Immigration Vaters Land

Vor über 40 Jahren kam Drago Ljubić von Jugoslawien nach Bremen. Auf einer Reise mit seinem Sohn in die alte Heimat erzählt er ihm die Geschichte seiner Immigration.

Im Mai vorigen Jahres brach der Berliner Journalist Nicol Ljubić mit seinem Vater Drago zu einer zweiwöchigen Reise durch Kroatien, Italien und Frankreich auf. Er begab sich auf den Weg seines Vaters, den dieser Ende der fünfziger Jahre gegangen war, als er Jugoslawien verließ. Darüber hat der Sohn ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel: »Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde«. Es ist soeben bei DVA erschienen. Hier veröffentlichen wir einen Auszug.

Drago Ljubić war als Jugendlicher 1958 aus dem sozialistischen Jugoslawien geflohen und über Italien und Frankreich nach Deutschland gelangt. Der Sohn kannte viele Anekdoten über diese Zeit, aber er hatte sie nie recht glauben wollen: von der nächtlichen Flucht des Vaters durch den Wald, von seinem Leben als Illegaler in Italien, als Asylant in Paris. Dort verliebte er sich in ein deutsches Au-pair-Mädchen, das er heiratete. Mit seiner ersten Frau ging er 1962 nach Bremen. Er heiratete ein zweites Mal, die Mutter des Autors; dieser wurde 1971 während eines längeren Aufenthalts in Zagreb geboren.

In Bremen erwartete meinen Vater und seine Frau deren Großmutter. Die erste Zeit wohnten sie bei ihr, in einer Kleingartenparzelle im Dickstielweg, ein Zimmer, Küche, kein fließendes Wasser. Es war das Jahr 1962. Wir haben draußen in einen Alutopf geschissen, sagt mein Vater. Und weil ich lache, sagt er: Junge, das war so, das kannst du dir gar nicht mehr vorstellen. Er kann sich auch deshalb daran erinnern, weil es so kalt war und sie jedes Mal Jacken anziehen mussten. Elke, seine Frau, Pascale, seine Tochter, und er schliefen in der Küche. Sie blieben länger im Dickstielweg, als sie gedacht hatten: fast ein Jahr. Ich glaube nicht, dass mein Vater sich Gedanken gemacht hat darüber, dass er vier Jahre nach seiner Flucht aus der Armut Jugoslawiens wieder in einem Haus mit Plumpsklo angekommen war. Wichtiger war es, schnell Arbeit zu finden und eine Wohnung. Er ging zu Schmidt & Koch, einem Volkswagen-Händler in der Stresemannstraße, wahrscheinlich war Elke dabei, er sprach ja kein Deutsch. Sie waren nach Bremen gekommen, weil sie hofften, dort bessere Chancen zu haben als in Cäciliengroden, dem Dorf bei Wilhelmshaven, aus dem Elke kam.

Bei Schmidt & Koch hat er wochenlang Blinker montiert. Die Käfer mussten umgerüstet werden: von Winker auf Blinker. Seine Kollegen waren sauer auf ihn, weil er in einer Stunde das geschafft hat, was sie in drei schafften. 70 Mark waren normal, er hat im Akkord 110 verdient. Später bot ihm die Firma sogar eine Baracke an, in die er mit der Familie ziehen konnte. Es war die Wohnung, in der zuvor der Hausmeister gelebt hatte. Drei Zimmer, auf einem Hof, in der Einflugschneise des Flughafens, umgeben von Werkstätten. Tagsüber war überall das Klopfen und Hämmern zu hören. Aber sie hatten Strom und Wasser. Elke musste nebenbei die Büros putzen.

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Er spielt an den Armaturen des Opel Corsa herum, macht das Radio an und aus, schiebt den Regler für die Lüftung von kalt nach warm und wieder zurück. Wir sind seit zwei Wochen unterwegs, auf der Rückfahrt durch Frankreich.

Wie haben sie dich damals behandelt?, frage ich.

Gut, sagt er.

Musstest du nicht die Drecksarbeit machen?

Leser-Kommentare
  1. nach dessen Lektuere ich mir mehr Jugoslaven ins Land gewuenscht habe..denn mit denen gab es entschieden weniger Einwanderungsprobleme als mit den Tuerken.

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