Adam Green beim Schreiben eines Autogramms zuzusehen ist ein Nervenkitzel der besonderen Art. Gaaaanz langsam kringelt er seinen Namen aufs Papier, fährt mit dem Stift die Bögen der Buchstaben entlang. Hingebungsvoll wie ein Grundschüler versinkt er in seinem Tun, ist ganz bei sich, als gäbe es keine Trauben von Menschen um ihn herum, die auch noch was wollen. Als ginge es im Leben ausschließlich darum, diesen einen Job in aller Ruhe zu Ende zu bringen. Mit normalem Signieren hat das nichts zu tun, es ist Action-Painting, aber in Zeitlupe, vielleicht Zen. Wenn er die Spendierhosen anhat, malt Adam ganz zum Schluss noch ein Blümchen daneben. Das ist dann meistens der Moment, in dem das Mädchen rot wird.

Viele schon hat es erwischt, seit Adam Green das Musikgeschäft durch ein New Yorker Gullyloch namens Sidewalk Café betrat, wo er in Hasen- respektive Robin-Hood-Kostümen durchtrieben naive Lieder aus dem Leben der Teenager vortrug. Nur ein paar Jahre ist das her, doch es wirkt wie eine kleine Ewigkeit, denn inzwischen kriegt er sie alle: die Independent-Mädchen, die höheren Tussis, selbst Menschen in ihren Vierzigern und große Kinder beiderlei Geschlechts. Und so ist es ja nicht, dass er nicht dafür geackert hätte. Egal welches Heft man in der letzten Zeit zur Hand nahm, immer war er drin, immer sah man ihn einen Preis entgegennehmen oder in kunstvollen Second-Hand-Lumpen Modestrecken durchwandern. Er hat mit Gero von Böhm getalkt und bei Suhrkamp veröffentlicht: Magazine, seine gesammelten Gedichte. Nicht einer der rockenden kleinen Engländer, Adam Green ist in Deutschland das Maskottchen der Stunde: ein New Yorker Prinz und Publikumsdarling auf Daueraudienz.

Green bleibt seinen Grundthemen Sex, Drogen und Adoleszenz treu

Jetzt also schon wieder eine neue Platte, kaum ein Jahr nach der letzten, gerade zupft er sich in einem Nebenraum des MTV-Gebäudes in Berlin-Friedrichshain für die Sarah-Kuttner-Show zurecht, draußen klirrt die Kälte, drinnen leuchten die Scheinwerfer, da geht es auch schon auf die Bühne. Wie Adam drauf sei, will die Kuttner wissen, und was Augenzwinkern auf Englisch heißt. Das ist lustig gemeint, denn die Kuttner-Show ist kein biederes Kulturmagazin, sondern eine ironische Veranstaltung, bei der Twens, die ganz genau wissen, wie der Hase läuft im Showgeschäft, eine Art Interviewspiel spielen, während Teens ihnen dabei zuschauen. Und Adam spielt nach Kräften mit, wälzt sich bei der Songeinlage sogar auf dem Boden. Bloß manchmal, wenn sein Mienenspiel leicht verrutscht, sieht es für Bruchteile von Sekunden aus, als sei er in Wahrheit doch ein Außerirdischer. Dann zieht er sich hinter eine Maske zurück, die kein Maskenbildner so perfekt erfinden könnte: sein Gesicht.

Das Adam-Green-Gesicht – mehr noch als seine Musik selbst hat es die Kulturdiagnostik herausgefordert: der verhangene Blick, die beachtlichen Schneidezähne im ewig offen stehenden Mund. Glamrock- und Beatnik-Reminiszenzen finden sich darin, es ist ein Gesicht, in dem kindliche Verletzlichkeit und abgebrühtestes Durchblickertum zu einem Ausdruck von Verblüffung zusammengefunden haben, den sein Besitzer nun einfach nicht mehr los wird. Unablässig staunt es vor sich hin, dieses Gesicht, weil die Welt solch ein seltsamer Ort ist und die Menschen so fremde Dinge tun. Fern von zu Hause in öden Hotels wohnen zum Beispiel. Oder Drogen nehmen zur Einsamkeitsbekämpfung. Abends schauen sie sich vielleicht im Fernsehen einen alten Hollywood-Film an. Manche sind auch nicht ganz richtig im Kopf. Das sind dann die, die Sex mit haarigen Frauen haben.

Stücke mit diesen und anderen expliziten Inhalten finden sich auf Jacket Full Of Danger, Adams soeben erschienener vierter CD. Sie erreicht uns als weiterer Auszug aus Adam Greens »Gesammeltem Staunen«. Musikalisch gesehen, fasst sie sein ganzes bisheriges Schaffen zusammen, Geigen schmeicheln, Gitarren dröhnen, nur die Stimme scheint sich um eine halbe Oktave gesenkt zu haben und klingt wie aus Jim Morrisons Gruft: Adam Green jetzt mit 30 Prozent mehr Rock. »Ich habe entdeckt, wie man aus dem Bauch heraus singt«, sagt er nach der Show dazu, guter Dinge, bloß ein wenig hibbelig: das Adrenalin, so kurz nach dem Auftritt. »Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich den Blues, ich weiß auch nicht, warum. Wahrscheinlich, weil mir keiner gesagt hat, dass ich nicht den Blues haben soll.« Aufs Ganze gesehen aber bleibt er seinen Grundthemen Sex, Drogen und Adoleszenz treu. Er selbst nennt es »Adam Music«.

Adam Music ist ein Versuch über die Dauerpubertät mit Adam Green in der Hauptrolle. Er allein holt diesen ganzen Stoff mit einer seltenen Gabe zur Selbstbeobachtung aus sich heraus, arrangiert ihn in Eigenregie zu Miniaturen voller Wohlklang und Abgründe. »Stimmt, meine Songs kommen aus einer Blase der Beschäftigung mit mir selbst«, sagt er, »die Band muss das dann hinnehmen und spielen.« Kurzes Auflachen. »Ich will ein Wissenschaftler der Worte sein.« Und noch einmal ein Geistesblitz: »Ein guter Song ist wie eine Ausgrabung. Man legt die inneren Diagramme in seinem Kopf frei.« Dann wieder sekundenlanges Schweigen, den Blick auf einen Fleck an der Wand gerichtet: Ein Gute-Laune-Typ ist Adam Green jenseits der Bühne wirklich nicht. Sein Erfolgsgeheimnis liegt woanders: Bei allem, was er sagt und singt, erkennt man den talentierten Jungen aus gutem Hause, der zum Ärger seiner Lehrer zur Gedankenflucht neigt.