Literaturbeilage Vorsicht, Risiko!
Der Historiker Paul Nolte liest unserer Gesellschaft gehörig die Leviten – aber wo bleibt die Analyse?
Mit dem Ende der alten Weltordnung und der Erosion der Industriegesellschaft haben auch mächtige Erklärungsmuster ihre Überzeugungskraft verloren. Es könnte ein Zeichen produktiver Ratlosigkeit sein, dass es gegenwärtig kaum überzeugende Versuche gibt, eine Gesamtdeutung der gesellschaftlichen Entwicklung zu wagen. Doch ermattet sind nicht nur die alten Interpretationen, sondern überhaupt der Wille und die Vorstellung, in Zusammenhängen und Perspektiven zu denken. Eine leise Entpolitisierung breitet sich aus, in den politischen Parteien, in einstmals kritischen Magazinen und Blättern, in Akademien und Universitäten wie an vielen anderen Orten der Gesellschaft.
In dieser Situation ist Paul Nolte ohne Zweifel eine herausragende Erscheinung. Mit seinem Buch Generation Reform hat er vor zwei Jahren seinen öffentlichen Anspruch angemeldet, Deutschland und die Welt anders zu interpretieren, um sie zu verändern. Inzwischen ist er auf den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin berufen. Auch in seinem neuen Buch Riskante Moderne stellt er die großen Fragen. Virtuos bewegt er sich über alle Themen und quer zu den politischen Lagern. Der Gesellschaft liest er kräftig die Leviten, ohne freilich jemanden konkret zu verstören. Was ihn von anderen unterscheidet, sind sein bekennender Optimismus und auch sein Glaube daran, dass Politik nach wie vor einen Unterschied mache. »Der ›Fortschritt‹, ohne Zweifel, ist brüchig geworden. Trotzdem haben wir die Chance, an einer etwas besseren Welt zu arbeiten.« Es ist diese Melange aus Zeitkritik und Zukunftsvertrauen, harscher Reformpredigt und moralisierendem Tremolo, einem feinen Gespür für Veränderungen und der tröstenden Hoffnung auf die Rückkehr der Werte, die nicht nur dem Präsidenten und der Kanzlerin, sondern auch in (fast) allen Parteien und in den meisten Milieus wohl gefällt.
Genau betrachtet, ist dieses Buch wie schon die Generation Reform ein Sammelwerk: Zwei Drittel der neunzehn Beiträge waren bereits veröffentlicht. Jetzt hat der Autor seine alten und neuen Texte in drei Kapiteln organisiert. Im ersten geht es um die Krise der deutschen Moderne und um Historische Erfahrungen im 20. Jahrhundert . Im zweiten Kapitel beschreibt er die Gesellschaftlichen Spannungslinien in der neuen Moderne: die neue Klassengesellschaft mit ihren Unterschichten, das Scheitern der Emanzipation und die Krise der deutschen Erwerbsgesellschaft, das Schwierige Verhältnis der Deutschen zum Kapitalismus und vieles andere mehr. Im dritten Kapitel entwirft er Politische Perspektiven, den Patriotismus als eine Form der »Selbstverbesserung« und schließlich das Leitbild einer »investiven Gesellschaft«.
So vielfältig die Themen und die dazu passenden Gedanken, Urteile und Vorurteile auch sein mögen, sie werden doch alle zusammengehalten durch charakteristische Elemente und Eigenschaften. Da ist einmal Noltes glänzender Stil, seine wahrhaft süffige Sprache, leicht und berauschend wie ein Gutedel aus dem Markgräfler Land. Sie betäubt und beruhigt und nimmt den Leser ein, weckt das Gefühl, dass der Autor irgendwie schon Recht habe, bis man dann beim nüchternen Hinschauen merkt, dass sich Satzgegenstand und Satzaussage irgendwo im Nirgendwo verlieren.
Da ist zum anderen der frische Blick des Flaneurs auf das bunte Treiben seiner sozialen Welt: Dem Phänomenologen der gesellschaftlichen Oberfläche fallen viele Erscheinungen und Entwicklungen auf, für die er hübsche Metaphern und Wendungen findet, deren hintergründige Ursachen zu erforschen aber auch ganz interessant gewesen wäre. Doch um diese beiden Aufgaben, um die Analyse der tieferen Ursachen der gesellschaftlichen Entwicklung und um die Antworten auf die Fragen und Spannungen seiner »neuen Moderne«, macht er immer wieder einen eleganten Bogen.
Den Verzicht auf politische Rezepturen mag man ihm nicht ankreiden, ganz im Gegenteil. Über den offenen Verzicht auf eine wissenschaftliche Analyse hingegen kann man nur staunen. Die Kraft der Moderne, die Nolte wieder beleben will, verdankt sich ja nicht zuletzt dem Umstand, dass sie die gesellschaftlichen Teilbereiche Wirtschaft, Religion, Politik und Wissenschaft in die Autonomie entlassen hat: mit je eigenen Regeln, Logiken und Aufgaben. Wissenschaftler sollen als öffentliche Intellektuelle durchaus politisch intervenieren. Sie werden es als Bürger umso angemessener tun, je mehr ihre Aussagen als Wissenschaftler überzeugen können. Ärzte, die heilen wollen, ohne sich um die Erkenntnisse der medizinischen Forschung zu kümmern, nennt man in anderen Kulturen Schamanen. Sie erfüllen, wie man weiß, eine wichtige gesellschaftliche Funktion.
- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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