Musik Steinmetz am Klavier

Die Puristen maulten über ihn, nannten ihn einen frivolen, dekadenten Ketzer, einen verdorbenen Pyrotechniker, der über die Klarheit Chopins das eigene Gedünst hängte. Leopold Godowsky wird sich manchmal gefragt haben, ob diese 21 Jahre nicht vergebene Liebesmühe waren, in denen er die Etüden op. 10 und op. 25 von Frédéric Chopin bearbeitete, um sie in einen neuen Aggregatzustand der Virtuosität und des Irrwitzes zu befördern. Liebe zu Chopin war es immer gewesen, aber sie wurde ihm nicht gelohnt. Waren die Originale denn nicht abschreckend genug?

Leopold Godowsky (1870 bis 1938), Pianist und Komponist, Student in Berlin, Schüler von Camille Saint-Saëns in Paris, Nachfolger von Ferruccio Busoni in Wien, Lehrer in Chicago und weit gereister Virtuose, war kein Spinner und kein Scharlatan, sondern ein Träumer. Er träumte von Händen, die in seiner Version von Chopins CDur-Etüde op. 10/1 wie Züge aufeinander losbrausen, aber dank blitzschnell geschalteter Weichen nicht kollidieren, sondern einander atemberaubend passieren. Er träumte von Lagenwechseln, jäh gezündeten Kontrapunkten, Wirbeln, Zusatzrhythmen. Auf einem Drahtseil in der Zirkuskuppel sollte der Klavierspieler über den Originalstücken akrobatisch tanzen. Doch man verkenne nicht die kunstsinnige Dimension solcher Artistik. Was Godowsky sich in einen Bearbeitungen ausdachte, war klavieristisches Tuning der feinsten und seriösesten Art, dem stets die Verehrung für das Original innewohnte. Nicht zu vergessen: Godowsky war Pole, ein Landsmann Chopins.

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Auftritt Boris Berezovsky, 35 Jahre, Pianist, geboren in Moskau. Er ist selber ein Athlet, der mit Repertoire-Schwergewichten umgeht, als seien sie federleicht. Den Chopin/Godowski-Etüden widmet er sich wie ein feinsinniger Steinmetz: Hart stehen die Linien im Raum, elegant schwingen die Arpeggien, wohlgerundet sind alle Formen – marmorne Skulpturen des Klangs. Wie brillant Berezovskys Spiel ist, merkt man besonders in den Bearbeitungen für nur eine, die linke Hand. Da gibt es Momente, in denen man dem Pianisten zur Erleichterung die rechte hinzuwünscht. Doch Berezovsky mogelt nicht, dafür legen wir die Hand ins Feuer – egal welche.

Etüden(Klavier) (Warner Classics 2564 62258-2)Chopin/Godowsky
 
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    • Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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    • Schlagworte Musik | Frédéric Chopin | Chicago | Moskau | Pianist | Polen | Paris | Wien | Berlin
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