Literaturbeilage Vorsicht, Risiko!Seite 3/3
Und wie er die konservativen Gefühle seiner Leser streichelt
In die gleiche Richtung wirken falsche Erklärungen richtiger Beobachtungen. Nolte hat auf unseren Straßen und Plätzen die wieder optisch sichtbare Geschlechterdifferenz entdeckt. Mann sieht wieder Beine und Röcke. Die Latzhosen der sanften Jungmänner sind auf dem Müll der Geschichte entsorgt. Es wird wieder in Schwarz und Weiß geheiratet. Und für Babys gibt es wie früher rote und blaue Sachen. Doch ist damit auch die Emanzipation gescheitert? Auch wenn Röcke und Kleider, Glitzer und Glamour die konservative Kulturkritik noch so sehr erfreuen: So wie »männliche« Business-Uniformen die erotische Ausstrahlung beruflich erfolgreicher Frauen nicht verbergen können, so kommen heute Energie, Intelligenz und Karriere auch auf High Heels und im Etuikleid daher. Das Auge täuscht. Die Erde ist keine Scheibe. Erfolg und Emanzipation gehen einher mit der Anerkenntnis der Differenz. Die bürgerliche Familie ist nur mit Blick nach vorn zu erneuern. Warum nur streichelt Nolte, der es doch besser weiß, dann immer wieder die konservativen Gefühle seiner Leser und Hörer, statt ihnen die Wahrheit zuzumuten?
Politik, Wissenschaft und Gesellschaftsbild sind auch bei einem anderen Thema verwoben, das Nolte bekannt gemacht hat: die Entdeckung der Unterschichten. Auch hier ist die Erkenntnis nicht neu, dass Arbeitslosigkeit die Menschen verändert und Politik und Sozialstaat in guter Absicht oft das Übel verschärfen. Es ist das Verdienst Noltes, dass er die Armuts- und Sozialstaatsfallen, die andere nüchtern beschrieben haben, öffentlich dramatisiert (»fürsorgliche Belagerung«) und deutlich gemacht hat, dass mit Geld allein soziale Probleme nicht zu lösen sind. Aber auch hier lässt ihn seine Fixierung auf die Mentalitäten nicht hinreichend nach den sozialen Ursachen fragen. Und so kommt ein neuer Ton in die Debatte: die Ästhetisierung und Moralisierung sozialer Fragen, die es so bisher in Deutschland nicht gegeben hat. Wenn sie nur andere Werte hätten, mehr Disziplin und Arbeitsmoral, wenn sie nur gute Bücher läsen und guten Umgang hätten, dann sähe ihre Lage gleich ganz anders und viel besser aus. Von den deserving poor, von den Armen, »die es nicht besser verdient haben«, spricht man in anderen kulturellen und sozialen Räumen, wenn man sagen will, dass sie an ihrer Lage im Grunde selbst schuld seien. Könnte es sein, dass die neue Bürgerlichkeit, die schemenhaft im Lande herumgeistert, zu ihrer Selbstkonstruktion die neuen Unterschichten braucht?
Paul Nolte hat ein wichtiges Buch geschrieben. Es spiegelt Strömungen der Zeit, und es macht selbst den Wind und auch die Wellen, in denen der Autor dann seine Segel setzt. Ein großes Buch ist es nicht geworden. Wahrscheinlich helfen wirklich nur die bürgerlichen Tugenden: Askese, um den Verführungen der Öffentlichkeit zu widersagen; Aufschub der Befriedigung, das nächste Buch vorzulegen; das Ethos, Wissenschaft als Beruf und als Berufung zu begreifen. Die großen Namen, die eine Zeit erklärt haben und deshalb mit ihren Werken in Erinnerung bleiben, Wehler wie Winkler, von Dahrendorf über Habermas bis Luhmann, haben alle eines gemeinsam: Sie haben zunächst als Wissenschaftler die Fachöffentlichkeit beeindruckt, bevor sie als öffentliche Intellektuelle politischen Einfluss und auch Macht über das Denken von Menschen gewonnen haben.
Paul Nolte macht die Reise in umgekehrter Richtung, warum auch nicht? Er ist eine öffentliche Figur, so oder so. Das nächste Buch wird zeigen, ob er ein Meisterdenker ist – oder nur ein erfolgreicher Schamane.
Riskante ModernePolitisches BuchDie Deutschen und der neue KapitalismusPaul NolteBuchVerlag C. H. Beck2006München19,90313- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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