, das ist die Wahrheit. Ich bin nichts weiter als ein dummes sentimentales Mädchen, eine junge linkische Person«, die sich jetzt emanzipieren will. »Ich werde«, nimmt sie sich vor, »die Armut nicht als mein Schicksal akzeptieren. Ich werde die Gesetze der Männer nicht als Gottes gesprochenes Wort begreifen.«
Wie weit Leyla, die am Ende des Buches ihrem Mann, zusammen mit Sohn und Mutter, nach Deutschland gefolgt ist, diese Vorsätze auch realisieren kann, lässt Zaimoglu offen. Die Geschichte (seiner Mutter) endet mit der Ankunft in München und der Weiterfahrt nach Berlin.
Skepsis ist angebracht. Denn beim Tod des Tyrannen zeigte sich noch einmal der Zusammenhalt der Sippe. Die Bindungskraft der Familie. Sollte Botho Strauß Recht behalten, dann werden wir, die Deutschen, daran noch viel Freude haben: Der Islam hat eine soziale Integrationskraft, die für die westlichen Gesellschaften eine starke Sprengkraft bedeutet.
Feridun Zaimoglu, lebendiges Beispiel für das Gegenteil, nämlich die gelungene Integration ohne Verleugnung der eigenen Herkunft und Tradition, weckt allerdings mit seinem schrecklich-schönen Roman die schlimmsten Befürchtungen. Denn die türkischen Familientyrannen, die er beschreibt, die gibt es. Auch bei uns.
LeylaBelletristikRomanFeridun ZaimogluBuchKiepenheuer & Witsch2006Köln22,90527- Datum 22.06.2006 - 11:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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