Immigration Vaters LandSeite 6/6
Mit allem, dem Leben.
Haben Haus, Wohnung, Auto. Was willst du mehr? Das Einzige, sagt er und macht eine kurze Pause, das Einzige ist diese Krankheit. Er meint die Folgen einer Malaria, die er sich in Afrika holte; von einer Bauchspeicheldrüsenentzündung, einem Kleinhirninfarkt. Er musste operiert werden, sein Gleichgewichtssinn ist gestört. Das musste nicht sein, sagt er. Ich weiß auch nicht, warum mich das Schicksal so bestraft hat.
Er ist so deutsch, liebt Pünktlichkeit und Ordnung
Um 18.47 Uhr, so steht es auf der digitalen Anzeige des Opel Corsa, mit dem wir durch halb Europa, von Zagreb über Italien und Frankreich zurück nach Bremen, gefahren sind, biegen wir in die Straße, in der meine Eltern wohnen. Hat sich nichts verändert, sagt mein Vater. Außer dass die Häuser irgendwann Klinker bekamen und seit einigen Jahren in manchen Gärten Neubauten entstehen, in die die Kinder mit den Enkeln ziehen. In dieser Straße hat meine Mutter gewohnt, in dieser Straße hat mein Onkel seine erste Wohnung gehabt, nachdem er von zu Hause ausgezogen war, und in dieser Straße haben meine Eltern vor achtzehn Jahren ihre Doppelhaushälfte gekauft. Manchmal denke ich, das passt nicht. Mein Vater gehört hier nicht her, und dass er den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt, ist nur ein Ausdruck dafür. Er klagt häufig über Kopfschmerzen und macht das Klima dafür verantwortlich. Diese Kälte und dieser ewige Regen. Dann aber denke ich, das passt doch. Wo könnte jemand wie er, der sich als waschechter Deutscher sieht, anders wohnen als in einer Doppelhaushälfte? Wer hierher kommt, muss sich anpassen, sagt er jedes Mal, wenn es um Ausländer geht. Er hat sich angepasst, mehr noch. Er verkörpert sein eigenes Bild vom Deutschen. So sehr, dass es genau diese Eigenschaften sind, die mich am meisten gestört haben: Korrektheit und Pünktlichkeit. Manchmal habe ich mir gewünscht, er hätte etwas südländische Gelassenheit, aber das hat ihn schon in Griechenland aufgeregt, dass er sich auf Griechen nicht verlassen konnte: So muss man sich nicht wundern, wenn man zu nichts kommt. Wenn ich manchmal sage, ich sei zumindest zur Hälfte Kroate und froh, in Zagreb geboren zu sein, weil es mir wenigstens ein bisschen Exotik verleiht, sagt er: Junge, was willst du? Du hast einen deutschen Pass.
Meine Mutter sieht uns durchs Küchenfenster. Wir halten auf dem kleinen Hof vor der Garage. Kurz darauf geht die Haustür auf, und sie steht da, ein Geschirrtuch in der Hand. Mein Vater öffnet seine Tür. Der Alte ist da, sagt er, damit hast du wohl nicht gerechnet. Mein Vater umarmt meine Mutter, sie steht dabei auf den Fußspitzen, sie ist dreißig Zentimeter kleiner als er. Das wird aber Zeit, sagt sie. Sie hat uns früher erwartet, sich Sorgen gemacht. Und mein Vater erzählt vom Stau im Ruhrgebiet, wie wir uns im Schritttempo von Duisburg über Essen nach Recklinghausen geschoben haben. Meine Mutter sagt: Das Essen ist schon fertig, ich muss es nur noch auf den Tisch stellen. Im Garten sprudelt der kleine Springbrunnen, der Rhododendron blüht, die Hortensien, die Azaleen. Es ist Anfang Juni, allmählich wird es Sommer. Schau mal, wie schön alles blüht, sagt sie. Jeden Tag verbringt sie Stunden mit Gartenarbeit. Du solltest dich mal lieber reposieren, sagt mein Vater, in seinem Deutsch, das immer noch manchmal an die Zeit in Frankreich erinnert. Aber das kann sie nicht, sie kann nicht dasitzen und nichts tun. Mein Vater schaut sich das Wohnzimmer an, die gewaschenen Gardinen. Schön, sagt er. Wir setzen uns in die Küche. Beim Essen erzählt mein Vater von Adouche, dem alten Adouche, einem französischen Schrotthändler, der Erste, der ihm Arbeit gab. Er hat ihn wiedererkannt, als wir ihn vor ein paar Tagen besuchten. Er erzählt von Korsika und dem Hotel, das wir gefunden haben. Nur Monique, seine damalige Freundin, die Fleischerin, keine Ahnung, was aus der geworden ist. Wart ihr auch mal baden?, fragt meine Mutter. Einmal im Pool des Hotels. Und das Wetter? Gut. Die ganze Zeit hatten wir gutes Wetter, nicht einmal Regen. Aus dem kleinen Weltempfänger tönt ein deutscher Schlager. Roy Black oder so etwas Ähnliches.
Nach dem Essen geht mein Vater hinaus, zum Auto, öffnet die Motorhaube, misst den Ölstand. Dann holt er sein Heft aus dem Handschuhfach, in dem er bei jedem Tanken den Kilometerstand, die Benzinmenge und den Preis notiert hat. Er holt einen Taschenrechner aus dem Wohnzimmerschrank, setzt sich aufs Sofa und fängt an zu rechnen. Fast fünftausend Kilometer, dreihundert Liter Benzin, dreihundertsiebzig Euro. Da kann man nicht meckern, gutes Auto. Dann räumt er alles wieder weg, verstaut Stift, Heft und Taschenrechner im Fach unter dem Couchtisch und schaltet den Fernseher ein.
- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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nach dessen Lektuere ich mir mehr Jugoslaven ins Land gewuenscht habe..denn mit denen gab es entschieden weniger Einwanderungsprobleme als mit den Tuerken.
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