Literaturbeilage Germaine die Große
Sabine Appels Biografie der Madame de Staël entdeckt eine wunderbar kluge, temperamentvolle Frau
Unter ihrem modischen Turban dampfte eines der regsten Gehirne, unter ihrem üppigen Busen pochte eines der glühendsten Herzen Europas. Die fulminante Frau schlief ihr Lebtag lang selten mehr als vier Stunden und raubte durch ihre Wachheit Geliebten, Dichtern, auch Napoleon oft den Schlaf. Auf vitale Weise vereinten sich in ihr Geist und Macht, wenn es, um 1790, über sie hieß: »Die Royalisten empfing sie am Morgen, die Girondisten zum Diner, die Jakobiner zum Souper – und bei Nacht empfing sie jedermann.«
Germaine de Staël erblickte 1766 in Paris das Licht der Welt. Bevor sie, nach vielen Umwegen, 1817 in ihrer Heimatstadt starb, hatte sie trotz eines Gehirnschlags vom Bett aus noch mühsam, aber wissbegierig an Gesprächen mit Berühmtheiten ihrer Ära teilgenommen.
Der Tochter des Bankiers und Finanzministers Necker, der Romanautorin und Entdeckerin des dichtenden Deutschland hat die Philologin und Publizistin Sabine Appel eine neue Biografie gewidmet. Die Vita Madame de Staël ist frisch und schlank formuliert, ihre Heldin kommt bewegt und bewegend zur Geltung, die Zeitereignisse sind ohne Weitschweifigkeit eingeflochten. Auffallend liebevoll hat Sabine Appel einigen Begleitgestalten den ihnen gebührenden Platz eingeräumt.
Nur einen bezwang ihre Ausstrahlung nicht: Napoleon
Als Wunderkind betrat Germaine Necker die Bühne bewegter Zeiten. Herausgeputzt nach Rokoko-Manier, disputierte schon das vorpubertäre Mädchen im Salon der Mutter mit Geistesgrößen des vorrevolutionären Frankreich und verfasste, fünfzehnjährig, einen Kommentar zu Montesquieus Verfassungsschriften. Germaine war eine der reichsten Erbinnen Europas, und Liebesgefühle, in all ihrer Verworrenheit, lernte sie durch die schließlich lebenslange Vergötterung ihres Vaters kennen, des freundlich-bedachtsamen Finanzgenies Jacques Necker: »Unter allen Männern der Welt ist er derjenige, den ich mir als Liebhaber gewünscht hätte.« Die Ehe, zu der sie 1786 mit dem schwedischen Botschafter de Staël-Holstein überredet wurde, basierte auf anderen Voraussetzungen: »Er wird mich nicht unglücklich machen, aus dem einfachen Grund, weil er zu meinem Glück nichts beitragen kann.«
Einem erfrischend selbstgewissen, klugen, emotional bisweilen niederwalzenden Menschen begegnet der Leser in Madame de Staël. Auch für sie brachte die Revolution alles Geplante ins Wanken. Während der Vater in die Schweiz entwich, kämpfte die Tochter noch für die Rettung der gemäßigten Monarchie und verstrickte sich in Liebschaften, bei denen zu jedem Zwist ihre Selbstmorddrohungen gehörten. Germaines Wirkung auf Männer war, wie ein deutscher Romantiker festhielt, kolossal: »Man vergißt alles zu Rügende über ihren herrlichen Augen, in denen eine große göttliche Seele nicht nur strahlt, sondern feuerflammt.« Die Bewunderte hingegen befand in einem bleibenden Diktum: »Die Liebe ist die Lebensgeschichte der Frauen, aber nur eine Episode im Leben der Männer.« Vor allem einen Mann bezwang ihre Ausstrahlung nicht: Napoleon. Eher fürchtete der Korse die extravagante Selbstdenkerin, die Verfechterin von Freiheit, und er wurde zum Verfolger seiner bald einflussreichsten Feindin, die er aus Paris verbannte. Von Coppet am Genfer See aus begann das fruchtbar vagabundierende Leben der Germaine de Staël.
Gleichsam als Ethnologin erschien Germaine de Staël in Frankfurt, Berlin, vor allem in Weimar, um im Eiltempo das deutsche Wesen zu erkunden und ihm durch ihr Buch De l’Allemagne Weltgeltung zu verschaffen. Ihrem Sprachfluss hielt Schiller nicht stand, und Goethe schätzte und fürchtete diese Propagandistin des Geniekults gleichermaßen. Prophetisch diagnostizierte die erregt Reisende das Himmelstürmende deutschen Geists sowie die politische Ohnmacht der intellektuellen Elite. Ebenso unverblümt gab die Pariserin andere Eindrücke wider: »Frivolität ohne französische Grazie ist etwas ganz Unerträgliches, und da die Deutschen ihrer Natur nach nicht frivol sind, wirkt ihre Heiterkeit so trist, daß man fortwährend versucht ist zu fragen: ›Warum tun sie denn so?‹« Insgesamt wurde das tabakrauchgeschwängerte, geheimnisträchtige Land für Germaine de Staël, wie Sabine Appel summiert, zum Gegenbild einer zweckhörigen und despotischen Gegenwart.
Unablässig neugierig auf Fremdes, durchquert sie halb Europa
Eine beglückende Regsamkeit vermittelt Sabine Appel, wenn sie vom freigeistig erotischen, internationalen Musenhof der Madame de Staël in Coppet berichtet, einem Arkadien, wie es nicht wiederkehrte. Langjährige Liebhaber und Getreue wie die Dichter Benjamin Constant, Adelbert von Chamisso, ein feuriger Husarenoffizier vermischten sich in dieser geselligen Betriebsamkeit mit der Mystikerin Juliane von Krüdener, der graziösen Juliette Récamier, einem Prinzen von Preußen, um allesamt des Nachts die Schlossherrin in eigenen Dramen beim Theaterspielen zu bewundern.
Unablässig neugierig auf Fremdes, durchquerte Germaine de Staël, stets von Spionen diverser Mächte verfolgt, halb Europa, auch um Kräfte gegen den Zwingherrn Bonaparte zu mobilisieren. Als eine der letzten Ausländerinnen bestaunte sie 1812, während die Grande Armée vorrückte, das noch nicht niedergebrannte Moskau. Als der Imperator drei Jahre später besiegt war, damit jedoch auch Frankreich am Boden lag, erklärte die Patriotin: »Wozu beglückwünschen Sie mich – dazu, daß ich verzweifelt bin?« Die neue Lebensbeschreibung rückt eine temperamentvolle schöpferische Frau ins Licht, welcher August Wilhelm von Schlegel schwor: »Ich bin stolz darauf, Ihr Eigentum zu sein.«
Madame de StaëlBiografie einer großen EuropäerinSabine AppelPolitisches BuchBuchArtemis & Winkler2006Düsseldorf24,90361- Datum 16.03.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.03.2006 Nr.12
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