Literaturbeilage Nicht ohne meine Tochter zu schlagenSeite 3/3
In Deutschland wird sich Leyla von den Gesetzen der Männer befreien
Gegen Ende des Buches wächst in Leyla die Einsicht: »Meine Sippe besteht aus lauter Verrückten, denke ich, sie machen mir weis, daß sie nach dem Gesetz handeln, doch in Wirklichkeit leben sie nach ihren eigenen Regeln. Ich habe zwanzig Jahre meines Lebens verschlafen, das ist die Wahrheit. Ich bin nichts weiter als ein dummes sentimentales Mädchen, eine junge linkische Person«, die sich jetzt emanzipieren will. »Ich werde«, nimmt sie sich vor, »die Armut nicht als mein Schicksal akzeptieren. Ich werde die Gesetze der Männer nicht als Gottes gesprochenes Wort begreifen.«
Wie weit Leyla, die am Ende des Buches ihrem Mann, zusammen mit Sohn und Mutter, nach Deutschland gefolgt ist, diese Vorsätze auch realisieren kann, lässt Zaimoglu offen. Die Geschichte (seiner Mutter) endet mit der Ankunft in München und der Weiterfahrt nach Berlin.
Skepsis ist angebracht. Denn beim Tod des Tyrannen zeigte sich noch einmal der Zusammenhalt der Sippe. Die Bindungskraft der Familie. Sollte Botho Strauß Recht behalten, dann werden wir, die Deutschen, daran noch viel Freude haben: Der Islam hat eine soziale Integrationskraft, die für die westlichen Gesellschaften eine starke Sprengkraft bedeutet.
Feridun Zaimoglu, lebendiges Beispiel für das Gegenteil, nämlich die gelungene Integration ohne Verleugnung der eigenen Herkunft und Tradition, weckt allerdings mit seinem schrecklich-schönen Roman die schlimmsten Befürchtungen. Denn die türkischen Familientyrannen, die er beschreibt, die gibt es. Auch bei uns.
LeylaBelletristikRomanFeridun ZaimogluBuchKiepenheuer & Witsch2006Köln22,90527- Datum 22.06.2006 - 11:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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